Es geht auch um Macht im Gemeinderat
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29. Mai 2026 – Am 14. Juni entscheidet sich, ob David Sarasin (FDP) oder Rui Biagini (GLP) neuer Zolliker Schulpräsident wird. Gleichzeitig geht es um die künftige Ausrichtung der Gemeindepolitik in wichtigen Bereichen. Ein Blick auf 50 Jahre Verteilkampf mit der FDP in der Pole-Position. (1 Kommentar)
29. Mai 2026 – Am 14. Juni entscheidet sich, ob David Sarasin (FDP) oder Rui Biagini (GLP) neuer Zolliker Schulpräsident wird. Gleichzeitig geht es um die künftige Ausrichtung der Gemeindepolitik in wichtigen Bereichen. Ein Blick auf 50 Jahre Verteilkampf mit der FDP in der Pole-Position.

VON RENE STAUBLI
Der Zolliker Gemeinderat besteht aus sechs ordentlichen Mitgliedern plus dem Präsidenten oder der Präsidentin der Schulpflege. Derzeit stellt die FDP die absolute Mehrheit mit Patrick Dümmler, Sylvie Sieger, André Müller und der Schulpräsidentin Claudia Irniger. Die GLP hat zwei Sitze: Sascha Ullmann (Präsident) und Dorian Selz. Das Forum 5W ist mit Sandra Fischer vertreten.
Bei den Behördenwahlen vom 8. März wurden für die nächste Legislatur (2026 – 2030) bislang drei FDP-KandidatInnen gewählt: Dümmler (Präsident), Sieger und Müller. Für die GLP machten Hermann Stern (neu) und Selz das Rennen. Fischer wurde ebenfalls wiedergewählt. Der noch freie siebte Platz geht an David Sarasin oder Rui Biagini.
Gewinnt Sarasin, behält die FDP mit vier Sitzen die absolute Mehrheit. Wird Biagini gewählt, kommt es im Gemeinderat zu einer 3:3-Pattsituation zwischen der FDP und der GLP – mit dem F5W als Zünglein an der Waage. Bei der Stichwahl am 14. Juni geht es also nicht nur ums Schulpräsidium, sondern auch um die Machtverteilung im Gemeinderat und damit verbunden um eine partielle Neuausrichtung der Gemeindepolitik.
Die Dominanz der FDP
Die Kräfteverhältnisse im Gemeinderat haben sich in den letzten 50 Jahren etliche Male verändert. Aber fast immer unter der präsidialen Regie der FDP: bis 1978 thronte Willi Küderli auf dem Präsidentensessel, dann Ernst Hofmann (1978 – 1986), anschliessend Hans Glarner (1986 – 2006), gefolgt von Katharina Kull-Benz (2006 – 2018). In den letzten acht Jahren gab es mit dem FDP-affinen GLP-Vertreter Sascha Ullmann so etwas wie ein Interregnum. Ab Juli steht nun aber wieder ein echter Freisinniger an der Spitze: Patrick Dümmler.
Das waren die interessantesten Entwicklungen der letzten 45 Jahre:
Von 1978 bis 1982 mussten sich zwei FDPler mit zwei Parteilosen, einem CVPler, einem SVPler und einem Vertreter des Landesrings der Unabhängigen (LdU) auseinandersetzen.
Von 1982 bis 1996 hatte die FDP mit 4 Sitzen die absolute Mehrheit. Immerhin schauten ihr zu Beginn noch drei Parteien auf die Finger: CVP, SVP und EVP. Mit dem Abtritt von CVP-Gemeinderat Kurt Sintzel (1986) schrumpfte die Parteienlandschaft.
