«Sarasin muss sich neu erfinden, Biagini nicht»

0 KOMMENTARE

20. März 2026 – EVP-Präsident Felix Wirz rechnet mit einem knappen Ausgang der Stichwahl ums Schulpräsidium zwischen David Sarasin (FDP) und Rui Biagini (GLP). Für ihn ist auch klar, dass die Zolliker Parteien links der FDP künftig nicht darum herumkommen werden, ihre Kräfte zu bündeln.

Felix Wirz vor dem Zolliker Parteienspektrum (Illustration: ZN)
Felix Wirz vor dem Zolliker Parteienspektrum (Illustration: ZN)

INTERVIEW: RENE STAUBLI

Felix Wirz, in Zollikon ist gerade eine langjährige Gewissheit erschüttert worden: es reicht nicht mehr, Mitglied der FDP zu sein, um auf Anhieb in jedes gewünschte Amt gewählt zu werden. Als erster hat David Sarasin diese Erfahrung gemacht. Wo sehen Sie die Gründe?

Natürlich ist das eine Ausnahmesituation, weil in den letzten Jahren wirklich viel schief gelaufen ist in der Schulpflege. Offenbar haben deshalb auch viele FDP-Wähler nicht für Sarasin gestimmt.

Die Ausgangslage für die Stichwahl ums Schulpräsidium am 14. Juni ist interessant. Nachdem alle drei Schulpflegerinnen des Forums 5W Sarasin unterstützt haben, hat F5W-Präsident Jürgen Schütt gesagt, «im Rückblick wäre es vielleicht besser gewesen, generell auf Wahlempfehlungen zu verzichten». Was bedeutet dieser Rückzieher für den kommenden Wahlkampf?

Ich bin gespannt, wie sich das Forum 5W positionieren wird. Unterstützen sie Sarasin erneut oder gehen sie tatsächlich auf Distanz? Mir scheint, dass sie in dieser Frage gespalten sind. Das hat sich erstmals gezeigt, als wir vor der denkwürdigen Gemeindeversammlung im Juni 2024 zusammen mit der SP eine Anfrage gemacht haben, um mehr Informationen über die Hintergründe der Krise im Rüterwis zu bekommen. Jürgen Schütt wollte anfänglich ebenfalls mitmachen, aber seine Schulpflegerinnen haben das wahrscheinlich ein bisschen anders gesehen.

Sarasin spricht seinem Konkurrenten Rui Biagini die Führungskompetenz ab und reklamiert sie für sich, obwohl er sie als Vizepräsident der Schulpflege nicht unter Beweis gestellt hat. Biagini hat bisher auf persönliche Angriffe gegen Sarasin verzichtet. Sein Credo lautet «Man muss Probleme frühzeitig erkennen, mit allen Betroffenen reden und dann handeln». Müssen sich die beiden Konkurrenten für den kommenden Wahlkampf neu erfinden?

Sicherlich muss sich Sarasin neu erfinden. Er kann angesichts des Scherbenhaufens in der Schulpflege ja nicht mehr gut sagen «wir machen weiter wie bisher». Biagini kann bei dem bleiben, was er bisher gesagt hat. Aber er muss die Wähler davon überzeugen, dass er nicht nur zuhören kann, sondern auch zu führen weiss. Was mir auffällt: die FDP hat schon einige Versuche unternommen, um Biagini zu diskreditieren, Beispiele dafür sind die Attacke von Bezirksrat Martin Byland bei der Podiumsdiskussion im Gerensaal und zuletzt der Leserbrief des Nicht-mehr-FDP-Mitglieds und Noch-RGPK-Präsidenten Viktor Sauter im «ZoZuBo», für den Biagini «nicht wählbar» ist, weil er die Krise im Rüterwis verschuldet habe. Man hat fast ein bisschen den Eindruck, die FDP verfolge diese Strategie, um Boden gut zu machen.

Rechnen Sie mit einem knappen Wahlausgang?

Ja, definitiv. Biagini hat meines Erachtens eine realistische Chance. Er muss natürlich noch mobilisieren. Auf der andern Seite stellt sich die Frage, wie weit Sarasin sein Potenzial schon ausgeschöpft hat. Wird es Leute geben, die ihm im ersten Wahlgang aus Protest die Stimme verweigert haben und nun doch wieder einschwenken? Das ist schwierig abzuschätzen. Ebenso, welche Auswirkungen auf die lokale Stimmbeteiligung die beiden nationalen Abstimmungsvorlagen vom 14. Juni haben werden: die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» und das neue Zivildienstgesetz. Die bürgerlich-liberalen Wähler gehen in Zollikon ja eigentlich immer an die Urne, die andern vor allem dann, wenn Themen zur Abstimmung kommen, die breit bewegen. 

Wie beurteilen Sie die Zolliker Behördenwahlen mit einigen Tagen Distanz?

