Tempo 50 oder ein sicherer Schulweg?

7 KOMMENTARE

15. Januar 2026 – Der Kanton will die Bergstrasse zwischen Dufourplatz und Gemeindehaus sanieren. Dass er Tempo 50 beibehalten will, löst bei Eltern grosse Sorge aus. Sie fordern Tempo 30, damit ihre Kinder die Strasse sicher überqueren können. Bei den Behörden finden sie vorerst keinen Rückhalt.  (7 Kommentare)

15. Januar 2026 – Der Kanton will die Bergstrasse zwischen Dufourplatz und Gemeindehaus sanieren. Dass er Tempo 50 beibehalten will, löst bei Eltern grosse Sorge aus. Sie fordern Tempo 30, damit ihre Kinder die Strasse sicher überqueren können. Bei den Behörden finden sie vorerst keinen Rückhalt.  

Schulmarkierung auf der Bergstrasse (Foto: ZN)
Schulmarkierung auf der Bergstrasse (Foto: ZN)

VON RENE STAUBLI

Geplant ist die Instandsetzung der Fahrbahn, die Neuanordnung der Bushaltestellen und ein bergwärts führender Velostreifen. Wer wollte, konnte beim Kanton bis am 8. Dezember Eingaben und Anregungen zum geplanten Umbau einreichen. Laut Baudirektion gingen aus Zollikon 11 schriftliche Einwendungen ein – 10 von Privatpersonen und eine von der Gemeinde.

Den Privatpersonen ging es primär um die Schulwegsicherheit und damit auch um die Forderung nach Tempo 30. Nur Tage nach Ablauf der Frist wurde oberhalb des Dufourplatzes im dichten Nebel ein Knabe von einem Auto angefahren – für besorgte Eltern ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit, den Verkehr auf der vielbefahrenen Bergstrasse zu beruhigen. Von den rund 450 Kindern im Schulhaus Oescher und den 250 SekundarschülerInnen im Buechholz überqueren viele die Bergstrasse zwei- bis viermal pro Tag.

 «Tempo 30 führt nachweislich zu viel weniger Verkehrsunfällen und sollte bei einem so wichtigen Schulweg eingeführt werden», heisst es in der Eingabe einer Privatperson. Im Bereich des Fussgängerstreifens bei der Bushaltestelle Gemeindehaus sei es in den letzten 5 Jahren zu 4 erfassten Unfällen gekommen: «Wenn es bei einem so wichtigen Fussgängerstreifen praktisch jährlich Unfälle gibt, müsste die Sicherheit verbessert werden.»

«Was muss noch passieren?»

Die im «Althus» an der alten Landstrasse 45 wohnhafte Christina Caprez gehört zu den besorgten Eltern. Als Mutter habe sie schon oft erlebt, wie gefährlich die Bergstrasse sei: «Einmal überquerte ich mit dem Baby im Tragtuch den Zebrastreifen oberhalb des Dufourplatzes, als mir ein Auto von oben kommend den Weg abschnitt.» Ein anderes Mal habe sie beobachtet, wie ein Kind von einem Autofahrer mittags auf dem Zebrastreifen bei der Schule übersehen wurde – «das Auto bremste scharf wenige Zentimeter vor dem Kind». Und nun, vor drei Wochen, der Junge, der angefahren wurde und im Spital behandelt werden musste. «Was muss noch passieren, damit die Gemeinde und der Kanton Handlungsbedarf sehen?», fragt Christina Caprez. Als Mutter einer Primarschülerin sei sie enttäuscht, dass der Schutz der Kinder keine Priorität habe.

Merkwürdige Argumentation

Dem Kanton geht es offensichtlich weniger um den Schutz der Kinder vor Unfällen als um den der Anwohner vor Lärm. Eine Temporeduktion sei nicht nötig, um die Vorgaben des Lärmschutzes erfüllen zu können, heisst es, man plane stattdessen den Einbau eines «Flüsterbelags». Irritierend ist, dass der Kanton die Bodenmarkierungen «Schule» entfernen will, «weil das Überfahren der Bodenmarkierungen die Wirkung des lärmarmen Belags reduzieren würde».

