Ein leeres Haus voller Geschichten
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19. Januar 2026 – Zum ersten Mal seit mehr als 500 Jahren steht das denkmalgeschützte Haus «Hinter Zünen 8» leer. Der Besitzer will es verkaufen, noch ist das weitere Schicksal ungewiss. Rundgang durch ein leeres Gebäude voller Geschichten, das unbedingt erhalten bleiben sollte. (2 Kommentare)
19. Januar 2026 – Zum ersten Mal seit mehr als 500 Jahren steht das denkmalgeschützte Haus «Hinter Zünen 8» leer. Der Besitzer will es verkaufen, noch ist das weitere Schicksal ungewiss. Rundgang durch ein leeres Gebäude voller Geschichten, das unbedingt erhalten bleiben sollte.

VON ADRIAN MICHAEL
Für das Haus «Hinter Zünen 8» im Hinterdorf, im Kern vermutlich das älteste Haus Zollikons, ist am 29. Dezember eine Ära zu Ende gegangen. Sabine und Martin Kalff, die zuletzt darin gewohnt haben, sind ausgezogen, das Haus wurde dem Besitzer übergeben, dem Unternehmer Blerim Rexhepi.
Am Tag vor der Übergabe hatte ich Gelegenheit, das Haus, in dem ich im Zusammenhang mit einer Dokumentation seiner Geschichte viele Stunden verbracht habe, noch einmal zu betreten. Die rückwärtige Türe sei offen, sagte mir Sabine Kalff am Telefon, ich könne einfach hinein und mich in aller Ruhe umsehen.
So öffnete ich in der Mittagszeit des 28. Dezembers die besagte Türe und trat ein. Obwohl ich schon mehrere Male alleine im Haus gewesen war, fühlte es sich sofort anders an, ich meinte, die Leere des düsteren Ganges förmlich zu spüren. Der Strom war fast überall ausgeschaltet, Sabine hatte mich vorgewarnt.
Rechts war die Küche, sie betrat ich zuerst. Wo früher eine einfache, aber wohnliche Atmosphäre geherrscht hatte, war jetzt gähnende Leere, alles was nicht fest eingebaut war, war entfernt worden. Auch wenn ich gewusst hatte, dass es so sein würde: Der Anblick tat weh. Der unregelmässige Boden mit Ziegelplatten aus ungereinigtem Ton zeugt vom Alter des Hauses.


Gleich neben der Küche liegt die Stube, die ist neben dem grossen Saal das zweite «Kernstück» des Hauses. Dank dem Kachelofen aus der Zeit um 1775, dem massiven Buffet aus Nussbaumholz, dem Boden aus Tannenbrettern und den braunen Wänden strahlt der Raum auch ohne Eckbank und Tisch immer noch eine gewisse Behaglichkeit aus. Dass die Wände gemalt sind, fällt jetzt auf, vorher bemerkte man das nur bei genauem Hinsehen.


Im «Andachtsraum» schräg gegenüber betrieb Jakob Haab um 1900 eine kleine Wirtschaft, dann diente er als Abstell- und zuletzt als Meditationsraum. Die speziell gestalteten Fenster kommen im leeren Zimmer, ohne Verhänge und Gegenstände auf dem Sims, besser zur Geltung.


Den abgetretenen Stufen der Holztreppe ins Obergeschoss ist anzusehen, dass sie ihre Funktion Jahrhunderte lang erfüllt haben. Die Treppe führt zu einer Art Plattform, über die man wie über eine Drehscheibe in die verschiedenen Gebäudeteile gelangt. Freigeräumt wirken die Gänge geräumiger und heller.
Auf den grossen Saal, auch Turmzimmer genannt, bin ich besonders gespannt, war er doch mit seiner Höhe von 3.6 Metern und einer Fläche von rund 40 Quadratmetern unbestritten das Prunkstück des Hauses. Hier springt mich die Leere förmlich an. Der mit seinen Teppichen und Polstermöbeln in Rot- und Brauntönen vorher so warm und lebendig wirkende Raum ist zu einer kleinen Halle fast ohne Ausstrahlung geworden. Auch hier: Der Anblick tut weh.


Interessant finde ich das anschliessende kleine Turmzimmer, das Sabine und Martin als Arbeitszimmer gedient hat. Erst leergeräumt kommt seine helle weite Grösse richtig zur Geltung, es hat sich, so meine ich, trotzdem noch eine gewisse, fast vornehme Ausstrahlung bewahren können.