Mit Ausnahme der Schulpflege ist eigentlich alles erwartungsgemäss über die Bühne gegangen. Dass gleich zwei Parteilose gewählt worden sind, ist in Zollikon eher die Ausnahme. Weniger überrascht bin ich, dass die SVP erneut so schlecht abgeschnitten hat. Sie ist mit eher unbekannten Kandidaten angetreten, und anders als früher werden diese von den FDP-Wählern offensichtlich nicht mehr unterstützt. Wenn alle drei Präsidien – Gemeinderat, Schulpflege, RGPK – bei derselben Partei landen würden, fände ich das nicht ideal, weil sich die FDP damit weitgehend selber kontrolliert. Es sollten nicht alle wichtigen Pöstchen in der Hand von ein- und derselben Partei sein. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die FDP, aber mehr Diversität in den Behördenämtern täte der Gemeinde gut.

Zollikon ist innerhalb der Seegemeinden ein Sonderfall: es gibt bei uns weder eine Mitte noch Grüne, und in den Behörden sind weder die SVP, die SP noch die EVP vertreten. Warum ist das so?

Früher hatte die FDP im Gemeinderat ständig vier Sitze, die SVP zwei, und der siebte Sitz wurde im Kreis herumgereicht. Mal war die EVP dran, mal die CVP, mal die SP; man hat die Kleinen netterweise auch mal an den Tisch gelassen. Einmal war eine Frau Willi Gemeinderätin. Sie wurde mit dem Wahlslogan «Wir wollen Willi wiederwählen» von einer Gruppe portiert. Daraus entstand dann das Forum 5W als loser Zusammenschluss der Parteien links der FDP.

Worauf die SP und die EVP mehr oder weniger in der Versenkung verschwanden…

Dass sich das F5W als eigene Partei etabliert hat und uns jetzt konkurrenziert, war am Anfang nicht die Idee. Das Forum hat wohl vor allem der SP Leute abgezwackt, uns und der GLP auch, aber vielleicht ein bisschen weniger. Präsident Jürgen Schütt ist oder war beispielsweise in der GLP, die Schulpflegerin Virginie Tschannen hat früher für die SP kandidiert. Auch Sylke Trost, meine Vor-Vorgängerin als EVP-Parteipräsident, war Gründungsmitglied des Forum 5W.

Nun erleben wir, dass das Forum 5W, die zweitstärkste politische Kraft, allmählich bröckelt. Das Personal ist älter geworden, es fehlt an Nachwuchs, Jürgen Schütt möchte das Präsidium schon lange abgeben, aber niemand will es übernehmen. Wenn es so weitergeht, fehlen in der Dorfpolitik die «checks & balances». Wäre es im Hinblick auf die nächsten Behördenwahlen nicht an der Zeit für ein Mitte-Links-Bündnis?

Unbedingt, ja. Aber unter welchem Dach? Vielleicht müssten sich die Parteien einfach mit dem Ziel zusammenschliessen, die Kräfte zu bündeln, um bei den Wahlen ein Gegengewicht zur FDP zu schaffen…

… dann wären am 8. März 17 Mitte-Links-Kandidierende 14 FDP-Kandidierenden gegenübergestanden. Tönt gut, aber eine solche Vereinigung braucht immer auch eine Galionsfigur, die sie gegen aussen vertritt. Wer wäre dafür geeignet?

Es müsste jemand sein, der in der Bevölkerung bekannt und unter den Parteien anerkannt ist. Ich könnte mir Jürgen Schütt vorstellen, wenn er bereit wäre, noch einmal eine solche Aufgabe zu übernehmen. Dass er das kann, hat er früher bewiesen. Er veranstaltete Spaghetti-Essen im Kirchgemeindehaus, wo alle Parteien links von der FDP dabei waren. Die Gemeinsamkeiten zu pflegen, war ihm immer ein Anliegen. Mein Eindruck ist allerdings, dass es im F5W Leute hat, die das anders sehen und sich lieber abgrenzen oder der FDP annähern.

Haben Sie als EVP-Präsident schon versucht, solche Koalitionen zu schmieden?

Selbstverständlich. Allerdings nicht nur im Mite-Links Lager. Bevor sie ihre Gemeinderats-Kandidatur aufgab, habe ich beispielsweise mit Adrienne Suvada von der SVP geredet. Wir sahen schnell, dass wir bei einigen Themen grosse Überschneidungen haben. Daher waren wir uns einig, dass man auf lokaler Ebene über die Parteigrenzen hinweg neue Allianzen aufbauen müsste. Bei gewissen Themen würde das durchaus Sinn machen.

Bei welchen?

