Ein grosses musikalisches Vergnügen

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7. Januar 2026 – Mit Gaetano Donizettis «Melodramma giocoso» «Don Gregorio» präsentiert die Zürcher Kammeroper in ihrer mittlerweile zur Tradition gewordenen Zolliker Aufführung ein unbekanntes Werk des grossen Opernkomponisten. Das Publikum kam in den Genuss eines unterhaltsamen Abends.

Plötzlich Opa: Giulio Antiquati mit Schwiegertochter und Sohn Enrico   (Fotos: Dennis Yulov)
Plötzlich Opa: Hausherr Giulio Antiquati mit Familie (Fotos: Dennis Yulov)

VON ADRIAN MICHAEL

«Don Gregorio» entstand 1823/24 und wurde am 4. Februar 1824 in Rom unter dem ursprünglichen Titel «L’ajo nell’imbarazzo» («Der Hauslehrer in Verlegenheit») erfolgreich uraufgeführt. Das Werk wurde bald in zahlreichen italienischen Städten sowie erstmals auch ausserhalb Italiens gezeigt, unter anderem in Wien, Dresden, Barcelona und Rio de Janeiro. 1826 revidierte Donizetti die Oper und gab der zweiten Fassung den Namen «Don Gregorio».

Wie es von einer Opera buffa zu erwarten ist, verläuft die Handlung turbulent mit allerlei Verwicklungen. Wir befinden uns um das Jahr 1900 in der Villa des wohlhabenden Kaufmannes Don Giulio Antiquati – dessen Familienname auf seine konservative Einstellung hindeutet. Er ist verheiratet mit Donna Wanda, deren Bruder Eriprando als zweiter Sekretär bei ihrem Gatten angestellt ist – einen ersten gibt es nicht.

Die beiden Söhne Enrico und Pippetto werden von ihrem Vater streng erzogen, keine Ablenkung soll sie vom Pfad der Tugend abbringen, vor allem sollen sie vor dem Kontakt zu jungen Frauen bewahrt werden! Ihre Mama darf sich nicht in die Erziehung einmischen, sie hat nichts zu sagen und im Schatten ihres Gatten möglichst unauffällig zu leben. Unterrichtet werden die jungen Männer vom Hauslehrer Don Gregorio, der auch in der Villa wohnt.

Haben Gesprächsbedarf: Giulio Antiquati und der Hauslehrer Don Gregorio
Haben Gesprächsbedarf: Giulio Antiquati und Hauslehrer Don Gregorio

Enrico jedoch ist heimlich verheiratet mit Gilda und hat mit ihr einen Sohn, Bernardino. Sein Bruder Pippetto hat sich in die nicht mehr ganz junge Haushälterin Leonarda verliebt. Don Gregorio erfährt von diesen Geheimnissen, will sie bewahren und versucht, die Söhne zu unterstützen. Aber natürlich kommt alles ans Tageslicht.

Gilda erlebt – anders als Rigolettos Tochter – am Ende keinen Untergang, sondern einen grossen Erfolg: Ihr gelingt das Kunststück, den tyrannischen Schwiegervater mit dem Enkelkind im Arm zum liebenswerten Grosspapa umzuformen. Alles löst sich in Minne auf, wie es sich für eine Opera buffa gehört.

Ein in Vergessenheit geratenes kleines Meisterwerk

Auch dieses Jahr hat sich das kleine Orchester wieder vor der Bühne eingerichtet. Das Licht geht aus, der musikalische Leiter Caspar Dechmann betritt den fast vollständig besetzten Saal, die Ouvertüre ertönt. Schon bald lässt eine Passage aufhorchen: War da nicht ein Crescendo, das doch sehr an Rossini erinnert?

Dann öffnet sich der Vorhang. Links ist auf einem Podest ein Schlafraum angedeutet, rechts ein Büro mit einem Schreibtisch. Abgeschlossen wird die Bühne durch einen roten Vorhang, der, wie sich später zeigen wird, je nach dem Geschehen seine Farbe ändern kann und einmal als Projektionsfläche dient (Lichtgestaltung: Markus Brunn).

