Herumtollen wie Rössli und viel quasseln
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13. März 2026 – Die Frauenfussball-EM in der Schweiz hat auch in Zollikon zu einem Hype geführt: 26 kleine Mädchen wollen beim SCZ Fussball spielen. Wir haben ein Training besucht und das erste Heimturnier. Der Trainer der F-Juniorinnen hat eine herausfordernde Aufgabe übernommen.

VON BARBARA LUKESCH
Tim Boin ist nicht zu beneiden. Als er versucht, seine Spielerinnen um sich zu scharen, um mit dem Training zu beginnen, passiert zunächst einmal gar nichts. Es braucht viel Geduld und mehrere Anläufe mit der Trillerpfeife, bis sich die zwölf Mädchen, die an diesem schönen Mittwochnachmittag auf dem Kunstrasen auf dem Riet erschienen sind, zu ihrem Trainer bewegen. «Das Training geht los», ruft er. Das scheint viele der 6- bis 11-Jährigen nicht gross zu interessieren. Unbeschwert plaudern sie weiter, ganz versunken in den Austausch mit ihren Kolleginnen, lachen und tollen herum wie junge Rössli. Von Disziplin keine Spur. Tim Boin macht etwas mehr Druck und schafft es schliesslich, sie zusammenzutrommeln.
Das Training ist abwechslungsreich. Erst spielen die Mädchen Handball. Daran schliesst sich ein Hindernis-Parcours mit Sprüngen, Geschicklichkeitsübungen und einem kurzen Rückwärtslauf an, den jeweils zwei gegeneinander absolvieren, und zuletzt gibt’s einen kleinen Fussballmatch. Das Niveau ist zwar sehr unterschiedlich, aber es blitzen einige Talente auf, die über viel Ballgefühl und technische Fähigkeiten verfügen.
Mit der Konzentration ist es so eine Sache. Als eine Spielerin vor dem benachbarten Alters- und Pflegeheim Blumenrain einen Polizisten entdeckt – «mit einer Pistole!!» –, geraten etliche in Aufruhr und hören auf zu spielen. Einige verlassen dann tatsächlich das Spielfeld, klettern durch ein Loch im Zaun, magisch angezogen von den Ereignissen auf der Strasse: Was da wohl passiert? Dem Trainer gelingt es fast nicht mehr, seine aufgeregten Spielerinnen zur Rückkehr zu bewegen. Trotzdem bewahrt er die Ruhe; seine Geduld ist bewundernswert.
Spannung vor dem ersten Turnier
Nach dem Ende des Trainings gibt Tim Boin noch einige Infos zum Turnier am darauffolgenden Samstag, dem ersten für diese F-Juniorinnen. Sie wissen bereits, dass sie ausschliesslich gegen Bubenmannschaften spielen werden, was sie mit dem Einsatz zweier etwas älterer Kolleginnen wettmachen dürfen.
Man spürt, dass dieser Anlass sie in Aufregung versetzt. Auch der Trainer blickt gespannt auf diese Wettkämpfe. Er habe keine Ahnung, wo seine «Mädels», wie er sie nennt, leistungsmässig stehen. Überzeugt sei er aber davon, dass das Ambiente eines solchen Turniers alle fesseln werde und sie sehr viel disziplinierter auftreten lasse.
Am Samstagmorgen geht’s früh los. Um 8.30 Uhr sind bereits alle da. Es ist tolles Wetter, aber noch etwas frisch; die meisten tragen noch ihre Trainingsjacken. Tim Boin muss wiederholt in die Hocke und Schuhbändel schnüren. Das Lampenfieber ist spürbar; das Geschnatter laut und aufgeregt. Um Punkt 9 Uhr gilt’s ernst: Zollikon gegen Red Star Zürich.
Erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit die sechs Spielerinnen um jeden Ball kämpfen und wie engagiert sie die gegnerischen Angriffe zu stoppen versuchen. Sie sind ganz bei der Sache und werfen sich furchtlos ins Getümmel. Grossartig, finden die vielen Mütter und Väter am Spielfeldrand. Dass es nach gut zehn Minuten trotzdem 2:0 für Red Star steht, stecken sie locker weg. Hat auf jeden Fall Spass gemacht.


Im Anschluss gelingt ihnen ein Unentschieden gegen die F-Junioren des SC Zollikon. Claras Tor zum 1:0, ein wuchtiger Schuss in die rechte obere Ecke, erntet Riesenapplaus. Beherzt kämpfen die Mädchen weiter, müssen allerdings doch noch den Ausgleich hinnehmen. Als eine Spielerin etwas härter angegangen wird, fällt sie zu Boden und bricht in Tränen aus. Mehrere Mütter eilen auf’s Feld und tragen das Mädchen zur Pflege an den Rand.
Freude überwiegt die Enttäuschung
Im Spiel gegen den FC Dübendorf kassieren die kleinen Zollikerinnen dann eine richtige Schlappe: 0:6. Drei weitere Niederlagen kommen dazu. Am Schluss belegen sie den letzten Platz. Die Enttäuschung wird aber schnell wieder überlagert von der Freude, dass auch sie bei der Siegerehrung eine Medaille bekommen.
Tim Boin zieht denn auch eine mehrheitlich positive Bilanz. Er sei beeindruckt, dass die Mädels voll motiviert und – er schmunzelt – sogar pünktlich auf der Matte gestanden seien und sich «mit Feuer und Flamme» in die Spiele gestürzt hätten: «Sie sind gerannt wie verrückt und haben total gekämpft.» Er habe auch geschätzt, dass es fair zugegangen sei und es fast keine Streitereien gegeben habe.
Was er im Training noch verbessern müsse, sei das Verhalten jener Spielerinnen, die gerade nicht auf dem Feld stehen. Deren Ehrgeiz sei ja lobenswert, sagt Tim Boin, aber es gehe nicht an, dass sie an der Linie ständig auf ihn einquasseln, weil sie eingewechselt werden wollen. Es gebe sogar solche, die einer Kollegin zurufen: «Komm raus! Jetzt spiele ich!» Der Trainer lacht: «Das geht natürlich gar nicht.» Auch jenes Mädel, das in Tränen aufgelöst mit seinem Vater gedroht habe, müsse noch ein bisschen was dazulernen. Ansprechen müsse er auch die Unsitte, sofort mit Spielen aufzuhören, wenn man sich vom Schiedsrichter ungerecht behandelt fühle. Da seien die Buben dank ihrer Erfahrung wesentlich abgeklärter.
Das seien aber Kleinigkeiten, rückt er zurecht, im Vergleich zu all dem Schönen, was dieses Turnier mit seiner pannenfreien Organisation, dem schönen Wetter und dem gutgelaunten Publikum geboten habe. Er freue sich bereits auf den nächsten Einsatz am Samstag in Untersiggenthal: «Das wird sicher wieder Spass machen.» Und das sei ja die Hauptsache und viel wichtiger, als unbedingt zu gewinnen.
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