«Mich reizt der Gestaltungsspielraum»

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28. Januar 2026 – Nach vier Jahren im Gemeinderat möchte Patrick Dümmler (FDP) das Präsidium übernehmen, auch wenn sein Leistungsausweis nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Nach dem Rückzug von Adrienne Suvada (SVP) steht er als einziger Kandidat zur Wahl. Was hat er als Präsident vor?

Patrick Dümmler möchte Gemeindepräsident werden (Foto: ZN)
Patrick Dümmler möchte Gemeindepräsident werden (Foto: ZN)

VON RENE STAUBLI

«Kommunikativ, umgänglich, offen, nett» – das sind die Adjektive, die man fast immer hört, wenn man sich in der Zolliker Politszene nach Patrick Dümmler erkundigt. Und dann kommt meistens ein «Aber»: «Aber er hat in der laufenden Legislatur in seinem Liegenschaften-Ressort schon eine Menge Probleme gehabt.»

Am häufigsten wird die Sanierung der Sportanlage Buechholz genannt. Die Gemeindeversammlung hatte dafür 2,25 Millionen Franken bewilligt. Letztlich kostete das Projekt 3,6 Millionen, 60 Prozent mehr wegen grober Planungsfehler. Diese Kostenexplosion, verbunden mit einem Baustopp und einer monatelangen Verzögerung, ist den Leuten in Erinnerung geblieben.

Und nun will Dümmler Gemeindepräsident werden?

Wir treffen ihn in einem Sitzungszimmer des Gemeindehauses. Natürlich landen wir während des Gesprächs auch beim unangenehmen Thema Buechholz und fragen, welche Noten er sich selber als Ressortvorsteher Liegenschaften geben würde.

Dümmler räumt ohne weiteres ein, «dass gewisse Dinge schlecht gelaufen sind». Dass es nun heisse, er habe seinen Laden nicht im Griff, empfinde er jedoch «als plakativen, oberflächlichen Vorwurf».

In Tat und Wahrheit habe er, nachdem das Problem bei der Sportanlage aufgetaucht sei, unverzüglich Gegenmassnahmen ergriffen. Seither gelte in seiner Abteilung die Regel, dass bei Projekten über einer Million eine Zweitmeinung zu den Planungsunterlagen eingeholt werden müsse. «Ich denke, dass ich in dieser Legislatur alles in allem genügend oder gut war».

«Ich will etwas anpacken und umsetzen»

Ausserdem, so Dümmler, dürfe man durchaus auch erwähnen, dass er deutlich mehr Geschäfte als sein Amtsvorgänger angepackt habe. Seit 2022 habe er an den Gemeindeversammlungen 15 von insgesamt 33 Geschäften vertreten. Dabei sei die personelle Situation in seiner Abteilung wegen Fluktuationen und dem Todesfall des langjährigen Leiters Pierfrancesco Zanella über neun Monate hinweg angespannt gewesen. «Es war eine herausfordernde Zeit, in der ich mich oft deutlich stärker engagieren musste. In gewissen Wochen war ich beinahe täglich im Gemeindehaus.»

Ist folglich die Kandidatur für das Gemeindepräsidium eine Flucht aus der überlasteten Liegenschaftenabteilung? «Überhaupt nicht», sagt Dümmler. Er hätte es sich in den nächsten vier Jahren auch bequemer einrichten können, «ein, zwei Projekte, vielleicht ein paar Photovoltaik-Anlagen, nichts Spektakuläres, und niemand hätte gefunden, ich hätte meinen Laden nicht im Griff». Das wäre der einfache Weg gewesen, aber der liege ihm nicht: «Ich will etwas anpacken, bewegen und umsetzen.» Dass es keine Flucht sei, könne man allein schon daran erkennen, dass er im Falle einer Wahl zum Gemeindepräsidenten ein grosses Projekt wie die Ortskernentwicklung Zollikerberg mit ins Präsidialressort nehmen und dort vorantreiben möchte.

Alle müssen besser werden

«Ich weiss, wo wir besser werden können», schrieb Dümmler, als er sich in den «ZollikerNews» mit eigenen Worten zur Wahl empfahl. Mit «wir» seien alle gemeint, «die Gemeinde, die Verwaltung, die Politik». Was würde er als Gemeindepräsident denn besser machen wollen?