Bis die ersten Takte erklingen, muss man sich einige Minuten gedulden: Der Sekretär Eriprando (Niklaus Rüegg) ist neben anderen Hausangestellten eine der Figuren, die Paul Suter (Regie und Texte) der Handlung hinzugefügt hat. Diese treten jeweils in den deutsch gesprochenen Szenen zwischen den Musiknummern auf und bringen die Handlung voran. Einerseits bremst dies etwas den musikalischen Ablauf, andererseits sorgen die Personen immer wieder für amüsante Spielszenen – wie zum Beispiel der Gärtner, der immer wieder mit seinem Bäumchen aufkreuzt.

Mit Julius Cäsar setzt dann die Handlung ein: Don Gregorio prüft Pippettos lateinische Rechtschreibung mit einem Diktat: «Gallia est omnis divisa in partes tres…»  Der Auftritt des Hausherrn Don Giulio führt zum ersten musikalischen Highlight. Hier zeigt sich erstmals die Qualität des Zusammenspiels der Sängerinnen und Sänger: Stimmen und Instrumente verbinden sich zu einem leichten und präzisen Gesamtklang, kongenial begleitet vom solistisch besetzten Streicher- und Bläserensemble.

In diesen Gruppenszenen erweist Donizetti auch Gioachino Rossini seine Reverenz: Das Tempo, schnelles Wortgeplapper und der rhythmische Drive am Schluss fast aller Ensembles erinnern an die grossen Crescendi des Altmeisters der italienischen Opera buffa, wie sie zum Beispiel in «La Cenerentola» zu hören sind. Immer wieder weisen auch einzelne Momente auf Donizettis spätere Meisterwerke «Don Pasquale» und «Elisir d’amore» hin.

Fulminantes Streitduett

Die skurrile Männerwelt bietet reichlich Anlass zum Lachen. Als Don Gregorio überzeugt Yves Brühwiler mit grosser Bühnenpräsenz und sonorem Bariton, Erich Bieri zieht für den pedantischen Patriarchen überzeugend alle Register seiner grossen Bühnenerfahrung. Für die Hasenfüsse von Söhnen erweist sich das Tenorfach als ideal: Christoph Waltle verleiht Enrico die Stimme für dessen Gejammer, während Valérian Bitschnau den jugendlichen Pippetto mit präziser Leichtigkeit gestaltet. Judith Lüpold sorgt als Leonarda – besonders im fulminanten Streitduett mit Gilda – für eine der amüsantesten Szenen des Abends. Hartmut Kriszun fügt sich als Diener Simone nahtlos in den Chor ein, der mit seinen zahlreichen Figuren auch als farbige Schauspieltruppe fungiert.

Leonarda und Gilda im Streitduett
Leonarda und Gilda im Streitduett

Im Zentrum des Abends steht jedoch Gilda, bzw. die Sopranistin Anna Gitschthaler mit ihren zwischen gespielten und echten Emotionen schillernden Szenen. Was sie während der beiden Akte an Bühnenpräsenz und sängerischer Bravour bietet, gipfelt in der Schlussszene mit perlenden Läufen und strahlenden Spitzentönen.

Überzeugend ist der gelungene Ausgleich zwischen Slapstick-Momenten, ruhigeren Passagen und gesprochenen Szenen. Alles in allem genoss das Publikum also eine überzeugende Aufführung eines zu Unrecht in Vergessenheit geratenen kleinen Meisterwerks des 26-jährigen Donizetti. Der lang anhaltende Applaus war mehr als verdient!

Viel Applaus für das Ensemble und das Orchester (Foto: Adrian Michael)
Applaus für das Ensemble der Zürcher Kammeroper (Foto: Adrian Michael)

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Sonntag, 11. Januar, 15 Uhr
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