«Meine To-Do-Listen sind oft ellenlang»
0 KOMMENTARE
1. Januar 2026 – Bruno Heller, Leiter des Zolliker Ortsmuseums, hat grosse Pläne für ein neues Kulturhaus in der Villa Meier-Severini am Dufourplatz. Daneben hat er im Dienst der Gemeinde eine Menge anderer Aufgaben zu erfüllen, was nicht immer einfach ist.

Mein Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Als Erstes mache ich mir einen Kaffee und bereite den Porridge für unseren sechsjährigen Sohn zu. Das ist eine heikle Angelegenheit, weil er keine Früchte isst, wir ihm aber unbedingt einen Apfel in seinen Frühstücksbrei schmuggeln wollen. Also schäle ich den Apfel und raffele ihn sehr fein. Unsere dreijährige Tochter ist das Gegenteil: Sie isst fast alles, was man ihr vorsetzt.
Meine Frau ist inzwischen auch aufgestanden, und einer von uns weckt gegen 7 Uhr beide Kinder. Unseren Sohn begleiten wir auf dem Schulweg, weil er eine stark befahrene Strasse mit Autos und Trams überqueren muss. Wir wohnen in Zürich im Kreis 6, ganz in der Nähe des Schaffhauserplatzes. Auch unsere Tochter bringen meine Frau oder ich in die Kita.
Bei schönem Wetter fahre ich mit dem Velo oder unserem Cargo-E-Bike, in dem ich auch die Kinder mitnehmen kann, nach Zollikon. Die 25 Minuten sind ein Genuss. Häufig sause ich an Dutzenden von Autos vorbei, die im Stau stehen.
Mein Büro befindet sich im Gemeindehaus. Ich habe ein 80-Prozent-Pensum und bin die meiste Zeit vor Ort. Homeoffice ist mit kleinen Kindern nichts für mich. Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag bin ich in Zollikon, dazu natürlich immer wieder am Wochenende, wenn im Ortsmuseum Veranstaltungen stattfinden.
Sobald ich am Computer sitze, checke ich meine Mails. Ich bekomme viele Nachrichten pro Tag. Meine To-do-Liste ist oft ellenlang. An einem intensiven Tag kann sie schon mal 20 Punkte umfassen. Die Themen sind sehr vielfältig, denn mit meiner Anstellung bei der Gemeinde trage ich mehrere Hüte.
Zum Einen bin ich verantwortlich für den gesamten Museumsbetrieb. Dazu gehören Führungen und Workshops für Schulklassen oder Gruppen. Zudem kuratiere ich die Ausstellungen, sammle Informationen und Material wie Bilder, Fotos oder Dokumente und bereite alles für die Präsentation vor. Im Hinterkopf entstehen oft schon Ideen für die nächste – in meinem Fall sogar die übernächste – Ausstellung.
Hut Nummer zwei: Ich betreue die Zolliker Kunstsammlung und die ortsgeschichtliche Sammlung, wozu auch eine Fotothek mit rund 18’500 digitalisierten Bildern gehört. Immer wieder melden sich Personen, die Fotos von ihrem Haus suchen oder etwas schenken möchten. Da ruft mich der Sohn eines Verstorbenen an und erzählt, er habe auf dem Dachboden seines Vaters ein Bild von Zollikon gefunden. Ob wir daran Interesse hätten.
Hut Nummer 3: Sekretär des Fachbeirats Kultur. Der Aufwand dieses Gremiums nimmt stetig zu. Zweimal pro Jahr führen wir Gesuchssitzungen durch. Vereine, Institutionen oder Einzelpersonen beantragen finanzielle Unterstützung: Die Feuerwehr bittet um einen Beitrag für ihr Herbstfest, eine Künstlerin im Atelier Paul Bodmer für ein Projekt, die Zürcher Kammeroper um kommunikative und finanzielle Unterstützung für ihre neue Inszenierung. Der Kulturkreis Zollikon ist ein wichtiger kultureller Akteur und erhält 20’000 Franken pro Jahr. Neu stehen uns 20’000 Franken statt wie bisher 10’000 Franken für sogenannte «unvorhersehbare Unterstützungsgesuche» zur Verfügung. Nach den Sitzungen schreibe ich das Protokoll und veranlasse die Zahlungen.
Ich könnte zahlreiche weitere Aufgaben, Anfragen und Erledigungen aufzählen, die mich Tag für Tag auf Trab halten. Die Villa Meier-Severini am Dufourplatz kann derzeit als Zwischennutzung gemietet werden; kürzlich zeigte die Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen dort eine Ausstellung. Bei solchen Projekten bin ich im Vorfeld in Gespräche eingebunden, gebe Ratschläge oder weise auf unsere Kulturförderungen hin.
