Ein bisschen bluffen mit dem Rollator

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11. Mai 2026 – Gemeinsam mit dem Zolliker Philosophen und Altersfachmann Ludwig Hasler besuchten wir am Samstag den Infomarkt zum Wohnen und Leben im Alter. Der 82-Jährige nahm unter anderem am Demenz-Parcours teil und war begeistert von den eleganten Rollatoren.

Larissa Hammer, Ludwig Hasler, elegante Rollatoren (Fotos: ZN)
Larissa Hammer, Ludwig Hasler, elegante Rollatoren (Fotos: ZN)

VON BARBARA LUKESCH

Ludwig Hasler ist sichtlich angetan von den Rollatoren, die auf dem Dorfplatz ausgestellt sind. Mit gespannter Aufmerksamkeit hört er Larissa Hammer zu, der Marketing-Verantwortlichen von Care-Product, die die nützlichen, aber auch formschönen Geräte anpreist. Die Griffe, mit Kork verkleidet, sind in der Höhe verstellbar; der Einkaufskorb bietet Platz für eine Papiertasche; den Stock, der dazugehört, hat sie in zwei Ausführungen dabei: Frühlingsrosa und Leopard, was Hasler scherzen lässt: «Für die ganz Wilden».

Es sei eindrücklich, konstatiert er, dass diese Rollatoren nicht nur zweckmässig seien und die Selbständigkeit selbst im hohen Alter ermöglichten, sondern auch richtig elegant daherkämen: «Die Zeiten, in denen man sich für seinen Rollator schämen musste, sind endgültig vorbei.» Heute könne man ja schon fast ein bisschen bluffen damit.

Der Auftakt ist gelungen. Ludwig Hasler, der 82jährige «Alterspapst» der Schweiz, der in seinen Vorträgen immer wieder mit überraschenden und spannenden Gedanken zum Thema aufwartet, hat zugesagt, mit mir den Infomarkt «Wohnen und Leben im Alter» zu besuchen.

Nachdem er sich von Larissa Hammer und den Rollatoren gelöst hat, betreten wir den Gemeindesaal, in dem zahlreiche Aussteller ihre Produkte und Dienstleistungen präsentieren: Pro Senectute, die Spitex, das Tertianum, die unabhängige Beschwerdestelle für das Alter UBA, die Zürcher Sehhilfe und viele andere.

«Eile mit Weile» am Stand der Sehhilfe

Auch wenn Hasler selber keine Probleme mit den Augen hat, steuert er sofort diesen Stand an, weil seine Schwester, frisch verwitwet und stark sehbehindert, sich schwertue, ihren Alltag allein zu bewältigen. Der Mitarbeiter erläutert uns geduldig die verschiedenen Angebote.

Als Erstes zeigt er uns ein buntes «Eile mit Weile»-Brett, das raffiniert ausgestattet ist: Die Figuren sind magnetisch und haften prima, selbst wenn man mit dem Arm etwas ungelenk übers Spielfeld wischt. Die einzelnen Felder sind nicht nur mit starken, dunklen Linien voneinander abgegrenzt, sondern zusätzlich mit Rippen versehen, so dass nebst dem eingeschränkten Sehsinn auch der Tastsinn zum Einsatz kommen kann. Der zum Spiel gehörige Würfel ist riesig, leuchtend gelb und kann fast nicht verlorengehen.

Präsentiert wird uns zusätzlich ein Bildschirm-Lesegerät, mit dem man Zeitungsausschnitte oder Buchseiten so stark vergrössern kann, bis man entziffern kann, was da geschrieben steht. Dazu kommen Uhren mit beeindruckend gestalteten, gut lesbaren Zifferblättern.

Hasler selber hat mehr Mühe mit den Ohren und trägt Hörgeräte. Das Gratis-Angebot eines Hörtests lässt er darum aus. Ebenso den Lungenfunktionstest im sogenannten Luftibus, bei dem das Lungenvolumen und die Lungendurchgängigkeit gemessen wird. Den lasse ich mir nicht entgehen. Peter Müller, ein geduldiger und mitfühlender Instruktor, erklärt mir sorgfältig jeden Schritt. Tief einatmen und die Lunge füllen, explosionsartig ausatmen und zwar so lange wie möglich. Das Ergebnis freut mich: Auf einem detaillierten Plan zeigen sich überdurchschnittlich gute Werte. 

Der Wunsch nach Sicherheit

Anschliessend wendet sich Ludwig Hasler mit gesteigertem Interesse dem Stand der Firma SmartLife Care zu, die Alarmknöpfe verschiedener Art und Grösse im Sortiment hat. Ihn faszinieren diese Notrufhilfen, die nicht nur in Form eines Armbands, ähnlich einer Uhr, getragen werden können, sondern auch versteckt in Form eines schmucken Kettenanhängers oder integriert in die goldene Armbanduhr. Er wisse aus vielen Gesprächen, dass nicht nur der Wunsch nach Mobilität die Menschen im Alter umtreibe, sondern auch jener nach grösstmöglicher Sicherheit.

Selber merke er je länger je mehr, dass es Situationen in seinem Leben gebe, in denen er sich unsicher fühle, wenn seine Frau nicht daheim sei. Das Wissen, dass ein solcher Knopf ihm jederzeit und sehr schnell Hilfe garantiere, würde ihn, aber auch seine Frau beruhigen: «Das wirkt alles sehr einleuchtend auf mich.» Er bittet um einen Prospekt und verabschiedet sich bei der Mitarbeiterin mit den Worten: «Sie hören von mir.»

Das Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain ist an diesem Tag fürs Catering zuständig. Das Angebot ist grosszügig und wird dankbar entgegengenommen. Die Besucherinnen und Besucher stärken sich mit Spargelsuppe, belegten Brötchen, Fruchtbechern, Schokowürfeln und Crèmeschnitten, dazu gibt es Mineralwasser, Orangensaft und Kaffee, alles gratis.

Demenz am eigenen Leib erfahren

Uns zieht es zum Demenzparcours, den Markus Musholt koordiniert. Er ist Dozent für Pflege und Mitarbeitender auf einer Demenzabteilung. Dabei erfahren die TeilnehmerInnen sozusagen am eigenen Leib, wie sich Betroffene in ihrem Alltag fühlen. Musholt sagt: «Wir bieten eine Art Simulation von Demenz, um mehr Sensibilität und Verständnis für die Kranken zu schaffen.»

Ludwig Hasler willigt ein, sich der ersten von sechs Stationen auszusetzen, an der die Einnahme einer Mahlzeit simuliert wird. Er nimmt Platz an einem Tisch, auf dem ein offener Holzkasten steht. Darin liegen Messer und Gabel, rote, grüne und gelbe zerknüllte Papierchen und ein Bogen Papier, auf dem drei Kreise aufgezeichnet sind. An der Stirnfront des Kastens befindet sich ein Spiegel, so dass der Teilnehmer all seine Handgriffe spiegelverkehrt sieht. Seine Aufgabe lautet nun, je ein rotes, gelbes und grünes Papier mit dem Besteck in je einen gezeichneten Kreis zu verfrachten.

Essen wie ein Demenzpatient – zum Verzweifeln schwierig
Essen wie ein Demenzpatient – zum Verzweifeln schwierig

Hasler legt los. Innert Sekunden stöhnt er: «Nein, aber nicht doch!» oder «Hasler, nun mach mal!» Das kleine Experiment lässt ihn schier verzweifeln. Ständig bewegt er die Gabel in die falsche Richtung, oder kriegt das Messer nicht richtig in den Griff. Markus Musholt, ein überaus freundlicher und inspirierender Coach, sorgt für Abhilfe: «Legen Sie das Besteck weg, und machen Sie das Ganze mit den Fingern.» Jetzt entspannt sich der Proband und erledigt die ihm gestellte Aufgabe ziemlich schnell und gut.

Musholt erzählt, dass man Demenzpatienten darum gern auch eine Art Fingerfood wie Croquetten anbiete, mit denen sie besser zurechtkämen. Bestehe man auf dem Einsatz von Messer und Gabel müsse man damit rechnen, dass einzelne vor lauter Frust und Wut den Teller wegschlügen und das Essen verweigerten.

Ich setze mich mit einer speziellen Aufgabe auseinander. Zuerst muss ich mir eine Art Haushalts-Handschuhe anziehen, einen Kittel zuknöpfen und dabei laut bis 36 zählen. Die Knöpfe wollen einfach nicht zu, was so ärgerlich ist, dass die Zählerei auf der Strecke bleibt. Multitasking – das gleichzeitige Verrichten mehrerer Aufgaben – fällt Demenzpatienten besonders schwer.

Müht sich ab: nur halbwegs zugeknöpfte Journalistin
Müht sich ab: nur halbwegs zugeknöpfte Journalistin

Beim nächsten Posten setze ich mich hin, um zu zeichnen. «Malen ist doch ein Kinderspiel, oder?», steht auf dem Blatt. Und dann folgende Anweisung: «Sehen Sie beim Zeichnen bitte nur in den Spiegel! Auf das Blatt und möglichst genau nach der Vorlage zeichnen Sie jetzt:

  1. Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das …
  2. Jedem Regen folgt die …
  3. Der Mond ist aufgegangen, die goldnen … prangen

Ich bekomme sogar noch eine gezeichnete Vorlage und mache mich dann eifrig ans Werk. Oh Gott! Was da herausgekommen ist:

Scheinbar so einfach, aber nicht für Demenzpatienten
Scheinbar so einfach, aber nicht für Demenzpatienten

«Extrem wertvoll»

Am Ende unseres Rundgangs sagt Ludwig Hasler, dass er solche Selbstversuche «extrem wertvoll» finde. «Selber zu spüren, wie schwierig etwas ist, wie stark man sich anstrengen muss und ins Schwitzen gerät und wie bitter sich das Scheitern anfühlen kann, ist eine Erfahrung, die durch nichts zu ersetzen ist.»

Haslers Fazit der Informationsmesse fällt positiv aus: Es sei rührend, wie sehr man sich hier um die Bedürfnisse alter Menschen kümmere. Dass viele Junge an den Ständen Aufklärungsarbeit leisteten, schätze er besonders, weil er nichts schlimmer finde als die «generationenspezifischen Blasen», bei denen die Alten und die Jungen unter sich blieben.

In den Medien lese man ja in erster Linie von erfolgreichen Menschen wie Roger Schawinski, dem Radio-Unternehmer, oder Elke Heidenreich, der Literaturkritikerin. Meist mit dem Tenor «Hurra, wir Alten!» An dieser Messe werde man auch mit den Schattenseiten des Alters konfrontiert, aber in positiver Weise: mit zweckmässigen und sogar attraktiven Hilfsangeboten.

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