Auch in der Eingabe der Gemeinde war die Sicherheit der Kinder kein Thema. Sie bat den Kanton unter anderem darum, die Markierung für die Feuerwehr beizubehalten, auf den bestehenden Baumbestand Rücksicht zu nehmen und «eine ansprechende Lösung» für die Stützmauer und Gestaltung rund um das Gemeindehaus und die Haltestelle zu finden.

Auf Nachfrage heisst es bei der Gemeinde, Zollikon verfüge über ein von der Bevölkerung verabschiedetes Verkehrskonzept mit Tempo 30 auf allen Quartierstrassen. «Auf den verkehrsorientierten und vom ÖV benutzten Strassen, die mehrheitlich Kantonsstrassen sind, soll weiterhin Tempo 50 gelten, damit der Verkehr nicht in die Wohnquartiere ausweicht.»

Die Schule wartet ab

Schulpräsidentin Claudia Irniger sagt, man habe sich schon vor Jahren sehr stark für die Schulwegsicherheit der Kinder eingesetzt und erreicht, dass der Kanton auf der Bergstrasse  Bodenmarkierung angebracht habe.

Warum hat die Schule diesmal darauf verzichtet, beim Kanton Massnahmen zur Sicherheit der Schulkinder einzufordern? Irniger sagt, man werde die Entwicklungen an der Bergstrasse zusammen mit der Gemeinde «genau verfolgen». Erst nach Abschluss des Projekts werde man beurteilen können, «ob weitere Anpassungen im Rahmen der Schulwegsicherheit nötig sein werden».

Das Überqueren der Strasse sei für Kinder «etwas vom Schwierigsten und ein wichtiger Lernprozess», heisst es in einem schriftlichen Statement der Schule. Dies werde ab Kindergarten mit VerkehrspolizistInnen geübt, auch an der Bergstrasse. Es sei an den Eltern, den Schulweg der eigenen Kinder so lange zu üben, «bis es die Gefahren kennt und sich vorsichtig verhält». Das «Zusammenspiel der Massnahmen zwischen Schule und Eltern» sei «die wichtigste Basis, dass sich Kinder im Strassenverkehr sicher bewegen».

Betroffene Eltern sagen, das Problem werde von den Behörden unterschätzt: «Wenn man im Oescher das Thema Verkehrssicherheit anspricht, berichten fast alle spontan von einer brenzligen Situation, die sie erlebt haben. Wir sehen täglich, wie Automobilisten vom Dufourplatz kommend beschleunigen und mit hoher Geschwindigkeit auf den Fussgängerstreifen bei der Schule zufahren.» Es sei «nur eine Frage der Zeit, bis wieder etwas passiert».

Quittung für die Abstimmung

Der Kanton weist darauf hin, «dass die Zolliker Stimmbevölkerung am 30. November 2025 der Mobilitätsinitiative mit 67,72 Prozent Ja-Stimmen zugestimmt hat». Die Initiative sei auch von der Zürcher Stimmbevölkerung klar angenommen worden. «Sie verlangt, dass die Herabsetzung der Geschwindigkeit auf Kantonsstrassen und Strassen mit überkommunaler Bedeutung möglichst vermieden werden soll.»

So kollidieren auf der Zolliker Bergstrasse exemplarisch die Interessen der Automobilisten, die mit 50 unterwegs sein wollen und jene der Väter und Mütter, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen und auf Tempo 30 drängen. Dass die Autos nach der geplanten Entfernung der Bodenmarkierungen «Schule» flüsternd unterwegs sein können, scheint den Verantwortlichen wichtiger als der Schutz der Kinder auf dem Fussgängerstreifen.

Noch besteht allerdings Hoffnung. Der Kanton will in den nächsten Monaten sämtliche Einwendungen prüfen, also auch den Wunsch nach Beibehaltung der «Schule»-Markierung und die Frage, ob Tempo 30 aus Gründen der Verkehrssicherheit angebracht sei. Diese Möglichkeit erlaubt das kantonale Strassengesetz nach wie vor. Das definitive Bauprojekt will der Kanton Anfang 2027 vorlegen. Dann sind weitere Einsprachen möglich – auch von der Gemeinde und der Schule.

………………..

