Adrian Michael trifft Annik Schlatter
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4. März 2026 – Viele Menschen träumen davon, mit Delfinen und Walen zu schwimmen. Annik Schlatter (21) tut es beruflich. Es sei ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ihr ein Delfin direkt in die Augen schaue oder wenn Wale neben ihrem Boot auftauchten.

Annik Schlatter war Schülerin in meiner letzten Klasse. Im Sommer 2017 ist sie in die Sekundarschule übergetreten. Als kleine scheue Viertklässlerin kam sie mir manchmal etwas verloren und unsicher vor, sie traute sich nicht viel zu und war froh um Unterstützung. Im Laufe der Jahre legte sie dann an Selbstvertrauen zu und wurde zu einem fröhlichen, ausgeglichenen Mädchen. Im Lager der 6. Klasse erlebte ich sie als «Naturkind»: Zusammen mit zwei Gleichgesinnten streifte sie in Splügen oberhalb unserer Unterkunft auf der Suche nach Pilzen durch den Wald. Stolz präsentierten die drei nach ihrer Rückkehr ihre Funde, die auf der Terrasse gleich geputzt wurden.

Nach der 6. Klasse habe ich Annik wie so viele andere auch aus den Augen verloren. Dass sie die Kantonsschule Stadelhofen besuchte, habe ich noch mitbekommen, auch dass sie im Rahmen ihrer Maturaarbeit eine Firma gründete, die Schmuck aus Blüten, Muscheln und alten Uhrwerken herstellt. Am Weihnachtsmarkt präsentierte sie ihre Kreationen an einem Stand.

Luftakrobatik war auch ihr Ding: am Vertikaltuch hängend durch die Luft zu schweben, gefiel ihr. Dass sie davon träumte, beruflich zu tauchen oder in der Tourismusbranche zu arbeiten, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Doch eines Tages erzählte mir ihre Mutter, Annik sei auf Madeira, begleite internationale Gäste mit dem Motorboot beim Whale-Watchen, Delfinschwimmen und unterrichte sie im Tauchen. Ich wurde hellhörig. Die scheue Annik! Englischsprachige Touristen herumführen, als Instruktorin Tauchgänge leiten, mit Delfinen und Schildkröten schwimmen! Das rief nach einem Porträt, und ich freute mich sehr, als sie zusagte.
So sitzt sie mir eines Nachmittags in der Bäckerei Hausammann am Dorfplatz in aufgeräumter Stimmung gegenüber. Mehrere kleine Schmuckstücke und ein Steinchen im Eckzahn stehen ihr gut. Ich bin auf ihren Lebensweg gespannt.

Dass sie auf der Atlantikinsel Madeira landete, war nicht geplant, sondern eher Zufall. Sie sehnte sich nach der Matura nach einem sinnvollen Zwischenjahr, einer Pause von Schule und Lernen. Gleichzeitig träumte sie davon, als Tauchlehrerin unterwegs zu sein. Ein Studium konnte warten.
Es war kurz vor der Maturaprüfung, sie suchte etwas im Handy, als eine Seite aufploppte, die sie früher einmal geöffnet hatte: «Taucher.net». Ein Angebot fiel ihr besonders auf: Ein «Internship-Praktikum» auf Madeira. Das passte, und drei Wochen später war Annik auf der Insel, angemeldet für einen Kurs zum Tauchguide. Grundkenntnisse im Tauchen hatte sie sich zuvor schon in ihren Ferien in Kroatien und auf Korsika erworben.
Auf Madeira liess sie sich zum Divemaster ausbilden, was sie zum selbständigen Führen einer Gruppe berechtigt. Angestellt ist sie bei einer lokalen Tauchschule, die auch Delfintouren anbietet. Annik ist mit ihren 21 Jahren die Jüngste der derzeit 13 Bootsführerinnen und Tauchlehrer aus mehreren europäischen Ländern. Sie führt Tauchgänge, verschiedene Arten von Bootstouren wie Whale-Watching, Segelbootstouren, Fahrten mit dem grossen Speedboot und Sonnenuntergangsfahrten. «Unterrichtsprache» für die internationalen Gäste ist Englisch, das Annik mittlerweile fliessend spricht – in der Schule mochte sie es nie. Zusätzlich kümmert sie sich um den Social-Media Auftritt der Firma.

Beim Whale-Watching gebe es immer etwas zu sehen. Besonders attraktiv seien mehrere Arten von Delfinen, Grindwale, Pottwale, und wenn man Glück habe, komme auch einmal ein Orca vorbei. Mit der Zeit kenne man die Tiere, erzählt Annik. Bei jedem Tier seien die Flossen anders ausgeprägt, auch unterschieden sie sich durch die Färbung ihrer Haut. Ich lerne, dass es Zügeldelfine und Degenfische gibt.

Die Unterwasserwelt um Madeira sei vielfältig und bunt, was für Europa eher selten sei. Die Lage im Atlantik erhöhe die Vielfalt. Beim Tauchen treffe sie auf zahlreiche Fische – ausserirdisch wirkende Trompetenfische, herzige Kugelfische oder die Spanische Tänzerin, eine Schnecke, die wie ein Hase über den Meeresgrund hoppele. Auch gebe es mehrere Arten von Schildkröten, Oktopusse und Rochen. Ein weiteres Highlight seien die Seepferdchen, die man aber nur schwer erkenne.
Freilebende Tiere sind kein Streichelzoo
Nach einem besonders eindrücklichen Erlebnis gefragt, berichtet Annik, wie unweit von ihr ein mächtiger Pottwal aus dem Wasser gesprungen sei: «Ein grossartiger Moment!» Auch ihre erste Begegnung mit einem Hai sei eindrücklich gewesen. Sie wünscht sich, einmal einen Manta, einen Riesenfisch aus der Familie der Teufelsrochen, vorbei gleiten zu sehen, auch die Begegnung mit einem Mondfisch fände sie cool.
Mühsam an ihrer Arbeit sei hie und da das Benehmen der Gäste, wenn sie sich nicht an die Anweisungen hielten und nur schwer verstehen wollten, dass man kein Tier berühren dürfe. Freilebende Tiere seien kein Streichelzoo, auch wenn sie manchmal sehr zutraulich seien. Auch die Anspruchshaltung einzelner Personen könne herausfordernd sein. Gott sei Dank seien die Gäste aber meistens unkompliziert.
Anniks Tage – sie arbeitet sechs Tage in der Woche – beginnen zwischen 9 und 10 Uhr und enden jeweils gegen 17 Uhr, manchmal auch später. Sie wohnt zusammen mit anderen Angestellten in einer WG, die ihr von ihrer Firma vermietet wird. Ihren Arbeitsplatz erreicht sie in etwa 10 Minuten zu Fuss, oft wird sie auch von jemandem auf einem Motorrad oder Roller mitgenommen. Busverbindungen gebe es zwar, aber ob dann der Bus tatsächlich zur angegebenen Zeit fahre, sei eher Glückssache.
Vom Meer in die Schweizer Berge
Auf Madeira erlebte sie gegen Ende ihres Praktikums ein Deja vu. Auf ihrem Handy stiess sie auf eine Seite, wo eine Skilehrerin in Klosters gesucht wurde. Annik sagte sich: Okay, warum nicht? Wenig später war sie in Davos in einem Vorbereitungskurs und stand nach einer Woche auf der Piste vor einer Gruppe Kindern. Obwohl sie schrecklich Heimweh nach dem Meer gehabt habe, habe ihr die Arbeit gefallen.
Mühsam seien nicht die Kinder gewesen, sondern manchmal deren Eltern. Sie erzählt von einem Vater, der eine ganze Woche lang die Gruppe vom Pistenrand aus beobachtet habe. Das jüngste Kind sei gerade mal eineinhalb Jahre alt gewesen. Kommentar der Eltern: Noah-Maximilian sei im Fall sehr begabt! Na ja. Schön sei es jeweils gewesen, wenn ein Kind, das zum ersten Mal auf den Skiern stand, am Ende der Woche die blaue Piste habe hinunterböglen können.
Ein arger Sturz, nach dem Annik mit dem Heli abtransportiert werden musste und der eine lange Operation zur Folge hatte, beendete ihren Job jedoch abrupt.

Leider musste nach der Operation auch das Tauchen ein bisschen warten. Aber drei Monate später flog Annik mit dem Bootsführerschein in der Tasche zurück nach Madeira und war wieder auf und unter dem Wasser unterwegs.
Gefragt nach weiteren Plänen, schüttelt sie den Kopf. Sie lasse alles auf sich zukommen, nehme, was komme. Bis Oktober wird sie auf jeden Fall auf Madeira bleiben, danach sei eine Ausbildung zur Fotografin auf einem Kreuzfahrtschiff denkbar. Das lasse sich gut mit ihrer Tätigkeit auf dem und im Wasser verbinden. Auch eine Anstellung auf einem Schiff als Tauchinstruktorin könne sie sich vorstellen. Aber wie gesagt, genaue Pläne habe sie nicht.
Sie sei ihren Eltern dankbar, dass sie sie ihren etwas unkonventionellen Weg haben gehen lassen, ohne Kommentare abzugeben wie «Lerne doch zuerst einmal etwas Rechtes». Annik ist überzeugt, dass sie auf dem für sie richtigen Weg sei.

Für mich war es schön zu sehen, dass meine ehemalige Schülerin ihren Weg gefunden hat. Ich bin beeindruckt von ihrer Entwicklung vom scheuen Mädchen zur selbstbewussten jungen Frau. Gestern ist sie wieder nach Madeira abgereist.
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