Bei der Rüterwis-Geschichte waren alle Parteien ausser der FDP und dem F5W der Meinung, dass es da ein gravierendes Problem gibt, das untersucht und gelöst werden muss. Wie wir vertrat Adrienne Suvada auch die Meinung, dass man mehr tun müsse für bezahlbaren Wohnraum in der Gemeinde, was vielleicht nicht so typisch ist für ein SVP-Mitglied, aber es gibt dort offenbar auch Leute, die das so sehen. Persönlich habe ich beispielsweise Sybille Lehner von der SVP die Stimme für die Wahl in die Baubehörde gegeben, weil sie mir einen sehr guten Eindruck gemacht hat.

Im Schulpflege-Wahlkampf hat man aber auch gesehen, dass es Berührungsängste mit der SVP gibt.

Das ist so. Wir – die Präsidenten der GLP, der EVP, der SP und der SVP – hatten uns nach der guten Zusammenarbeit in der Krise rund ums Schulhaus Rüterwis vorgenommen, ein gemeinsames Wahlplakat für den Parteilosen Andy Tschopp, für die SVP-Kandidatin Andrea Linter sowie die Grünliberalen Nicole Waechter und Rui Biagini zu machen. Franziska Steiner hielt das für eine gute Idee, aber sie fand dafür im Vorstand ihrer SP keine Mehrheit. Schade, das wäre wirklich ein Beispiel dafür gewesen, wie man bei bestimmten Themen die Kräfte bündeln könnte. Ausserdem hätten wir damit im Wahlkampf eine Menge Aufmerksamkeit erregt.

Es gibt offenbar auch eine Präsidenten-WhatsApp-Gruppe. Was wird denn da besprochen und entschieden?

Die habe ich mit Franziska Steiner und Jürgen Schütt gegründet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass wir immer einzeln agieren und uns nicht absprechen, während die FDP meist sehr gut vorbereitet ist und strategisch vorgeht, beispielsweise bei Gemeindeversammlungen. Inzwischen haben wir Boden gut gemacht und stellen fest, dass wir durchaus in der Lage sind, Geschäfte durchzubringen, wenn wir uns besser organisieren.

Wo hat das denn geklappt?

Bei der Trichtenhausermühle haben wir es gegen den Willen des Gemeinderats und der FDP geschafft, dass die Einzelinitiative Wolf zur Erhaltung von Restaurant und Saal angenommen wurde. Oder kürzlich, als wir gegen den Willen des Gemeinderats und der FDP erreichten, dass eine Erholungszone in der Oberhueb nicht zu einer Landwirtschaftszone gemacht wurde. Dank der WhatsApp-Gruppe kann man sich sogar während einer Gemeindeversammlung absprechen und Schritte ergreifen.

Das ist auch nötig, denn die FDP ist nach wie vor die bestimmende Kraft im Dorf. Was macht ihre ungebrochene Stärke aus?

Sie ist so stark verwurzelt in der Gemeinde wie keine andere Partei. Viele Mitglieder sind in einem freisinnigen Elternhaus aufgewachsen, besitzen eigene Immobilien, sind sesshaft und engagieren sich seit Jahren in der Partei. Deshalb hat die FDP auch deutlich weniger Probleme, Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Sie ist die einzige Partei, die sich vor Wahlen den Luxus einer Findungskommission leisten kann, um ihre Kandidaten zu durchleuchten. Alle andern müssen froh sein, wenn sich jemand für ein Amt zur Verfügung stellt. Ausserdem kann die FDP vermutlich auf deutlich mehr finanzielle Mittel zurückgreifen als die Konkurrenz. Es gibt in der FDP aber auch immer wieder Leute, die selbst aus der Sicht der Opposition einen super Job machen, beispielsweise unsere Finanzvorsteherin Sylvie Sieger.

Mehr Geld und mehr Personal bei der FDP – als Gegenmittel scheint tatsächlich nur die Konzentration der Kräfte erfolgversprechend.

Ja, wir müssten im Hinblick auf die nächsten Behördenwahlen die Kräfte bündeln, Leute aufbauen und in der Gemeinde offensiver auftreten. Damit sollten wir jetzt anfangen und nicht erst in dreieinhalb Jahren, denn dann ist der Zug abgefahren.

Felix Wirz (1983) ist seit bald 10 Jahren Präsident der EVP Zollikon-Zollikerberg und gehört zu den profiliertesten Politikern in Zollikon. Er betreibt seit mehr als sechs Jahren in Steinmaur ZH eine gepachtete Plantage mit 850 Obstbäumen und arbeitet daneben mit einem 25 Prozent-Pensum als Verkehrsexperte beim Zürcher Strassenverkehrsamt. Wirz ist seit kurzem Vater und lebt mit seiner Familie im Zollikerberg.

Für den zweiten Wahlgang vom 14. Juni erhalten die Stimmberechtigten einen leeren Wahlzettel, ein Beiblatt mit den Namen der Kandidaten und eine Wahlanleitung. Wer mehr Stimmen erhält, ist gewählt.

………………..

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen:

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

vierzehn − 11 =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht