Beschwerlicher Aufstieg auf den Piz Palü
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26. März 2026 – Am letzten Montag fand der Publikumsanlass «Erweiterte Tagesstrukturen» im Gemeindesaal statt. Rund 50 Interessierte informierten sich über den Stand des Projekts und brachten in den anschliessenden Diskussionen ihre Wünsche und Anregungen ein.

VON BARBARA LUKESCH
Erweiterte Tagesstrukturen? Es ist bekannt, dass Schulpräsidentin Claudia Irniger auf diesen Begriff schwört. Trotzdem zeigt sie in ihrem Begrüssungsvotum Verständnis für all jene unter den Anwesenden, die den sperrigen Begriff, der auch dem Abend den Titel gegeben hat, nicht verstehen, und verspricht Aufklärung.
Vorher aber wirft sie noch rasch einen Blick in die Geschichte der unterrichtsergänzenden Betreuung, die in Zollikon in den 1990er-Jahren ihren Anfang nahm. Mit der Eröffnung der Betreuungshäuser Rüterwis und Oescher im Jahr 2003 sei die Gemeinde zur Vorreiterin im Kanton Zürich geworden und habe mit ihrer Gesamtschule Pionierarbeit geleistet.
Die Zeiten änderten sich, ebenso die Bedürfnisse der Familien und ihrer schulpflichtigen Kinder. So beschloss die Schulpflege 2022, das Thema schulergänzende Betreuung erneut in den Fokus ihrer Tätigkeit zu rücken. Irniger, damals frisch gewählte Schulpräsidentin, erklärte in einem Interview mit den «ZollikerNews», dass eines ihrer Legislaturziele die «Prüfung des Bedürfnisses und der Machbarkeit einer Tagesschule bis zum Ende der Legislatur im Jahr 2026» sei. Die doch beachtliche Dauer dieses Prozesses begründete sie mit dem dafür nötigen «Diskurs mit der Bevölkerung» und der Klärung, ob diese «überhaupt eine Tagesschule will». Sie warnte vor überhasteten Entscheiden und sagte, sie wolle sowohl die Raum-, wie auch die Personalsituation vorgängig klären.
Im März 2026, das zeigte die Publikumsveranstaltung am vergangenen Montag, liegt tatsächlich noch nicht viel Konkretes vor. Was sicher ist: Der Begriff «Tagesschule» ist aus dem offiziellen Vokabular der Schule Zollikon verschwunden; jetzt heisst es – wie gesagt – «erweiterte Tagesstrukturen».
Wirrwarr der Begriffe
Um diesen Ausdruck nun endlich zu erklären, ergreift Susanne Stern, eine Mitarbeiterin der Beratungsfirma Infras, das Wort und leert einen Schwall verwandter Begriffe über dem Publikum aus: «Hort», «modulare Tagesschule», «Betreuung Tagesschule light», «schulergänzende Betreuung», «unterrichtsergänzende Betreuung», «ganztägige Bildung und Betreuung».
Wozu dieser «Begriffswirrwarr», wie sie ihn selber nennt, dienen soll, bleibt ungeklärt. Ebenso, worin sich der Zolliker Begriff der «erweiterten Tagesstrukturen» von den anderen unterscheidet. Es muss ja einen Grund dafür geben, dass man sich für diesen umständlichen Ausdruck entschieden hat.
Den nennt Stern zwar nicht, dafür ergänzt sie noch drei «Tagesschulmodelle», die sie unterteilt nach den Kriterien «volle Gebundenheit», «abgestufte Gebundenheit» und «keine Gebundenheit».
Nur kein Zwang
Was furchtbar technisch klingt, betrifft einen (wunden) Punkt, der viele Eltern beim Thema schulergänzende Betreuung umtreibt: Ist das Angebot obligatorisch oder kann ich selber entscheiden, wann und wie oft ich mein Kind betreuen lasse? Bei «voller Gebundenheit» ist es tatsächlich obligatorisch, wobei dieses in der Schweiz sozusagen inexistent ist; bei «keiner Gebundenheit» ist die Betreuung für alle freiwillig.
