«Ich nehme auch heute noch Klavierstunden»

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29. Januar 2026 – Hans Ueli Schläpfer (70) ist Pianist und musikalischer Leiter in erfolgreichen Musicals wie «Sister Act», «Blume von Hawai» oder «Bye bye Bar». Das Zolliker Urgestein, wie er sich selber nennt, ist am 5. Februar zu Gast im «Talk am Puls».

(Illustration: Willi Spirig)
Hans-Ueli Schläpfer (Illustration: Willi Spirig)

Als pensionierter Mensch habe ich natürlich nicht mehr solche Stresstage wie in der Zeit, als ich noch an der Musikschule in Zollikon unterrichtete. Besonders geruhsam versuche ich den Tag angehen zu lassen, wenn ich am Abend eine Aufführung habe. Dann stehe ich zwischen 8 und 9 Uhr auf und frühstücke ganz gemütlich: ein Müesli mit frischen Früchten und dazu einen Grüntee, genauer einen Oolong-Tee.

So gegen 10 Uhr überlege ich mir, was ich an diesem Tag machen soll. Manchmal absolviere ich ein leichtes Krafttraining im Tiefenbrunnen plus eine Runde auf dem Stepper, aber nicht Vollgas. Nur ein bisschen Bewegung, das reicht schon. Meistens gehe ich fürs Haus einkaufen, das heisst für meine Schwester, ihren Mann und mich. Wir wohnen seit Ewigkeiten im Zolliker Haus unserer Grossmutter in einer Art WG zusammen, früher noch mit ihren drei Kindern, jetzt nur noch zu dritt.

Unerlässlich ist, dass ich mich seriös einspiele. Dazu habe ich ein paar Bewegungsübungen für die Hände, die ich am Klavier ausführe. Die tun mir gut. Ich bin jemand, der seinen Sehnen Sorge tragen muss. Sonst habe ich schnell eine Sehnenscheidenentzündung oder gar eine Art Tennisarm, was für einen Pianisten natürlich fatal ist. Während dieser rund eineinhalbstündigen Aufwärmphase ist es wichtig, dass ich nicht wie ein Wilder auf das Klavier losgehe und zu viel Energie verbrauche.

Ich spiele halt wahnsinnig gern Klavier, nehme immer wieder mal Klavierstunden und lerne neue, auch klassische Stücke wie momentan den 1. Satz der Waldsteinsonate von Beethoven.

Wenn ich Hände, Herz und Kopf aufgewärmt habe, lege ich mich gern noch etwas hin. Ich bin ein Morgen- und Abendmensch. Mein biologisches Tief habe ich um 17 Uhr, dann bin ich richtig müde. Das passt zu meinen Aufführungstagen, an denen ich am Abend fit sein muss.

Nun kann es aber passieren, dass mitten am Nachmittag Dominik Flaschka, unser Regisseur und Produzent, anruft und schlechte Nachrichten verkündet: «Hans-Ueli, wir haben ein Problem. Sandra ist krank und Fabienne springt ein.» Fabienne Louves, die als eine der Gewinnerinnen von ‹MusicStar› bekannt geworden ist, hat am Anfang rund zwanzigmal in unserer Musikrevue ‹Forever Young› mitgespielt. Sie ist also ein perfekter Ersatz. Trotzdem heisst dieser Wechsel für mich, dass ich bereits um 16.30 Uhr – ausgerüstet mit den richtigen Noten, Fabienne braucht andere als Sandra – im Theater bin. Normalerweise reicht es, wenn ich um 18 Uhr, also eineinhalb Stunden vor Aufführungsbeginn vor Ort bin.

In so einem Notfall proben Fabienne, die Abendspielleitung und ich nochmals alle Lieder. Sie hat, Gott sei Dank, eine Rolle, in der sie zwar immer wieder auftaucht und die Szene aufmischt mit ihren markanten Liedern, aber nicht während des ganzen Stücks auf der Bühne steht und auch nicht in jedem Lied des Chors mitsingt. 

Es gibt natürlich wesentlich aufregendere Pannen im Theater. Ich mag mich gut an jene Situation erinnern, wo ein Hauptdarsteller keine Stimme mehr hatte, trotzdem aber auf der Bühne stand, währenddem Dominik Flaschka im Orchestergraben mit Inbrunst seinen Text las. Ich sass als musikalischer Leiter neben ihm und konnte mich kaum halten vor Lachen, weil Dominik sich dermassen ins Zeug legte.

In solchen Momenten ist das Lampenfieber vor der Aufführung etwas grösser. Wenn wir ein Stück schon länger spielen, nimmt es deutlich ab. Richtig schlimm ist es auch nach 40 Jahren Bühnenerfahrung immer noch vor einer Premiere. Auch wenn ich einen Fehler am Klavier mache, steigen mein Adrenalinspiegel und meine Temperatur merklich an.

Unsere Crew ist inzwischen sehr vertraut miteinander, und ich geniesse das Zusammensein mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Wenn wir um 22.30 Uhr fertig sind, bin ich überhaupt nicht erschöpft, sondern im Gegenteil aufgekratzt und habe Hunger und Durst. An den Aufführungstagen ist es für mich nämlich nicht so einfach zu entscheiden, wann und was ich vor dem Auftritt essen soll. Gegen Mittag einen Teller mit wenig Pasta oder Reis, die einen Boden legen, ist meistens die richtige Wahl. Nach dem Auftritt dann etwas Feines essen und trinken macht dafür um so mehr Spass.

Ich liebe es, wenn Freunde oder Bekannte eine unserer Aufführungen besuchen und dann noch etwas bleiben, um ein bisschen mit mir zu plaudern. Wer meint, er müsse schnell wieder gehen und mich in Ruhe lassen, weil ich k.o. sei, liegt komplett falsch. Nichts Schöneres als noch ein wenig quatschen. Auch mit der Crew gehen wir manchmal essen und bleiben dann noch lange hocken.  

Um Mitternacht, spätestens um 1 Uhr, bin ich daheim. Bevor ich ins Bett gehe, lege ich am iPad eine Patience. Das ist ein Ritual, dank dem ich das Gefühl habe, an diesem Tag alles aufgeräumt und erledigt zu haben. Anschliessend kann ich mich zur Ruhe legen.»

«Talk am Puls», Donnerstag, 5. Februar. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Eintritt frei. Gastgeber im Café am Puls ist Pfarrer Simon Gebs.

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