Die Suche nach dem richtigen Geschlecht

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25. Februar 2026 – Geboren als Chris, mit 26 Jahren zu Nadia geworden und mit 56 Jahren reumütig zurück zum ursprünglichen Geschlecht: Chris Brönimann hat eine wilde Achterbahnfahrt auf der Suche nach dem stimmigen Geschlecht hinter sich. Am 5.März ist er unser Gast im «Talk am Puls».

Chris Brönnimann (Illustration: Willi Spirig)
Chris Brönimann (Illustration: Willi Spirig)

Im Winter sieht mein Leben völlig anders aus als im Sommer, denn in der warmen Jahreszeit bin ich in einem Bistro in meinem Wohnort Lachen im Service tätig. Im Winter helfe ich zwar auch hin und wieder in zwei, drei Restaurants hier bei uns aus, aber meine Hauptbeschäftigung liegt in der Beratung und im Dozieren an verschiedenen Schulen. Mein Thema: Trans und Geschlechteridentität. 

Beraten tue ich vor allem Eltern, die plötzlich damit konfrontiert sind, dass ihre 13-jährige Tochter lieber ein Bub sein will, oder dass der 14-jährige Sohn ihnen eröffnet, dass er bereits einen Termin auf einer Genderfachstelle hat und mit der Transition, also der Geschlechtsanpassung, so schnell wie möglich beginnen möchte. Oft sind diese Mütter und Väter total überfordert von der Situation, fühlen sich ohnmächtig, auch weil es ihnen an Wissen fehlt, beispielsweise zu rechtlichen Fragen. 

Viele drängen zunächst einmal auf eine sorgfältige Abklärung der Gründe, die ihre Kinder zu diesem folgenschweren Entscheid geführt haben. Auf diesem Weg bin ich eine erste Anlaufstelle für die Jugendlichen und ihre Eltern. Ich biete ihnen einen geschützten Raum und kläre sie über das Trans-Spektrum auf, also die verschiedenen Geschlechtsidentitäten, die es jenseits von Mann und Frau auch noch gibt.

Ich bin kein ausgebildeter Psychologe, der eine klinische Abklärung vornehmen kann. Ich fange Ängste auf und versuche Orientierung zu geben – besonders wenn die nahende Pubertät für starken emotionalen Druck sorgt. Die Sorge, Brüste zu bekommen, eine tiefe Stimme oder einen Bart, obwohl man sich mit diesen Geschlechtsmerkmalen nicht identifizieren kann, ist gross. Wenn es geschultes Fachpersonal braucht, leite ich die Hilfesuchenden weiter.

Darüber hinaus besuche ich Schulen in der ganzen Deutschschweiz und halte dort Vorträge oder leite Workshops und Diskussionsrunden zum selben Thema. 

Wenn kein Termin ansteht und der Wecker nicht gestellt ist, wache ich spätestens um 8 Uhr auf. Ich brauche Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Erstmal sitze ich in meiner Küche und trinke einen Kaffee. Dann mache ich mir ein Birchermüesli oder einen Porridge mit Banane. Nach und nach komme ich dann in die Gänge. Manchmal schreibe ich an einem Text, oft muss ich Administratives erledigen, dazu das eine oder andere im Haushalt: Wäsche, Betten, Staubsaugen. 

Ich mag meine 3 ½ -Zimmer- Wohnung sehr, die mitten in Lachen liegt, eine Minute vom See entfernt, drei Minuten vom Bahnhof und zwei Minuten von den Einkaufsläden. Wenn immer möglich, schaue ich mir um zwölf Uhr im RTL-Mittagsmagazin die Nachrichten an, dazu gibt es den zweiten Kaffee. Das ist ein Ritual, das fest in meinem Tagesablauf verankert ist.

Falls ich eine Beratung oder einen Schulbesuch habe, muss natürlich alles viel schneller gehen. Dann rausche ich schon nach dem Kafi und dem Morgenessen ab. Mal geht’s nach Zürich, mal nach Glarus, mal nach Zermatt; Anfragen habe ich von überallher. Es kann allerdings auch passieren, dass Eltern zu mir nach Lachen kommen. 