Von 1996 bis 2012 sah sich die FDP wieder grösserer Konkurrenz ausgesetzt; sie verlor die absolute Mehrheit. In diesen Jahren begann der Aufstieg von Parteilosen, die ihre Kräfte allmählich im Forum 5W bündelten. Was dazu führte, dass es 2006 zu einer 3:3-Pattsituation kam: Drei FDPlerInnen (Präsidentin Katharina Kull-Benz, Martin Byland und Urs Fellmann) mussten sich mit drei F5WlerInnen auseinandersetzen (Thomas Bänninger, Jürgen Schütt und Dominique Bühler). Das Zünglein an der Waage spielte die SVP, zuerst mit Jürg Widmer, dann mit Daniel Weber.
2012 kam es zum grossen Knall, als die Gemeindeversammlung nach turbulenten Auseinandersetzungen um die Senkung des Steuerfusses den Sparstift ansetzte – unter anderem bei den Entwicklungshilfegeldern. Bühler, Bänninger und Schütt protestierten, resignierten und reichten schliesslich beim Bezirksrat Rücktrittsgesuche ein. Gegenüber den Medien begründeten sie den Schritt mit der verantwortungslosen Zolliker Steuer- und Sparpolitik; sie würden sich vom Stimmvolk nicht mehr getragen fühlen. Bühler und Bänninger (offiziell aus gesundheitlichen Gründen) konnten sofort gehen, Schütt (ethische Bedenken) musste bis zum Ende der Legislatur ausharren.
Zehn Jahre später sagte Dominique Bühler an einer öffentlichen Veranstaltung: «Wir wurden von der vierköpfigen bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat gemobbt und bekamen als Minderheit keine Möglichkeit, etwas zu bewirken; dennoch bereue ich aus heutiger Sicht den Rücktritt.» Mit gutem Grund, denn die unmittelbare Folge dieser Kapitulation bestand darin, dass die FDP ihre Dominanz mit 4 Sitzen zurückeroberte: sie füllte zusammen mit der SVP das Vakuum, während das F5W für lange Zeit in der Versenkung verschwand.
Seit 2012 ist es der FDP gelungen, ihre 4 Sitze zu verteidigen. Die SVP konnte sich noch 10 Jahre lang mit einer Zweiervertretung behaupten, ehe sie von der Bildfläche verschwand und von der GLP (Ullmann) und dem F5W (Fischer) beerbt wurde. Von einer Parteienvielfalt, welche die Kräfteverhältnisse in der Bevölkerung abbildet, kann indes keine Rede sein. Inzwischen gibt es im Zolliker Gemeinderat keine Mitte mehr, keine SVP, keine SP, keine EVP und keine Parteilosen. Die SP, die im benachbarten Zürcher Stadtrat eine wichtige Rolle spielt, war in Zollikon letztmals im Jahr 1970 in diesem Gremium vertreten.
Ein Patt unter anderen Vorzeichen
Eine 3:3-Pattsituation nach der Schulpräsidentenwahl würde diesmal unter ganz anderen Vorzeichen stehen als vor 10 Jahren. Damals war die rechtsbürgerliche SVP das Zünglein an der Waage, diesmal wäre es das Forum 5W, das insgesamt eher links der Mitte zu verorten ist und der GLP in wichtigen Bereichen näher steht.
Eine Mehrheit aus GLP und F5W würde sich im Gemeinderat beispielsweise für die Verlängerung der Buslinie 910 zum Tiefenbrunnen auf Gemeindekosten einsetzen. Sicherlich auch für die (klimagerechte) Aufwertung der Zentren in Dorf und Berg sowie die Schaffung von Begegnungszonen mit Tempo 20 auf geeigneten Quartierstrassen. Weitere Themen, in denen das Zweckbündnis GLP/F5W Druck aufsetzen könnte, wären wohl der Ausbau von Biodiversität und Photovoltaik, die Förderung des Langsamverkehrs (Velowege) und die Bereitstellung von altersgerechten Wohnungen. Am 14. Juni geht es also nicht nur um die Wahl eines neuen Schulpräsidenten, sondern um wesentlich mehr.
SVP und F5W in neuen Rollen
Die brisante Ausgangslage hat lokalpolitische Auswirkungen. Die SVP empfiehlt nun plötzlich Sarasin zur Wahl, nachdem sie im ersten Wahlgang noch Stimmfreigabe beschlossen hatte. Sibylle Lehner, Kandidatin für die Nachfolge des abtretenden Parteipräsidenten Bernhard Ecklin, hält zwar sowohl Biagini als auch Sarasin «für valable Kandidaten», aber es gehe nun primär um den Erhalt der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat: Nur mit der Wahl des FDPlers könne «vermieden werden, dass immer mehr Mitte-Links-Politiker – aus linken Gruppierungen oder unter dem Etikett ‹parteilos› – die Entscheide der Gemeindebehörden prägen». An der Klausur der SVP soll es in dieser Frage zu einer Spaltung gekommen sein. Im Unterstützungskomitee für Sarasin engagieren sich aus dem SVP-Vorstand jedenfalls nur Sibylle Lehner und die graue Eminenz Gregor Rutz.
Eine bemerkenswerte Strategie verfolgt das Forum 5W. Im ersten Wahlgang empfahl es Sarasin zur Wahl, um nach der missglückten Schulpflege-Legislatur dank FDP-Unterstützung die eigenen Schulpflegemitglieder mit aus dem Sumpf zu ziehen. Für den zweiten Wahlgang war ein Rückzieher ohne Gesichtsverlust nicht mehr möglich. Und so kommt es, dass das F5W, einst stolz auf seine Oppositionspolitik, nun aktiv mithilft, die FDP-Mehrheit im Gemeinderat zu zementieren.
Auch beim F5W ist ein interner Bruch offensichtlich. Im Unterstützungskomitee für Sarasin sitzen nebst dem früheren Schulpfleger Edwin Fuchs nur die drei aktuellen Schulpflegemitglieder sowie der gescheiterte Kandidat Klemenz. Vom achtköpfigen Vorstand ist ausser der Schulpflegerin Virginie Tschannen niemand vertreten.
In unserer Rubrik «Zollikon plant» finden Sie die Parteiprogramme von FDP, GLP und F5W für die die Legislatur 2022 bis 2026 – sie geben Aufschluss über die inhaltlichen Positionen und Prioritäten.
01.10.25: Biagini und Sarasin: Warum ich Schulpräsident werden möchte
20.01.26: David Sarasin: «Ich will das Miteinander fördern»
22.01.26: Rui Biagin: «Mein Herz schlägt für die Schule»
20.02.26: 10 Fragen an Biagini und Sarasin
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1 KOMMENTAR
Auch wenn die Redaktion der «ZollikerNews» dem F5W mantramässig das Image des Juniorpartners der FDP andichten will und opportunistisches Verhalten suggeriert, wiederhole ich genauso mantramässig, dass es sich um eine Personenwahl handelt. Die Stimmberechtigten in Zollikon haben mit David Sarasin und Rui Biagini zwei Kandidaten zur Auswahl. Das F5W unterstützt weiterhin und primär die Person David Sarasin, weil das F5W David Sarasin als die besser geeignete Person für das Amt des Schulpräsidenten sieht. Wichtig ist, dass die bestgeeignete Person gewählt wird, unabhängig von der Partei. Würde das F5W parteipolitisch handeln, müsste es aufgrund der im Text erwähnten Gründe die GLP unterstützen. Trotz des schmerzlichen Verlusts des dritten Sitzes für die Schulpflege gewann das F5W gegenüber den Wahlen 2022 einen Behördensitz dazu. Es scheint doch, dass viele Stimmende in Zollikon die Personen und das Politisieren des F5W estimieren. Das F5W strebt nicht die alleinige Macht im Gemeinderat an (Zünglein an der Waage), auch wenn die Gelegenheit günstig wäre wie nie. Personen, nicht Parteien, stehen im Vordergrund.