Das erste Jubiläumsfest nach 175 Jahren

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3. März 2026 – In der Geschichte des Zolliker Frauenvereins ist 2026 ein besonderes Jahr. Der Vorstand hat beschlossen, endlich einmal zu feiern. Die Präsidentin Marie-Madeleine Matter ist die umtriebige Macherin, die diesen Festakt initiiert hat. (1 Kommentar)

3. März 2026 – In der Geschichte des Zolliker Frauenvereins ist 2026 ein besonderes Jahr. Der Vorstand hat beschlossen, endlich einmal zu feiern. Die Präsidentin Marie-Madeleine Matter ist die umtriebige Macherin, die diesen Festakt initiiert hat.

Marie-Madeleine Matter mit einer Rechnung aus dem Jahr 1895 (Foto: ZN)
Marie-Madeleine Matter mit einer Rechnung aus dem Jahr 1895 (Foto: ZN)

VON BARBARA LUKESCH

Marie-Madeleine Matter weiss, was sie ihrem Verein schuldig ist. An Mitgliederversammlungen, aber auch anderen öffentlichen Anlässen trägt sie pink, lila oder leuchtend grün. «Wie die Queen», lacht sie. Als Präsidentin müsse sie doch gut sichtbar sein, um den Frauenverein als farbige und lebendige Institution zu repräsentieren.

Die 64-Jährige identifiziert sich stark mit dem traditionsreichen Zolliker Frauenverein, dem sie seit knapp zehn Jahren vorsteht. Kaum war sie im Amt, vertiefte sie sich in dessen Geschichte und stellte fest, dass es wenig verlässliche Quellen gab. Verzweifelt suchte sie nach einer Urkunde, in der sie das Gründungsjahr finden würde. Ihr war nämlich aufgefallen, dass die Zollikerinnen anders als etwa ihre Küsnachter Kolleginnen noch nie ein Jubiläumsfest gefeiert hatten. Sogar der 100. Geburtstag, weiss Matter inzwischen, ging sang- und klanglos vorüber, weil sich niemand des speziellen Datums bewusst war.

Das musste sich ändern. Schliesslich seien solche Feste perfekte Anlässe, um nicht nur den Mitgliedern und Vorstandsfrauen für ihr ehrenamtliches Engagement zu danken, sondern sie böten auch Gelegenheit als Verein mit seinen Angeboten und Dienstleistungen in der Öffentlichkeit Präsenz zu markieren und sich zu positionieren.

Was tun? Kurz entschlossen legte die Präsidentin das Jahr 1851 als Gründungsjahr fest. Diese Wahl lasse sich durchaus vertreten, deuteten doch alte Unterlagen auf dieses Datum hin. Nur: historisch ganz präzise belegt sei es nicht, räumt Marie-Madeleine Matter ein. Egal – das 175 Jahr-Jubiläum geht diesen März über die Bühne. Der Gemeindepräsident, GemeinderätInnen, Kantonsrätin Corinne Hoss-Blatter, Pfarrer Simon Gebs und sein katholischer Kollege Pascal Marquard, ehemalige Präsidentinnen und alle 300 Mitglieder seien längst eingeladen.

«Weiblicher Armenverein»

Jetzt wird gefeiert. Selbstverständlich wird Marie-Madeleine Matter an diesem Ehrentag einen Blick zurückwerfen und die Leistungen ihrer Vorgängerinnen würdigen. Sie sei wirklich stolz, betont sie, wie man in Zeiten, in denen es noch keine soziale Absicherung gab, arme und bedürftige Mitbürgerinnen unterstützt habe. Ursprünglich als «weiblicher Armenverein», ab 1907 dann als «Frauenverein».

In den Anfangszeiten habe es offenbar viel Ablehnung, ja, sogar gehässige Reaktionen gegeben. Zu ungewohnt war es, dass sich Frauen ausserhalb des Hauses betätigten. Johanna Bremi-Sennhauser, von 1924 bis 1968 Präsidentin des Vereins, hielt an einer GV fest, dass sich niemand vorstellen könne, wieviel Mut es Mitte des 19. Jahrhunderts gebraucht habe, um die ersten Frauenvereine zu gründen.

Federführend seien bürgerliche Kreise gewesen wie die Frau des Pfarrers oder des Gemeindepräsidenten. Die Mitglieder nähten Kleider, backten Brot und sammelten Geld, um damit Bedürftige zu unterstützen. Dass der Verein nach wie vor unter Beobachtung stand, zeigte sich an der wiederholt geäusserten Sorge, man «beschenke nebst Würdigen auch viele Unwürdige.»

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 vergrösserte sich der Tätigkeitsbereich des Frauenvereins schlagartig. Täglich kochte er 120 Liter Suppe, die er sowohl auf dem Berg wie im Dorf verteilte. Viele Frauen strickten daheim Socken für die Soldaten und vollbrachten damit nicht nur eine gute Tat für andere, sondern verdienten sich auch einen kleinen Zustupf.