Wenn ich einen Auftritt an einer Schule habe, sitzen mir 14-, 15-Jährige, mitunter auch ältere Jugendliche gegenüber. Mein Thema ist immer dasselbe: Geschlechtsidentität mit dem Schwerpunkt Trans. Ich sage den Schülern zum Auftakt, dass es keine Tabus gebe und sie mich alles fragen dürfen, auch zu meiner persönlichen Geschichte. Doch vor allem die ganz Jungen sind manchmal befangen. Dann gibt es schon mal Witzeleien und blöde Sprüche. Doch sobald sie etwas älter sind, ist das Interesse gross und sehr differenziert. Am besten läuft es, wenn die Lehrerin oder der Lehrer die Klasse im Vorfeld auf meinen Besuch vorbereitet hat. Dann kommen die interessantesten Fragen. 

Im Anschluss gibt es jeweils eine Nachbesprechung mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Ich liebe diese Schulbesuche, die ich schon seit vielen Jahren mache. Jede Klasse ist anders und jedes Mal kommen mindestens zwei, drei Fragen, die sogar für mich neu sind.

Zwischen 17 und 20 Uhr komme ich meistens nach Hause. Abends habe ich höchstens einmal beim Rotaryclub oder einer Elternvereinigung einen Auftritt, aber das ist eher selten. Daheim widme ich mich als Erstes ein bis zwei Stunden meinen Social Media-Verpflichtungen, Facebook, Instagram, Twitter, LinkedIn. Das sind meine digitalen Visitenkarten, über die ich erstaunlich viele Aufträge reinhole. Auf dem Weg erreichen mich auch Anfragen aus dem Ausland. Zum Beispiel aus Deutschland, Österreich, Frankreich oder Israel, wo man mich auch schon für ein Interview oder einen Podcast verpflichtet hat.

Irgendwann koche ich mir dann etwas Einfaches, aber Feines. Durchaus mit Fleisch, muss aber nicht sein. Alkohol habe ich noch nie getrunken, was vielleicht gut ist angesichts der vielen Medikamente, darunter natürlich auch Hormone, die ich mein Leben lang geschluckt habe. Seitdem ich beschlossen habe, endgültig wieder als Mann zu leben, habe ich die Östrogen-Dosis um zwei Drittel gesenkt, was dazu geführt hat, dass ich postwendend in die Wechseljahre gekommen bin: Schweissausbrüche, schlechter Schlaf, Muskelschmerzen, Reizbarkeit – das ganze Programm. Nun müsste ich zum Ausbalancieren mit Testosteron beginnen. Doch weil die Detransition, also das Rückgängigmachen meines Geschlechterwechsels, keine offizielle Diagnose ist, beteiligt sich die Krankenkasse nicht an den Kosten für die benötigten Medikamente. Ich müsste sie selber zahlen, was mein Budget allerdings zu stark belastet.

Sobald ich all meine Pflichten erledigt habe, telefoniere ich mit Freunden, schaue Fernsehen, am liebsten Dokumentarfilme über Tiere oder fremde Kulturen oder gehe zweimal pro Woche in Lachen in einer kleinen Beiz jassen. Dort fühle ich mich aufgehoben. Es interessiert niemanden, ob ich Nadia oder Chris bin. Die Leute wollen es am Feierabend gut haben miteinander. Allein das zählt. Die Wirtin hat mich kürzlich gefragt, ob sie mir weiterhin Nadia sagen dürfe oder ob mich das störe. Kein Problem für mich.

Spätestens um 1 Uhr gehe ich ins Bett. Ich lese nicht wie die meisten anderen Leute, sondern lasse den Tag Revue passieren, notiere mir in meinem Notizbuch alles, was am folgenden Tag ansteht und trinke einen letzten Tee. Dann lösche ich das Licht.» (aufgezeichnet von Barbara Lukesch)

«Talk am Puls», Donnerstag, 5. März 2026. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Eintritt frei. Gastgeber im Café am Puls ist Pfarrer Simon Gebs.

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