Wenn der geliebte Hausarzt pensioniert wird

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26. Januar 2025 – Es gibt Beziehungen im Leben, deren Bedeutung man erst so richtig erfasst, wenn sie zu Ende gehen: zum Hausarzt, zur Gynäkologin, zum Zahnarzt oder manchmal auch zum Coiffeur. Sobald sie in den Ruhestand gehen, versteht man die Welt nicht mehr: Und wer hilft mir jetzt? (3 Kommentare)

26. Januar 2025 – Es gibt Beziehungen im Leben, deren Bedeutung man erst so richtig erfasst, wenn sie zu Ende gehen: zum Hausarzt, zur Gynäkologin, zum Zahnarzt oder manchmal auch zum Coiffeur. Sobald sie in den Ruhestand gehen, versteht man die Welt nicht mehr: Und wer hilft mir jetzt?

Zum letzten Mal beim alten Hausarzt (Symbolbild)
Zum letzten Mal beim alten Hausarzt (Symbolbild)

VON BARBARA LUKESCH 

Unser Freund Robert sieht mitgenommen aus. Erst auf den zweiten Blick wird klar, was ihm fehlt: ein guter Haarschnitt. Robert trägt seine grauen Haare auffällig lang. Die ungewohnte Frisur lässt ihn etwas hagerer wirken als sonst. Darauf angesprochen seufzt er: «Mein Coiffeur ist in den Ferien.» Die Vorstellung, dass sein  über 60-jähriger Figaro, der schon jetzt nur noch an drei Tagen pro Woche arbeite, seinen Salon ganz schliesse, mache ihn echt fertig. Niemand kenne seine Haare so gut wie Enzo und wisse, wie er sie schneiden müsse. Er frage nur: «Wie immer?», dann nicke er, und alles sei klar. Von da an fachsimpelten sie über Fussball und die Formel 1. Es sei einfach grossartig!

Nun kommt einem ja nicht nur der geliebte Friseur abhanden, sondern mitunter auch der Hausarzt, die Gynäkologin oder die Physiotherapeutin. Alles Menschen, mit denen einen nach langjährigen Beziehungen doch einiges verbindet. Der Hausarzt ist über die Jahre zu einem intimen Kenner des eigenen Körpers geworden, er ist eingeweiht in Ängste, Sorgen und Nöte. Man vertraut ihm gezwungenermassen sehr viele Details des persönlichen Lebens an, muss vielleicht von Ehekrisen erzählen, der Befürchtung, den Arbeitsplatz zu verlieren oder das Mobbing der Bürokollegin nicht länger ertragen zu können. Denn nur so kann er möglicherweise herausfinden, woher die Bauchschmerzen oder die Schlafprobleme kommen und was er dagegen verschreiben soll. Unser Hausarzt will schon seit einiger Zeit seine Praxis schliessen. Wir freuen uns über jedes Jahr, das er anhängt.

Bei unserem Zahnarzt hat alles Hoffen nichts genützt. Er geht diesen Sommer in den Ruhestand. Wir haben noch einen Termin bei ihm, und er hat augenzwinkernd darum gebeten, aus dieser Begegnung kein Drama zu machen. Das könne ich ihm nicht versprechen, habe ich erwidert. Zu gern bin ich, die normalerweise panische Angst vor Zahnärzten hat, zu ihm in die Praxis gekommen.

Er wusste, dass ich vor allem den Kofferdam hasse wie die Pest, diesen grünen Gummi, der der Abschirmung des zu behandelnden Zahnes vom übrigen Mundraum dient. Für längerdauernde Eingriffe hatte er mir denn auch Temesta, ein starkes Beruhigungsmittel, verschrieben, das ich mir im Notfall tatsächlich in der Apotheke besorgte. Eine halbe Tablette, und ich war entspannt. Darüber hinaus war mein Zahnarzt immer wahnsinnig sanft und sprach mit mir wie mit einem kranken Reh. Seine Rücksichtnahme tat mir unglaublich gut. Umso unbehaglicher erscheint mir die Zukunft.

Meine Hautärztin wurde – erschrecken Sie nicht – ermordet. Es stand sogar im «Blick». Einmal jährlich war ich sicher bei ihr, um überprüfen zu lassen, was all die Leberflecke auf meinem Rücken so trieben. Ich mochte ihre zupackende Art. Meistens empfing sie einen – Eingriff hin oder her – bereits im grünen Operationskittel und machte keinen Hehl daraus, dass sie ganz gern mal etwas herausschneiden würde. Dazu hatte sie eine Mission. Weil sie wusste, dass ich Journalistin bin, klärte sie mich jedes Mal von Neuem über Gefahren und Risiken von Botox auf und wünschte sich von mir inständig einen Artikel. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Ich erschrak zutiefst, als ich erfuhr, was der wahre Grund für die Schliessung ihrer Praxis war. Was für eine fürchterliche Geschichte.

Bei aller Anhänglichkeit an diese wichtigen Menschen muss ich ehrlicherweise zugeben: Das Leben geht weiter, auch wenn mein wunderbarer Zahnarzt nicht länger praktiziert. Seine Nachfolgerinnen stehen schon bereit, und die sind sehr nett. Auch eine neue Dermatologin habe ich gefunden. Und auch du, lieber Robert, wirst eines Tages einen neuen Coiffeur finden, der zu dir passt und mit dem du vielleicht nicht über Fussball, aber über die neueste Netflix-Serie quatschen kannst.

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Der Hausarzt hat dänk noch ein zweites Stethoskop um den Hals, falls das erste plötzlich kaputt geht.

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