Von 1932 bis 1973 führte der Frauenverein die Gemeindestube im Althaus an der Alten Landstrasse 47. (Fotos: Ortsmuseum)
Von 1932 bis 1973 führte der Frauenverein die Gemeindestube im Althaus an der Alten Landstrasse 47. (Quelle: Ortsmuseum)

1924 begann die Tuberkulose-Fürsorge, die bis 1983 fortgeführt wurde. 1926 entstand die Mütterberatung, dazu kamen der Mahlzeitendienst, Beteiligung am Besuchsdienst, der Fahrdienst und 1994 die erste Velobörse. Alles Leistungen, die Matter gern lobend am 23. März an der Jubiläums-Mitgliederversammlung erwähnen wird.

Unglaublich, aber wahr

Mühe hat sie allerdings mit einer Tatsache, die sie zunächst fast nicht glauben konnte. Der Zolliker Frauenverein sprach sich im Vorfeld der Abstimmung für das Frauenstimmrecht 1971 gegen die Vorlage aus. Sie sei «geschockt» gewesen, erzählt sie, als sie erstmals davon erfuhr. Wie liess sich diese Haltung ausgerechnet von Frauen erklären, die so aktiv und engagiert für die Gesellschaft tätig waren?

Nach Recherchen in alten Papieren kam sie zum Schluss, dass viele der Frauenvereins-Mitglieder aus «sozial besser gestellten Verhältnissen kamen, so dass keinerlei Druck bestand, sich in der Frage des Frauenstimmrechts in der traditionell konservativ-freisinnig ausgerichteten Gemeinde Zollikon zu exponieren.» Ja, es habe sogar das Risiko bestanden, bei «Ausbrüchen aus dem vorherrschenden patriarchalischen Familienmodell geächtet zu werden». Matter konnte diese Argumentation nachvollziehen und bemühte sich um Nachsicht: «Es steht mir nicht zu, die Frauen aus heutiger Sicht zu verurteilen.»

Ausflug des Frauenvereins nach Luzern 1980
Ausflug des Frauenvereins nach Luzern 1980

Neue Herausforderungen

Im Jubiläumsjahr gebe es andere Herausforderungen, denen sich der Verein stellen müsse. Zählte man 1970 noch knapp 600 Mitglieder, hat sich deren Zahl inzwischen halbiert. Das sei ein grosses Problem, so Matter, weil der Altersdurchschnitt mit rund 70 Jahren eher hoch sei. Erwähne man den Verein, heisse es schnell: «Der alte Zopf!» Dabei vergesse man aber, dass das jüngste Mitglied 33 Jahre alt sei, der Verein sich im Umbruch befinde und sein Angebot immer wieder anpasse, um auch jüngere Frauen zu gewinnen, ohne die Bedürfnisse der älteren zu vernachlässigen.

Im Grunde genommen müssten sie sich «neu erfinden». Das fange damit an, dass viele Mitglieder berufstätig seien und damit nur Veranstaltungen am Abend besuchen können. Der «Morgetreff», früher ein beliebter Anlass, sei aus der Zeit gefallen. Im Gegensatz dazu wird der Fondueplausch, den es seit Jahren im Januar gibt, stark besucht. Auch der neugeschaffene Frauenstammtisch, ein niederschwelliges Angebot ohne Anmeldungs- und Konsumationszwang, entwickle sich gut. Das heisst, es gebe ein ausgewiesenes Bedürfnis nach Begegnung und Austausch, was sie nicht überrasche, schliesslich sei das Thema Einsamkeit ja hochvirulent und in allen Medien präsent. Dem genügten sie auch mit ihren Führungen in eine interessante Firma oder das Spital Balgrist.   

Ihr Motto laute denn auch «Miteinander – Füreinander». Das Füreinander knüpfe an die alte Tradition des Vereins an, dass man bedürftigen Menschen mit Geld- oder Realspenden unter die Arme greife. Denn auch im Goldküstenparadies Zollikon gebe es Armut, wenn auch eher versteckt.  

So zahlt der Frauenverein mal einen Beitrag an die Zahnarztrechnung einer Familie oder finanziert eine Nähmaschine für eine Gruppe von Migrantinnen, damit sich diese Frauen ihre eigenen Kleider nähen können. Denkbar seien aber auch Spenden an soziale Einrichtungen wie eine Schule für Menschen mit Beeinträchtigungen. Regelmässig unterstützen sie das Wohnheim des Züriwerks an der Dufourstrasse, dessen Bewohnerinnen und Bewohnern sie mit ihrer Spende einen Ausflug oder einen Kinobesuch ermöglichen würden – etwas, was die IV nicht decke.

Im Wissen, dass die Digitalisierung bereits alle Lebensbereiche erreicht habe, legt die Präsidentin grossen Wert auf das Hegen und Pflegen der Website des Vereins. Sie möchte diese Visitenkarte mit Bildern und guter Leserinnenführung so attraktiv wie möglich gestalten, um Interessentinnen das Vorurteil, der Frauenverein sei von gestern, auszutreiben.

Nun muss sich Marie-Madeleine Matter nur noch entscheiden, welche Farbe sie dem Jubiläumsfest mit ihrem Auftritt geben möchte: pink, lila oder leuchtend grün?

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Sehr schöner Artikel. Danke an Marie-Madeleine für ihren tollen Einsatz und ihr super Engagement. Als Mitglied bin ich stolz, sie als Präsidentin zu haben. Auf viele weitere Jahre!

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