Ein grosser Roman, wunderbar leicht zu lesen

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Balz Spörri: «Es ist der Sommer des Jahres 2022. Mia Daoud, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, ist erschöpft. Sie kann nicht mehr schreiben, ihre Erinnerungen sind verloren. Ein Arzt rät ihr, nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, zu reisen, um dort zu sich und ihren (…)

VON BALZ SPÖRRI

Es ist der Sommer des Jahres 2022. Mia Daoud, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, ist erschöpft. Sie kann nicht mehr schreiben, ihre Erinnerungen sind verloren. Ein Arzt rät ihr, nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, zu reisen, um dort zu sich und ihren Erinnerungen zurückzufinden. So beginnt «Trag das Feuer weiter», der neue Roman der französisch-marokkanischen Bestsellerautorin Leïla Slimani, einer der wichtigsten Stimmen der aktuellen französischen Literatur.

Auf einem etwas heruntergekommenen Landgut am Fuss des Atlasgebirges, das einst ihre Grosseltern bewirtschafteten, wird Mia, die manches mit Leïla Slimani gemeinsam hat, zur Archäologin ihres eigenen Lebens.

1974 als Tochter der Gynäkologin Aïcha Belhaj und des Ökonomen Mehdi Daoud in Rabat geboren, gehört sie zur westlich orientierten, säkularen Oberschicht. Ihre Familie hat Hausangestellte und einen Chauffeur, Mia und ihre jüngere Schwester Inès besuchen eine französische Privatschule.

Mia hört Michael Jackson und Patricia Kaas, trägt Jeans, trinkt Alkohol und raucht Joints. Sie spürt, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt – ein absolutes Tabu in der arabischen Gesellschaft. Selbst mit ihrer Mutter kann sie darüber nicht sprechen. Zerrissen zwischen den traditionellen gesellschaftlichen Normen und der Sehnsucht nach Freiheit flieht Mia fürs Studium nach Paris. Später folgt Inès ihr nach.

Erst nach vielen Jahren, zur Beerdigung ihres Vaters, der wegen einer Intrige seinen Job als Bankdirektor verlor und ins Gefängnis kam, kehren sie kurz nach Marokko zurück.

Als Mia am Ende des Buches das Landgut ihrer Grosseltern wieder verlässt und zurück nach Paris reist, schreibt sie melancholisch, aber zugleich hoffnungsvoll: «In mir wächst die Lust, zu leben.» Sie wird das Feuer weitertragen.

Leïla Slimani ist eine grossartige Erzählerin. Oft nur mit wenigen Strichen schildert sie die Geschichte einer marokkanisch-französischen Familie über mehrere Jahrzehnte hinweg, wobei es letztlich um die grossen Fragen geht, die uns alle betreffen: Wie werden wir zu dem, was wir sind? Wo sind wir zuhause? Was macht ein geglücktes Leben aus?

«Trag das Feuer weiter» bildet den Abschluss einer Trilogie, die auf Leïla Slimanis eigener Familiengeschichte beruht. «Das Land der anderen» handelte von der elsässischen Grossmutter Mathilde, die sich 1944 in einen marokkanischen Offizier im Dienst der französischen Armee verliebte und ihm nach dem Krieg in seine Heimat folgte. Im zweiten Band («Schaut, wie wir tanzen») stand deren Tochter Aïcha, die in Frankreich studierte und als Ärztin nach Marokko zurückkehrte, im Mittelpunkt. Jetzt ist Aïchas Tochter Mia die Hauptfigur.

Ein grosser Roman, der sich wundervoll leicht liest.

Leïla Slimani, «Trag das Feuer weiter» (Luchterhand), 444 Seiten, ca. 30 Fr.

Balz Spörri (Jg. 1959) studierte Germanistik, Geschichte sowie Media Ecology und promovierte mit einer Arbeit über die Sozialgeschichte des Lesens. Heute lebt er als Journalist und Autor in Zürich. Für die «ZollikerNews» schreibt er die Kolumne «Die bunte Welt der Studien».

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