«Für manche bin ich ein Verräter»

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6. März 2026 – Chris Brönimann (56), die bekannteste Transperson der Schweiz, gab ein klares Bekenntnis ab. Er ist dagegen, dass man bereits 12-Jährigen Pubertätsblocker verschreibt. Es sei unabdingbar, die Ursachen für den Wunsch nach einer Geschlechtsänderung in aller Ruhe zu prüfen.

Barbara Lukesch und Chris Brönimann im Gespräch (Foto / Video: ZN)
Barbara Lukesch und Chris Brönimann im Gespräch (Foto / Video: ZN)

VON RENE STAUBLI

«Zuwarten, Vertrauen haben in die Entwicklung eines jungen Menschen, keine vorschnellen Entscheide fällen, die ein ganzes Leben in andere Bahnen lenken können» – davon ist Chris Brönimann zutiefst überzeugt. Den zunehmenden Wunsch junger Menschen nach einer Geschlechtsumwandlung führt er auf gesellschaftliche Entwicklungen zurück: es gebe Druck von Social Media, teils auch von Lehrpersonen. Wenn ein Bube sich lieber mit «Mädchensachen» abgebe, komme bei gewissen Eltern bereits der Gedanke auf, er lebe womöglich im falschen Körper. «Ein Bub kann doch all das tun und trotzdem im richtigen Körper sein», sagte Brönimann am Donnerstagabend vor einem interessierten, zahlreich erschienenen Publikum im «Talk am Puls».

Um Öffentlichkeit für dieses sensible Thema herzustellen gehe er in Schulen, veranstalte Workshops, berate verunsicherte Eltern und unterhalte auch Kontakte zu Politikerinnen und Politikern. Am 14. April ist er bei Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider im Bundeshaus eingeladen, der Vorsteherin des Departements des Innern. Sie hat ihm 30 Minuten Zeit eingeräumt, um seine Vorstellungen für den Umgang mit diesem schwierigen Phänomen darzulegen. Er wolle Betroffenen Informationen geben und Optionen anbieten und so bewirken, dass man wegkomme vom verbreiteten Schwarz-weiss-Denken in dieser Frage, dass man andere Meinungen zulasse und offen diskutiere.

«Fassadenoptimierung»

Brönimann spricht in Zusammenhang mit seiner eigenen Geschlechtsumwandlung ganz unverhohlen von «Fassadenoptimierung». Heute achte man noch viel mehr als früher auf Äusserlichkeiten statt auf innere Werte. «Wir sollten glücklich sein, wenn wir in einem gesunden Körper leben, wir sollten ihm Sorge tragen und nicht mit vorschnellen Eingriffen dafür sorgen, dass wir zu lebenslangen Patienten werden.»

Er spreche ja aus eigener, leidvoller Erfahrung, sagte Barbara Lukesch, wie denn das bei ihm genau gewesen sei? Als Bub habe er «Meitlizeugs lieber gehabt», erzählte Brönimann, doch damit sei er in seiner Umgebung nicht auf Gegenliebe gestossen, man habe ihn als Sonderling betrachtet, «und ich hatte mich auch selber nicht gern, ich war ein unglücklicher Junge». Stets habe man ihm eingeredet: «Du bist nichts, du kannst nichts.»

Als junger Erwachsener habe er dann ein turbulentes Leben geführt und in Zürcher Nachtklubs über die Stränge geschlagen. In einem solchen Klub habe er eine Transfrau gesehen, «wunderschön, erotisch, begehrenswert», er habe sie angehimmelt, und in diesem Moment habe sich die Idee in seinem Kopf festgesetzt: «So wie sie will ich auch sein, dann hat man mich gern.» Sie habe zu ihm gesagt: «Du bist im falschen Körper», und das habe er geglaubt.

Die Frage von Barbara Lukesch, ob es vor der Operation eine professionelle psychiatrische Abklärung gegeben habe, verneinte Brönimann. Er habe sich das nötige Gutachten für wenig Geld auf dem Graumarkt beschafft und sich informiert, welche Argumente man bei einer Abklärung vorbringen müsse. So sei es ihm gelungen, einen Chefarzt im Zürcher Unispital innert 20 Minuten zu überzeugen und grünes Licht für die Transition zu bekommen.

Eingriff mit schweren Folgen

Mit Ende 20 unterzog er sich einer Totaloperation samt Hormontherapie, um Nadia zu werden. Was folgte, war ein medizinischer Horror. Weil sich die künstliche Vagina – «meine Neo-Vagina», wie Brönimann sie nennt – immer wieder verschloss, waren Folgeoperationen nötig, insgesamt 16 an der Zahl. «Wir könnten Ihnen auch grad noch den Busen vergrössern und die Nase richten, wenn Sie schon auf dem Operationstisch liegen», hätten die Ärzte zu ihm gesagt. Er sei eine Art Versuchskaninchen gewesen, und so sei es auch zu einer ganzen Reihe von schweren Nebenwirkungen gekommen bis hin zu einem Riss des Enddarms.

Warum er das alles auf sich genommen habe?, wollte Barbara Lukesch wissen. Weil er der Illusion geglaubt habe, dass das Dasein besser sei, wenn er es «in einer perfektionierten Aussenhülle» leben könne. In seinem Inneren habe es ganz anders ausgesehen, «unter der Fassade bin ich nie glücklich geworden».

Ein beschämender Film

So liess er es auch zu, dass ihn der Dokumentarfilmer Alain Godet acht Jahre lang begleitete und mit der Kamera voll draufhielt: Ausschnitte aus Operationen, äussere Veränderung, Verzweiflung, Depressionen, Rückschläge, Angstzustände, Wut, Einsamkeit. Liebeskummer. Er habe dem Filmemacher blind vertraut, habe gemeint es gehe ihm um ihn als Mensch. Viel zu spät habe er realisiert, dass es in Wirklichkeit nur um das Produkt gegangen sei, um den Film «Sex change», der zum Grosserfolg wurde. «Hat er dich missbraucht?», fragte Barbara Lukesch direkt. «Er hat mich vorgeführt», antwortete Brönimann. Als er den Film nach der jahrelangen Zusammenarbeit eine Woche vor der Ausstrahlung in einem engen Kämmerchen zum ersten Mal gesehen habe, sei er geschockt gewesen. «Ich habe mich für manche Bilder geschämt, aber es war zu spät, die Dinge haben ihren Lauf genommen.»

Nach einem langen Irrweg – «ich ging mit einer Maske durchs Leben» – fand Chris Brönimann vor 5 Jahren allmählich zu sich selber, auch mit Hilfe einer Therapie. «Weg vom Nachtleben, weg von Zürich, die Seele hatte bei mir angeklopft, mir gesagt, mit meinem Leben stimme etwas nicht.»

Mit seinem Entscheid, wieder Chris zu werden, habe er sich in der starken und lauten Transcommunity nicht nur Freunde geschaffen, konstatierte Barbara Lukesch. Das sei so, räumte Chris Brönimann ein, «manche haben mich als Verräter gesehen».

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