Der Teufel in mir
0 KOMMENTARE
2. März 2026 – «Letzte Woche durfte ich die Erfahrung machen, dass ich auch mit 32 Jahren immer noch Seiten an mir entdecke, die ich bisher nicht kannte.»

Letzte Woche durfte ich die Erfahrung machen, dass ich auch mit 32 Jahren immer noch Seiten an mir entdecke, die ich bisher nicht kannte. Die Situation gestaltete sich wie folgt. Gemeinsam mit meiner Schwester sass ich in einem sehr charmanten, aber engen Lokal in Palma de Mallorca, wo wir uns eine Paella schmecken lassen wollten. Wir waren bestens gelaunt und voller Vorfreude, als der Nebentisch – um es zurückhaltend zu formulieren – unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.
Konkret sassen da vier Menschen im geschätzten Alter zwischen 45 und 60 Jahren, deren Lautstärke und Verhalten (lautstark mit Kellnern schäkern, zur Hintergrundmusik mitsingen, konstant mit Blitz fotografieren für Instagram) bei mir eine geradezu extreme Antipathie aufkommen liessen.
Eigentlich rege ich mich wegen dem Verhalten anderer Menschen nicht so schnell auf. In diesem Moment aber erlebte ich mich ganz neu. Meine Gelassenheit war weg, ich konnte mich nicht mehr auf das Gespräch mit meiner Schwester konzentrieren. Der Nebentisch zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich und ich sah mich ausserstande, das zu ändern.
Mit zunehmender Dauer dieser Situation ertappte ich mich gar dabei, wie ich diesen Menschen Schlechtes wünschte, zum Beispiel, dass in ihrer Paella eine verdorbene Muschel wäre. Plötzlich sass da ein kleiner Teufel in mir. Innere Wutbürgerin, nannte ich mich, weil ich dann doch zu konfliktscheu bin, um unsere Tischnachbarn auf ihr Verhalten anzusprechen.
So sass ich da, vor mir eine köstliche Paella, in mir ein Konflikt darüber, wieso da dieser Teufel ist, ich nichts unternehme und stattdessen plötzlich wildfremden Menschen eine Lebensmittelvergiftung wünsche. Das Blöde an der Situation ist, dass ich auch rückblickend nicht weiss, wie ich sie hätte lösen sollen und was genau am Auftritt dieser Gäste meine Gelassenheit so massiv ins Wanken gebracht hat. Vielleicht war der Teufel in mir weniger Ausdruck von Boshaftigkeit als Trotz, dieses kindliche: ‹Dann mache ich – mindestens in Gedanken – alles kaputt.›
Etwas Gutes hatte die Sache dann doch noch. Nach unserem Hauptgang brachte uns das Servicepersonal unaufgefordert und gratis zwei Gläser Cava. Als hätte es sagen wollen: ‹Danke, liebe Olivia, dass du den Teufel nicht herausgelassen hast.›»

Olivia Eberhardt (geb. 1994) arbeitete als Redaktorin beim Online-Stadtmagazin «Züri Today». Sie bezeichnet sich als «Beobachterin mit feinen Antennen und dem Wunsch, die Essenz dieser Beobachtungen mit einem humoristischen Ansatz niederzuschreiben».