Am Beispiel des Beugi-Areals könne er gut darlegen, was er meine. Man habe es damals nicht geschafft, alle Interessengruppen einzubinden. Mit der Folge, dass letztlich weder das Projekt der Gemeinde noch das Gegenprojekt der Baugenossenschaften verwirklicht werden konnte. Fazit: «Heute sind wir gleich weit wie vor 8 Jahren.» Als Präsident möchte er versuchen, bei grossen Projekten «die nötigen Zusatzschlaufen einzubauen», um alle relevanten Anspruchsgruppen mit einzubeziehen. Dieses Prinzip habe er auch bei der Planung des Ortskerns Zollikerberg angewandt. Sein Ziel sei es, dieses grosse Projekt bis zum Ende der kommenden Legislatur entscheidungsreif zu machen.

Ein zweiter Kernsatz Dümmlers lautet, er wolle als Gemeindepräsident «mutig weiterdenken». Klingt gut, aber was bedeutet das konkret? Diesmal nimmt er das ehemalige Altersheim am See als Beispiel, dessen Zukunft seit Jahren ungeklärt ist. Der Gemeinderat habe in einer internen Arbeitsgruppe «extreme Varianten für künftige Nutzungen diskutiert»: Luxuswohnungen, Wohnungen für Leute mit geringen Einkommen, kulturelle Projekte, eine Schönheitsklinik und vieles mehr, immer im Rahmen der rechtlichen Rahmenbedingungen.»

Ihm sei wichtig, dass man künftig nicht nur in der Verwaltung und im Gemeinderat Ideen sammle, sondern auch im direkten Austausch mit der Bevölkerung, wie man es beim Dialogabend seit einiger Zeit bereits versuche. «Es spielt keine Rolle, woher gute Ideen kommen. Hauptsache, sie fliessen in die laufenden Prozesse mit ein und können öffentlich diskutiert werden.» Er liebe es, solche Diskussionen anzustossen, sagt Dümmler. Als langjähriges Mitglied der Denkfabrik Avenir Suisse sei er mit diesem Vorgehen vertraut.

Klare Prioritäten

Welche Prioritäten würde er als Gemeindepräsident setzen? «Unter Berücksichtigung aller Umstände steht bei mir die Ortskernentwicklung Zollikerberg klar an erster Stelle», sagt Dümmler. Auf den zweiten Rang setzt er den «Dreiklang Beugi-Alte Landstrasse-Dorfplatz», ein Projekt, das man etappiert, aber unter einer gemeinsamen städtebaulichen Idee realisieren müsse. Eine Lösung innert nützlicher Zeit sei dort nur schon deshalb erforderlich, «weil das Beugi schlichtweg langsam an sein Lebensende kommt», etwa bei den technischen Installationen und den bröckelnden Balkonen. An dritter Stelle komme für ihn die Neugestaltung der Seezugänge, vor allem in der Wässerig an der Stadtgrenze, wo derzeit für das Fernwärmenetz gebaut wird. Auf dem vierten Rang dann die Umnutzung des ehemaligen Altersheims am See.

«Primus inter pares»

Wann ist bei ihm eigentlich der Wunsch entstanden, Gemeindepräsident zu werden? Im Frühling habe Sascha Ullmann durchblicken lassen, dass er Veränderungswünsche spüre. Er habe mit ihm geredet und sich schliesslich entschlossen, den Schritt zu wagen und sich der parteiinternen Ausmarchung gegen seine Ratskollegin Sylvie Sieger zu stellen.

Würde er gewählt, sähe er sich als «Primus inter pares». Der Reiz des Amtes liege für ihn vor allem darin, «mehr Gestaltungsspielraum» zu haben. «Als Gemeindepräsident kann man vielleicht noch ein bisschen mehr als ein Ressortvorsteher vorschlagen, welche Geschäfte Priorität haben sollten und wie die Agenda aussieht.» Das sei ein wesentlicher Faktor, der ihn motiviere, den Vorsitz zu übernehmen.

Vor vier Jahren bezifferte die Gemeinde den Aufwand für das Präsidium auf 70 bis 80 Stunden pro Monat. Ist die neu festgelegte Entschädigung von 75’000 Franken plus Spesen für ihn nicht ein ebenso starker Anreiz wie der erweiterte Gestaltungsspielraum? «Im Gegenteil», sagt Dümmler. Das Gemeindepräsidium sei ein Milizamt, für das er aber genügend Zeit haben wolle. Bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizerischen Gewerbeverband, habe er die Weichen bereits gestellt. Für den Fall der Wahl würde er sein Pensum auf 80 Prozent reduzieren «und falls notwendig noch stärker». Aus finanzieller Sicht sei das Amt kein Anreiz: «Mein Lohn am Markt ist höher als der in der Politik.»

