Balanceakt zwischen Trauer und Trotz

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6. Januar 2026 – Die Tragödie von Crans-Montana, bei der 40 junge Menschen starben und knapp 120 schwer verletzt wurden, lässt uns sprachlos und verstört zurück. Pfarrer Simon Gebs gestaltete am Sonntag einen Gottesdienst, mit dem er zum Neujahrsbeginn die unterschiedlichsten Bedürfnisse zu befriedigen versuchte.

Pfarrer Simon Gebs in der reformierten Kirche in Zollikerberg (Foto: ZN)
Pfarrer Simon Gebs in der reformierten Kirche in Zollikerberg (Foto: ZN)

VON BARBARA LUKESCH

Gebs begab sich auf eine Gratwanderung. Am letzten Sonntag, nur drei Tage nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana, war er verantwortlich für den Yellow Church-Gottesdienst im Zollikerberg. So stand er um 18 Uhr vor den knapp 100 Besuchenden und setzte an zu dem Versuch, eine angemessene Form zu finden zwischen einem Gedenk- oder Solidaritätsgottesdienst und einem Neujahrsanlass, an dem ein Pfarrer vor allem Mut und Zuversicht für die Zukunft verbreiten möchte.

Er stand nicht im Talar vor seiner Gemeinde, sondern in einem Wollpullover und einer cognacfarbenen Hose. Und er machte keinen Hehl daraus, dass auch er, der erfahrene Seelsorger und langjährige Careteam-Mitarbeiter, nicht genau wusste, was er sagen sollte. Freimütig räumte er ein: «Ich habe keine Ahnung, wo wir im Laufe der kommenden Stunde landen werden.»

Natürlich sei auch er total betroffen, wenn er an die vielen Jungen denke, die ihr Leben viel zu früh verloren hätten oder schwerstverletzt in den Krankenhäusern behandelt würden. Er habe zahllose Artikel dazu gelesen, habe auf seinem i-Phone rauf- und runtergescrollt, Blick, Tagi, NZZ, alles, um sich ein Bild zu machen. Dem Radio habe er ein ausführliches Interview zum Thema Carearbeit gegeben und sei mit einzelnen Seelsorgern im Unispital Zürich bei Angehörigen von Verletzten gewesen. Crans-Montana, dieser «Meteoriteneinschlag», nach dem nichts mehr wie vorher sein werde, sei omnipräsent und hinterlasse «massivste Eindrücke» nicht nur bei den Betroffenen und ihren Angehörigen, sondern auch bei den Einsatzkräften, Ärztinnen, dem Pflegepersonal, den Behörden und vielen Menschen weit darüber hinaus.

So bat er die Anwesenden zunächst um «ein stilles Gedenken». Diese Minute, so kurz sie auch war, tat gut. Für einmal innehalten, schweigen, in sich hineinhorchen und trotzdem die Nähe anderer Menschen spüren. Ein Gebet und einige Zeilen des besinnlichen Lieds «Oh Lord hear my prayer!» schlossen sich an.

«Das Leben ist nie sicher»

Pfarrer Gebs äusserte gleichzeitig sein starkes Bedürfnis, nicht in «unendlicher Betroffenheit» zu versinken. Einmal mehr schöpfte er aus seiner Carearbeit, die ihn schon an die Schauplätze vieler Tragödien, Unfälle, aber auch Tötungsdelikte und Suizide geführt hatte. Er staune immer wieder, erzählte er, wie Menschen die «happigsten, himmeltraurigsten Schicksalsschläge» erleiden und dennoch so etwas wie «posttraumatisches Wachstum» erleben würden: «Allem Schrecklichen zum Trotz entdecken sie eines Tages wieder Wertvolles, Perlen, die das Leben kostbar machen.»

Das solle kein billiger Trost sein, beteuerte er, «auf keinen Fall». Aber die intensive Beschäftigung mit Crans-Montana habe in ihm auch so etwas wie «Trotz» geweckt. Er habe so deutlich wie selten gespürt, dass es keine «Maximalgarantie für das Gelingen des Lebens» gebe: «Das Leben ist nicht total berechenbar, es ist auch nie ganz sicher.» Und auch wenn Menschen vom Schmerz schier erdrückt werden, gehe das Leben weiter, müsse es weitergehen.

«10 Prozent Magie»

Und so schaute Gebs nach dem besinnlichen Teil des Gottesdienstes auch wieder vorwärts, ins neue Jahr. Ein Freund habe ihm einmal gesagt, das Leben bestehe zu 90 Prozent aus Planung, Kontrolle und Disziplin: «Die restlichen 10 Prozent sind Magie.» Er wolle den Gedanken weiterspinnen und daran eine «Art Lebenskunst» anknüpfen, die darin liege, Überraschungen zuzulassen, auch einmal ein Wagnis einzugehen und der Welt mit Neugier zu begegnen.

Neugier, führte er weiter aus, zeige sich auch darin, dass wir Fragen stellen statt immer schon «fertige Antworten parat zu haben». Kinder würden sich der Welt fragend nähern, während Erwachsene immer schon alles wüssten: «Kinder eröffnen sich auf diese Weise neue Räume.»

Ausgehend von dieser Idee stellte er den Anwesenden einige Fragen und bat sie darum, sich dazu allein oder im Gespräch mit den Banknachbarn Gedanken zu machen. So wollte er beispielsweise wissen, welche Erfahrung die einzelnen Besucherinnen und Besucher im Jahr 2025 besonders geprägt habe. Oder was sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben gemacht hätten. Aber auch etwas komplexer: Wo man Ende 2026 mit seinem Glauben stehen möchte. Das sofort einsetzende Gemurmel zeigte, wie anregend diese ungewohnte Form des Gottesdienstes war.

Ein Song der Band «Yasmine and the b-sides» leitete über zum traditionellen Kerzenritual, an dem ein Grossteil der Gemeinde teilnahm: eine Kerze entzünden in Erinnerung an einen Menschen, ein Erlebnis oder ein Thema, das einen stark beschäftigt.

Es war tröstlich, diesen eiskalten Sonntagabend in Gegenwart anderer Menschen verbringen zu können. Yasmine, die Bandleaderin, verabschiedete das Publikum, indem sie «Es guets Neus» fast unhörbar ins Mikrofon hauchte.

Im «Tages-Anzeiger» vom Dienstag sagte eine junge Frau aus Crans-Montana, die bei der Katastrophe Freundinnen und Freunde verloren hatte: «Wir werden noch viel Zeit brauchen. Aber vielleicht ist das hier heute auch der Anfang von irgendetwas.» Sie drückte damit aus, was Pfarrer Gebs gemeint hatte: dass aus dem Schrecklichen irgendwann auch etwas Wertvolles, Kostbares wachsen kann.

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