Im leeren Obergeschoss lässt sich an einem Mix aus verschiedenen Epochen deutlich die lange Geschichte des Hauses ablesen. Hier wurde ein neuer Boden eingezogen, dort etwas geflickt, hier genagelt, dort eine Zwischenwand eingezogen oder entfernt. An einer Tür prangt ein neues Schloss, an einer anderen wird ein uraltes schmiedeisernes noch verwendet. Ein Waschbecken ist aus uraltem Steingut, ein anderes aus modernem Chromstahl.
Leergeräumter Dachboden
Eine steile Treppe führt in den Dachboden. Ich habe noch gut in Erinnerung, wie es da oben früher ausgesehen hat. Viele Jahrzehnte lang wurden unzählige Dinge deponiert, für die man keine Verwendung mehr hatte – jetzt ist alles fort. Hier wird deutlich, wie gross die Fläche des von Süden eher unscheinbar wirkenden Gebäudes tatsächlich ist, beträgt sie hier oben doch rund 150 m².
Nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht bestaune ich die mächtigen Balken: 2001 ergab eine dendrochronologische Untersuchung, dass die älteste Tanne des Dachstuhls im Winter 1547/48 gefällt worden ist. (Zur Einordnung: Ein Jahr zuvor war der englische König Heinrich VIII. gestorben, Zürich hatte zwischen 6000 und 7000 Einwohner.)


Nun kehre ich wieder ins Erdgeschoss zurück, aber diesmal im westlichen Teil des Hauses. Hier hatte Dora Kalff ihren Therapieraum für die von ihr begründete bzw. weiterentwickelte Sandspieltherapie. Vermutlich mehrere tausend grössere und kleinere Spielfiguren jeglicher Art standen auf zahlreichen Gestellen. An den Wänden lässt sich noch ablesen, wo.


Beeindrucken fand ich, dass das Haus auch leergeräumt immer noch eine starke Wirkung auf mich hatte, es wirkte auf mich lebendiger als manch ein bewohntes modernes Haus. Aus jedem Quadratmeter und jeder Ecke atmen seine Jahrhunderte lange Geschichte und die der zahlreichen Menschen, die darin gelebt haben.
Blerim Rexhepi möchte das Haus verkaufen. Was damit geschehen soll, ist offen. Es bleibt zu hoffen, dass «Hinter Zünen 8» an jemanden gerät, der seine Geschichte zu würdigen weiss und gewilllt ist, sie sorgsam weiterzuführen. Und dass die Gemeinde ihr Versprechen hält, alle erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen, um den Schutz dieses wertvollen Gebäudes sicherzustellen. Sie hat inzwischen die abgestorbene Birke entfernen lassen, damit abfallende Äste das Dach nicht beschädigen – ein guter erster Schritt.
29.04.2022: Ein Zolliker Haus aus dem Mittelalter
12.12.2025: Wer beschützt das Haus «Hinter Zünen»?
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Food for thought, Mr. Ledermann!
«Zuvor hatte ‚Hinter Zünen‘ dem Zolliker Immobilien-Unternehmer Urs Ledermann gehört, der es 2015 der Familie Kalff im Zuge einer Erbteilung abgekauft hatte, weil er in der Nachbarschaft aufgewachsen war und das Haus stets bewundert hatte. Ledermann erwarb auch das benachbarte Haus Nr. 6. Es gab Pläne, zusammen mit einer Zolliker Baugenossenschaft Wohnungen für Jung und Alt zu erstellen. Als sie sich zerschlugen, beauftragte Ledermann einen professionellen Makler mit dem Verkauf. ‚Hinter Zünen‘ Nr. 8 ging an Rexhepi, die Nr. 6 an einen Unternehmer aus Herrliberg.»
Der Text oben stammt aus dem «ZollikerNews»-Bericht zum gleichen Thema von Ende letzten Jahres. Wäre es nicht an der Zeit, dass Herr Ledermann sich nochmals dem Haus Nr. 8 annimmt und eine fachgerechte Renovation dieses historisch wertvollen Hauses in die Hand nimmt? Dies wäre eine überzeugende philanthropische Geste an seine Heimatgemeinde Zollikon.
Als Teenager durfte ich in den Fünfzigerjahren eine Sandkastentherapie bei Dora Kalff erleben. Ich kann mich noch sehr gut an die vielen Figuren erinnern, die ihren Raum bevölkerten. Daneben kleine Häuser, Bäume, Fahrzeuge … Viele ihrer Figuren stammten aus Japan, wo Mini Zen Gärten zur Meditation dienen. https://www.japanwelt.de/traditionelles/zen-gaerten/ Da ich eine persönliche Verbindung zu Japan habe, benutzte ich viele dieser japanischen Figuren für meine Sandkastenbilder. Ihr Haus und ihren Therapieraum und natürlich sie selber, empfand ich immer als warm und einladend und fühlte mich dort sehr wohl. Ein kaltes Haus ohne Möbel kann ich mir bei ihr nicht vorstellen.