Das Idealbild einer vernünftigen Gesellschaft
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Balz Spörri: «Als ich Anfang der 1980er Jahre an der Universität Zürich Geschichte studierte, gab es unter den linken Studenten, zu denen ich mich auch zählte, eine Reihe von Büchern, die man einfach gelesen haben musste. Dazu gehörte ‹Strukturwandel der (…) (1 Kommentar)
VON BALZ SPÖRRI
Als ich Anfang der 1980er Jahre an der Universität Zürich Geschichte studierte, gab es unter den linken Studenten, zu denen ich mich auch zählte, eine Reihe von Büchern, die man einfach gelesen haben musste. Dazu gehörte ‹Strukturwandel der Öffentlichkeit› von Jürgen Habermas.
Der Titel ist sperrig, die Lektüre anspruchsvoll. In der erstmals 1962 publizierten Schrift legt Habermas dar, wie sich die ‹Öffentlichkeit› von der Feudalherrschaft bis in die Gegenwart entwickelt hat. Das Exemplar von damals steht noch immer in meinem Bücherregal. Die zahllosen Anmerkungen und Unterstreichungen belegen, dass ich es sehr genau gelesen haben muss. Ob ich alles verstand, bezweifle ich.
Was mir von der Lektüre aber bis heute geblieben ist, ist das Idealbild einer vernünftigen Gesellschaft. Im Mittelalter war das von öffentlichem Interesse, was der Herrscher dafür hielt. Er allein war es auch, der die Gesetze erliess. Aus den Ideen der Aufklärung entstand dann im 18. Jahrhundert die ‹bürgerliche Öffentlichkeit›. Sie postuliert, dass alle Angehörigen einer Gesellschaft gleichberechtigt über die sie betreffenden Angelegenheiten debattieren und später die entsprechenden Gesetze verabschieden. Dieses kritische ‹Räsonnement›, wie Habermas es nennt, findet in der Öffentlichkeit statt, also etwa in den literarischen Salons, in Briefwechseln, in den aufkommenden Zeitungen und später im Parlament.

Entscheidend ist, dass am Ende das beste Argument gewinnt, unbesehen davon, wer es vorgebracht hat. Veritas facit legem non auctoritas, die Wahrheit macht das Gesetz, nicht eine religiöse Autorität oder ein Herrscher. Das ist der Kern der Aufklärung, die Überzeugung nämlich, dass sich die Vernunft durchsetzt.
Nach der Lektüre war ich so begeistert, dass ich mit meiner Freundin nach Frankfurt am Main reiste, um Habermas live zu erleben. Der Professor der Philosophie war ein Vordenker der Studentenbewegung von 1967/68 hatte sich aber bald von den radikalen Vertretern wie Rudi Dutschke distanziert. Die Goethe-Universität, an der er nun lehrte, erschien mir als das das pure Gegenteil der bürgerlich-verschlafenen Universität von Zürich. Die Wände waren voller Graffiti, überall lagen Abfall und Flugblätter herum, zwei Studenten hatten ihre Hunde in die Vorlesung mitgebracht.
Habermas nuschelte, doch sein Vortrag war brillant. Er sprach in unendlich verschachtelten Sätzen, die er wundersamerweise immer wieder akkurat aufzudröseln verstand. Selbst von den Hunden im Hörsaal war kein Laut zu vernehmen. So zumindest habe ich es in Erinnerung.
Kurz darauf bewarb ich mich für einen Platz in der Ringier-Journalistenschule. Auf die Frage ‹Warum möchten Sie Journalist werden?›, antwortete ich: ‹Weil ich an die Aufklärung glaube.› Das war keine gute Idee. Ich schied gleich in der ersten Runde des Auswahlverfahrens aus. Zwei Jahre später klappte es dann doch noch. Wie ich die Frage diesmal beantwortete, weiss ich nicht mehr. Vermutlich murmelte ich etwas von ‹faszinierendem Beruf›.
Habermas war sich immer bewusst, dass das Bild des herrschaftsfreien, öffentlichen Räsonnements nur ein Idealbild war. Karl Marx zum Beispiel hatte die «öffentliche Meinung» schon im 19. Jahrhundert als ‹falsches Bewusstsein› kritisiert. Habermas selbst sah 1960 eine Gefahr darin, dass die verschiedenen Meinungen zunehmend von PR-Leuten und Interessengruppen gesteuert wurden, so dass sich am Ende nicht mehr das beste Argument durchsetzte.
Heute ist die Demokratie Angriffen verschiedenster Seiten ausgesetzt. Religiösen Fanatikern, zynischen Autokraten oder populistischen Brandstiftern liegt nichts am freien Austausch von Meinungen und dem Sieg der Vernunft. Und in den Medien findet ein differenziertes Räsonieren kaum noch statt. Die bürgerliche Öffentlichkeit droht zu zerbröseln. Umso entschiedener sollten wir am Ideal einer vernunftbegabten Gesellschaft festhalten.»
Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit ; Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Luchterhand
Balz Spörri (Jg. 1959) studierte Germanistik, Geschichte sowie Media Ecology und promovierte mit einer Arbeit über die Sozialgeschichte des Lesens. Heute lebt er als Journalist und Autor in Zürich. Für die «ZollikerNews» schreibt er die Kolumne «Die bunte Welt der Studien».
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Der Habermas’sche Diskurs ist nicht nur ein Ideal, sondern vor allem die notwendige Grundlage für Wohlstand, der sich nur in demokratischen Gesellschaften entwickeln kann, wie sich mit globalen Weltbank-Daten über das letzte Vierteljahrhundert beweisen lässt. Ohne Demokratie kein Wohlstand. Dazu die Analysen auf Linkedin: https://www.linkedin.com/pulse/political-competition-unsung-hero-prosperity-dr-hermann-j-stern-iheme