Zollikon, das wird an diesem Abend klar, setzt voll und ganz auf das Modell der Freiwilligkeit. Wie bedeutungsvoll dieser Aspekt ist, wird bei Gesprächen mit PolitikerInnen und Behördenmitgliedern im Vorfeld, aber auch an diesem Abend deutlich, die wiederholt und ungefragt darauf hinweisen. Sollte denn der Begriff «Tagesschule» auch deshalb auf den Index geraten sein, weil er in den Ohren vieler zu stark nach staatlich verordnetem Zwang tönt?
Einmal mehr: externe Beratung
Den zweiten Teil des Abends bestreitet Projektleiterin Muriel Hammer, auch sie eine Beraterin, die von aussen beigezogen wurde. Sie soll den Stand des Unterfangens schildern. Dazu projiziert sie zunächst eine Grafik, auf der sie den Weg hin zu den «erweiterten Tagesstrukturen» in Zollikon mit dem Aufstieg auf den Piz Palü vergleicht, der doch beachtliche 3’899 Meter hoch ist. Man gerät nur schon beim Zuhören ins Schwitzen und glaubt ihr aufs Wort, dass diese Bergtour beschwerlich und zeitraubend ist und am besten nur etappenweise zurückgelegt wird.
Interessant auch, dass sie den aktuellen Stand der Bergtour bei der Berghütte Diavolezza ansiedelt, die zwar auf 2’973 Meter liegt, aber mit einer Seilbahn erreichbar ist. Kein Grund zum Aufatmen also. Richtig nahrhaft werde es erst auf den letzten 1’000 Metern, auf dem Gletscherweg, an der Schlüsselstelle und beim Gipfelsturm, mit dem ein Schulleitungsmitglied im Jahr 2031 rechnet. Muriel Hammer lässt sich nicht stressen: «Wir nehmen uns Zeit.»

Was jetzt bereits vorliegt, ist das Grobkonzept. Einer seiner Grundgedanken liegt in der engeren Verzahnung von Unterricht und Betreuung. Dazu beitragen sollen gemeinsame pädagogische Haltungen der Bezugspersonen aus beiden Bereichen. Die Folge? Die Kinder können ganzheitlicher gefördert werden, und der Schulalltag kann besser koordiniert werden. Und ganz wichtig: die Eltern können besser planen.
Ein klein wenig konkreter wird es bei den Erläuterungen zu den Stichworten Tagesablauf der Schulkinder, individuelle Lernzeit, die in den Schulalltag eingebettet werden soll, unterrichtsfreie Zeit, die für Erholung, Spiel und soziale Kontakte reserviert werden soll und Räume, bei denen man nicht nur an Platz zum Lernen, sondern auch solchen für individuelle Rückzüge denkt.
Riesiger Wunschzettel
In der Folge sind die Eltern dran, die an verschiedenen Posten zu den genannten Stichworten mit VertreterInnen der Schulpflege oder einer der Schulleitungen diskutieren und ihre Anregungen und Wünsche auf bunten Zetteln deponieren können. Das dreiviertelstündige Angebot wird rege genutzt, und es geht je länger je lebhafter im Saal und dem Foyer zu, wo dem Publikum zur Stärkung auch ein Glas Orangensaft oder Wein offeriert wird.
Überfliegt man die vielen Notizen, denen sich nun die Projektleitung annehmen soll, fragt man sich, wie sie den bunten, mitunter auch etwas wilden Mix bewerten soll: «Hausaufgaben abschaffen», «Vollzeitarbeit beider Elternteile ermöglichen», «Ferienangebote ausbauen», «Rücksicht auf Bedürfnis des Kindes nach Ruhe und Kreativität», «Musik integrieren», «Umfrage bei den Kindern machen», «Fortschritte im Planungsprozess mitteilen» und viele, viele mehr.
Der Wunschzettel ist riesig, vielfältig und ungeordnet. Er zeigt auf jeden Fall, dass die schulergänzende Betreuung ein wichtiges Thema ist, das die Eltern beschäftigt.
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