Wieder «Wortwolken»?

Nach der letzten Wahl hatte der Gemeinderat «Wortwolken» kreiert und eine Reihe von Legislaturzielen formuliert, von denen nur wenige erreicht wurden und einige gar illusorisch waren. Ein paar Beispiele: «Langfristig wird eine Entlastung der Forchstrasse und der Seestrasse angestrebt, mit Untertunnelung des Strassenverkehrs im Zollikerberg.» –  «Umwandlung der Forchbahn zum Tram.» – «Das öffentlich zugängliche Seeufer ist attraktiv gestaltet.» – «Verschiedene Wohnformen für das Wohnen im Alter stehen in Zollikon bedarfsgerecht zur Verfügung.» – «Zollikon fördert eine Kultur der politischen und demokratischen Mitwirkung mit Fokus auf die Partizipation von Jugendlichen.» Würde Dümmler als Gemeindepräsident wieder so einen Wunschzettel vorlegen?

«Ja, aber kürzer, schlanker und besser gegliedert.» Er würde gerne zwischen realistischen Projekten und Wünschen unterscheiden und besser kommunizieren, worin sich das eine vom andern unterscheide. Die Umfahrung des Zollikerbergs sei ganz klar ein Wunsch, aber letztlich Sache des Kantons. «Aber ich habe als Politiker diesen langfristigen Wunsch, und die betroffene Bevölkerung hat ihn auch!» Wenn man solche Wünsche aufgebe, habe man schon verloren, und das dürfe nicht sein. In erster Linie gehe es bei der Formulierung aber um konkrete Ziele und Termine für die Umsetzung geplanter Projekte.

Mit der Neubesetzung des Gemeindepräsidiums hält immer auch ein neuer Führungsstil Einzug. Dümmler umschreibt seine Philosophie mit zwei Worten: «Offene Tür.» Er setze ganz auf Kommunikation, Partizipation, Transparenz und gute Zusammenarbeit. Es spiele wie schon gesagt keine Rolle, woher eine gute Idee komme. Am Schluss entscheide der Gemeinderat oder das Volk, wobei ihm als Präsidenten – «im schlimmsten Fall» – der Stichentscheid zukomme.

Patrick Dümmler (Jg. 73) aufgewachsen in Itschnach (Küsnacht), Realgymnasium Rämibühl in Zürich, Master in Volkswirtschaft der Universität Zürich 1999, Doktorat an der ETH Zürich 2005.

Berufliche Stationen: mehrere Jahre Lehrer beim KV und Assistent an der Universität und der ETH. Über 10 Jahre lang Strategieberater für Unternehmen, unter anderem bei Roland Berger. 8 Jahre Forschungsleiter beim Think Tank Avenir Suisse mit der Betreuung von aussenwirtschafts-, agrar-, umwelt- und energiepolitischen Themen. Seit Mai 2024 Leiter des Ressorts Wirtschaftspolitik, Energie und Nachhaltigkeit sowie Mitglied der Geschäftsleitung beim Schweizerischen Gewerbeverband.

Wohnhaft in der Gemeinde seit über 20 Jahren, früher im Dorf, jetzt im Zollikerberg. Verheiratet und Vater von zwei beinahe erwachsenen Töchtern.

Erholung im Sommer auf dem See mit dem eigenen Motorboot. Im Winter Tee, Buch und 80er-Jahre-Musik, unter anderem a-ha, Tears for Fears und Depeche Mode. 

Mitglied der Zolliker FDP seit 2017.  Mitglied der RGPK von 2018 bis 2022, seither Gemeinderat. VR-Präsident der gemeindeeigenen Netzanstalt Zollikon und der «Werke am Zürichsee», einem Verbund der Gemeindewerke Küsnacht, Zollikon und Erlenbach.

Wahlen 2026 auf einen Klick:

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26.01.26: Adrienne Suvada zieht ihre Kandidatur für den Gemeinderat und das Präsidium zurück

Für den Gemeinderat: Patrick Dümmler, Sandra Fischer, André Müller, Dorian Selz, Sylvie Sieger, Hermann Stern

Für die Schulpflege: Christian von Ballmoos, Rui Biagini, Brigitte Eigenmann-Gossauer, Philippe Klemenz, Sabine Knüsli, Sonja Lier, Andrea Linter, David Sarasin, Andreas Tschopp, Nicole Waechter

Für die RGPK: Iris Heeg, Felix M. Huber, Christopher Linter, Severin Luder, Daniel Oettli, Marc Raggenbass, Sandra Strickler, Thomas Winkler

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