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen:

7 KOMMENTARE

Ob Tempo 30 oder 50 – an dieser Stelle sollte man eine Unterführung bauen (muss ja nicht mit fünf Jahren Bauzeit sein). Vernünftige Autofahrer fahren hier nicht mit 50 durch, auch wenn es erlaubt wäre. Die ständig wechselnden Geschwindigkeitsbegrenzungen mit Piepsereien im Auto lenken laufend ab vom Gebot, die Geschwindigkeit den Verhältnissen anzupassen. Das wird vollkommen vergessen. Auch 30 kann zu viel sein. Jeder fährt die Begrenzung aus, was auch immer sie ist, Schnee, Eis, hell, dunkel… ein Unding.

Wir begleiten unsere beiden Kindergartenkinder jeden Morgen über den Dufourplatzkreisel – wir lassen sie zwar vorgehen, aber wir sind immer dabei, auch wenn die Schule empfiehlt, die Kinder selbstständig gehen zu lassen. So oft geben die Autofahrer noch schnell Gas kurz vor dem Kreisel und übersehen die wartenden Kinder, selbst LKW’s und Lieferwagen. Manchmal sogar drei hintereinander. Mit Tempo 30 bei der Zufahrt zum Kreisel und Kameras wäre es bestimmt sicherer. Ist das keine sinnvolle Investition für das Leben unseres Nachwuchses?

Tempo 30 reduziert die Anzahl Unfälle oder die Folgen von Unfällen massiv. Lässt sich leicht mit minimalen physikalischen Kenntnissen erklären. Nebeneffekt Lärmreduktion auch. Die Stimmbevölkerung von Zollikon hat mit einer 2/3-Mehrheit die Mobilitätsinitiative angenommen resp. sich deutlich dagegen ausgesprochen, dass die Gemeinde Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen in eigener Kompetenz definieren kann (oder war der wahre Grund, der Stadt Zürich eins auszuwischen, weil die etwas hatten, was Zollikon nicht hatte?). Da waren, nur schon statistisch gesehen, ganz viele Eltern unter den JA-Stimmenden. Jetzt die Gemeinde oder Schule verantwortlich zu machen, dass in diesem Abschnitt kein Tempo 30 signalisiert wird, ist schon etwas dreist. Soll sich doch die autophile SVP als vehemente Befürworterin der Mobilitätsinitiative resp. Gegnerin von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen für die, aus meiner Sicht, absolut sinnvolle Signalisierung von Tempo 30 in diesem Abschnitt stark machen. Ausnahmen sind möglich.

«Was muss noch passieren»
Ja, es ist unverantwortlich, wie der Gemeinderat und die Schule mit dem Thema umgehen.
Es ist schon genug passiert, und der Flüsterbelag schützt unsere Kinder nicht.
Wacht endlich auf im Gemeinderat und bei der Schule!

Tempo 30 ist in der Schweiz eine evidenzbasierte Massnahme zur Reduktion von Verkehrsunfällen.
Die Bergstrasse ist ein stark frequentierter Schulweg, den täglich mehrere hundert Kinder mehrfach überqueren. Unter diesen Umständen trägt die öffentliche Hand eine besondere Verantwortung für die Sicherheit der schwächsten Verkehrsteilnehmenden. Diese Verantwortung kann nicht an Eltern oder Schule delegiert werden, sondern ist Teil der verkehrsplanerischen Aufgabe von Kanton und Gemeinde.
Vor diesem Hintergrund ist erklärungsbedürftig, weshalb auf der Bergstrasse weiterhin Tempo 50 gilt, zumal es im Bereich der Fussgängerstreifen wiederholt zu Unfällen gekommen ist. An einer Schulstrasse sollten verkehrspolitische Entscheide konsequent an objektiven Sicherheitskriterien ausgerichtet werden.

Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung von Zollikon bei der Abstimmung automatisch auch Tempo 50 vor der Schule gutgeheissen hat. Zweifel dürfen zumindest angebracht sein

Ich bin tatsächlich sehr erstaunt über die Tatsache, dass Frau Irniger die Bodenmarkierung und Beschilderung «Schule» an der Bergstraße als Verdienst der Schulpflege proklamiert. In Wahrheit ist dies nämlich auf die Anträge im Oktober 2023 des Elternrates Oescher, insbesondere der Juristin Frau Buschor im Namen des Elternrates, zurückzuführen. Von Seiten der Schulpflege ist während Frau Irnigers Amtszeit kein solcher Antrag gestellt worden, weder damals noch heute.

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

7 + 5 =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht