Das Alter im Arbeitsleben neu denken

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16. März 2026 – «Neulich fragte mich ein junger Projektleiter mit ernstem Blick: ‹Frau Lichtenberger, trauen Sie sich das grosse Mandat in Ihrem Alter wirklich noch zu?› Ich musste lachen…

Mehr Zeit für die Familie in jungen Jahren, weiterarbeiten nach der Pensionierung
Mehr Zeit für die Familie in jungen Jahren, Projektarbeit nach der Pensionierung

VON BIANKA LICHTENBERGER

Neulich fragte mich ein junger Projektleiter mit ernstem Blick: Frau Lichtenberger, trauen Sie sich das grosse Mandat in Ihrem Alter wirklich noch zu? Ich musste lachen – nicht wegen der Frage, sondern wegen der unausgesprochenen Annahme dahinter: Als hätte ich über Nacht meinen Charakter, meine Fähigkeiten und meine Neugier an der Garderobe meines Geburtsjahres abgegeben.

Dabei zeigt die Statistik, dass die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen zwischen 2014 und 2024 um 6,1 Prozentpunkte auf 77,8 Prozent gestiegen ist und diejenige der 65- bis 74-Jährigen in der Schweiz mit rund 18,8 Prozent erstaunlich hoch ist. Wir arbeiten also fleissig weiter, werden aber gleichzeitig in vielen Unternehmen als <Risiko> etikettiert. Eine aktuelle Studie berichtet sogar, dass rund drei Viertel der HR-Verantwortlichen Altersdiskriminierung im eigenen Umfeld beobachten. Übersetzt heisst das: Wir Älteren gelten offiziell als einsatzfähig, inoffiziell aber als Belastung – zu teuer, zu wenig <agil>, zu nah an der Pension.

Was mich persönlich irritiert: Meine Innovationskraft ist heute grösser als mit dreissig und zusätzlich gepaart mit Erfahrung. Ich weiss, wie sich Krisen anfühlen, habe Change-Wellen überlebt, digitale Transformation nicht nur aus dem Seminar, sondern aus der Praxis kennengelernt. Und doch begegne ich im Alltag dem subtilen Dreh: Aus <erfahren> wird <überholt>, aus <reflektiert> wird <verlangsamt>. Plötzlich soll ich nicht mehr die Gestalterin, sondern die dankbare Nutzniesserin des Systems sein.

Das Absurde daran: Der demografische Wandel ist längst keine Überraschung mehr, sondern ein seit Jahren angekündigtes Dauerthema – inklusive Fachkräftemangel und späterem Pensionsalter. Trotzdem halten wir am linearen Lebenslauf fest: Vollgas-Ausbildung, Vollgas-Karriere, dann abrupt Vollstopp: Rente. Für die Jüngeren bedeutet das: Familiengründung, Karriereaufbau und finanzielle Verantwortung müssen in eine Phase gepresst werden, in der auch die eigene Erschöpfung wächst. Für die Älteren heisst es: Wer nicht perfekt in dieses Raster passt, wird freundlich Richtung Ausgang gelotst.

Dabei läge eine andere Lösung auf der Hand: Wir könnten Arbeit von Anfang an als lebenslange Kurve denken, nicht als Sprint mit plötzlich gerissenem Zielband. Flexible Teilpensen in der intensiven Familienphase, ohne Karrierestrafe, kombiniert mit der Möglichkeit, später wieder aufzustocken, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder Lust auf einen fachlichen Richtungswechsel entsteht. Teilpensionierung, Weiterarbeiten über das klassische Rentenalter hinaus, projektbasierte Aufgabenprofile für Ältere – all das ist rechtlich und organisatorisch längst möglich, wird aber oft nur im Ausnahmefall genutzt.

Eine solche Reorganisation wäre kein <Bonusprogramm> für die Graumelierten, sondern ein Generationenprojekt. Jüngere könnten Verantwortung und Care-Arbeit besser verteilen und müssten nicht mit 40 wie ausgebrannte Vorruheständler wirken. Ältere könnten Phasen der Entlastung einbauen, ohne automatisch in die Unsichtbarkeit zu rutschen, und ihre Erfahrung dort einbringen, wo sie die grösste Wirkung entfaltet: in komplexen Projekten, bei Konflikten, in der Begleitung der nächsten Generation.

Im Moment aber erlebe ich tagtäglich das Gegenteil: Man spricht viel von Diversität, doch sobald das Geburtsjahr zweistellig von der <Norm> abweicht, wird es still im Raum. Es ist, als gebe es eine unsichtbare Altersgrenze, ab der Menschen nicht mehr als sich entwickelnde Persönlichkeiten gelten, sondern als Versionsnummern, die kurz vor <End of Support> stehen.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einen gedanklichen Reset zu wagen: Nicht fragen <Wie viel Alter können wir uns noch leisten?>, sondern <Wie viel Erfahrung und Gelassenheit können wir uns leisten nicht zu nutzen?> In einer Welt, die immer komplizierter wird, wären gemischte Teams mit 25-, 43- und 68-Jährigen kein Risiko, sondern eine Versicherungspolice – für Unternehmen genauso wie für unsere Gesellschaft.»

Bianka Lichtenberger hat Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert. Als ausgebildete Wirtschaftsjournalistin hat sie für das «Handelsblatt», die «Wirtschaftswoche», das «Manager Magazin» und den «Spiegel» geschrieben. Sie bekleidete anschliessend Führungspositionen im Bereich globale Organisationsentwicklung bei Alusuisse-Lonza, Schindler, ABB und ist Professorin der Fachhochschule Graubünden. Sie sagt: «Wir leben in einer Welt, die uns je länger je mehr herausfordert.» In ihrer Kolumne wird sie sich solchen Brennpunkt-Themen widmen.

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