Und natürlich beschäftigt mich das geplante Kulturhaus Zollikon in der Villa Meier-Severini. Das Projekt ist mit Anforderungen und vielen baulichen Fragen verbunden und erfordert zahlreiche Gespräche innerhalb der Gemeindeverwaltung, mit der Denkmalpflege, Architekten sowie weiteren Akteuren. Vieles läuft im Hintergrund, aber es ist schön zu sehen, wie das Projekt vorankommt. Gemeinsam mit meiner Vorgesetzten Claudia Valler versuche ich die Fäden zusammenzuhalten.
Meine Frau sagt manchmal: ‹Das ist Wahnsinn, was du alles machen musst.› Es stimmt: Es gibt Momente, in denen ich mich zwischen den vielen Anforderungen zerrissen fühle und denke: ‹Mensch, du verzettelst dich!› Um mich zu erden, habe ich mit einer Atemtherapie begonnen. Sie hilft mir, stärker auf meine Bedürfnisse zu achten und auch einmal Nein zu sagen.
Es fällt mir natürlich auch deshalb schwer, mich besser abzugrenzen, weil ich die allermeisten Arbeiten, die zu meinem Aufgabenfeld gehören, wahnsinnig spannend finde. Ein besonders schönes Projekt war jenes, dank dem nun jedes Sitzungszimmer im Gemeindehaus nach einer lokalen Künstlerin oder einem lokalen Künstler benannt und mit einem Werk aus der Zolliker Kunstsammlung ausgestattet ist. Neben dem Bodmersaal gibt es nun auch das Sitzungszimmer Fanny Brügger, das Emy-Fenner-Zimmer oder das René-Scheidegger-Zimmer.
Mein Lieblingsmoment ist jeden Tag das Mittagessen in der Kantine der EPI-Klinik. Es gibt keinen schöneren Ort und kein besseres Kantinenessen als dieses.
Am Nachmittag geht es weiter im Takt. Erfreulich: Wir liegen mit den Ausgaben fürs Ortsmuseum im Budget, ja, sogar darunter. Interessant: Ein Nachfahre des bemerkenswerten Zolliker Malers René Lackerbauer möchte der Gemeinde zwei weitere Werke übergeben. Wichtig: Als Gemeindeangestellte müssen wir einen Online-Workshop zu Cyber Security und Präventionsmassnahmen absolvieren.
Oft schaffe ich nicht alles auf meiner To-do-Liste. Dessen ungeachtet verlasse ich spätestens um 17.30 Uhr das Büro oder Museum und fahre nach Hause. Meine Frau hat dann bereits die Kinder abgeholt. Ich habe mir auf Geheiss meiner Atemtherapeutin angewöhnt, einmal richtig tief durchzuatmen, bevor ich die Haustüre öffne. Anschliessend bin ich voll und ganz bei meiner Familie.
Wir essen zusammen. Um 19 Uhr teilen wir uns die Aufgaben: Einer bringt die Kinder ins Bett, der andere räumt die Küche auf. Das Ins-Bett-Bringen heisst jeden Abend Vorlesen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil eine Dreijährige und ein Sechsjähriger unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Kleine will vor allem Bilderbücher, der Grössere steht mehr auf erzählte Geschichten. Sein Lieblingsbuch, mit dem für einmal auch seine Schwester etwas anfangen kann, ist ‹Lou entdeckt die Nachbarschaft›, in dem anhand von Tieren verschiedene Familienmodelle gezeigt werden. Kommt dazu, dass er selber auch Lou heisst. Beliebt bei beiden sind Astrid-Lindgren-Bücher wie ‹Carlsson auf dem Dach› oder Asterix-und-Obelix-Comicbände. Manchmal schlafe ich beim Vorlesen selbst ein. Lichterlöschen ist auf jeden Fall um 21 Uhr.
Nachher mache ich nicht mehr viel. In der Regel gehe ich um 22 Uhr ins Bett. Wenn mir viel durch den Kopf geht, schlafe ich schlecht. Mein Beruf läuft das ganze Jahr hindurch auf hoher Intensität. Er macht grossen Spass, ist aber teilweise auch sehr anspruchsvoll.»
«Talk am Puls», Donnerstag, 8.Januar 2026. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Eintritt frei. Gastgeber im Café am Puls ist Pfarrer Simon Gebs.
Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gern hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch gern in Ihrem Netzwerk teilen.