Ein Wintertag auf dem See
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16. Februar 2026 – Auch wenn es kalt und regnerisch ist, bringt eine Schiffahrt von Zürich nach Rapperswil Abwechslung in den Alltag und macht Spass. Der Blick vom See auf die Goldküste eröffnet neue Perspektiven. Auch das Essen an Bord schmeckt besonders gut. Ein Reisebericht, der zur Nachahmung anregt.

VON ADRIAN MICHAEL
Pünktlich rauscht die Panta Rhei kurz nach 13 Uhr geradewegs auf die Schiffsanlegestelle am Bürkliplatz zu. Zielsicher schleudert der uniformierte junge Mann das Seil über den Pfosten, der Zugangssteg zum Schiff scheppert. «Grosse Rundfahrt nach Rapperswil! Grüezi mitenand!»
Gut, habe ich mir für 5.90 Franken ein Upgrade in die 1. Klasse des Oberdecks geleistet; im Parterre hat sich eine aufgekratzte Gesellschaft eingerichtet, Brettspiele werden ausgebreitet. Das Schiff legt rückwärts ab, zieht einen Bogen und nimmt vorwärts Fahrt auf. Über die Panta Rhei mag man geteilter Meinung sein, aber unbestritten ist, dass sie ruhig fährt. Fast lautlos gleitet sie in der Seemitte am Utoquai vorbei.
Ich habe mich am Fenster auf der Backbordseite niedergelassen. Am Tisch vor mir hat die Besatzung ihren Arbeitsplatz eingerichtet, drei Frauen und ein Mann beugen sich über einen Sitzplan. Für die Rückfahrt ist offenbar ein Grosseinsatz geplant. Von Zöliakie ist die Rede, einem Passagier im Rollstuhl, dreimal Vegi und dergleichen mehr.
Jetzt ist es auch für mich Zeit, die Bestellung aufzugeben. Normalerweise halte ich mich mit Extrawünschen zurück, aber heute bin ich ein bisschen wählerisch. Zu meiner kleinen Portion Tartar hätte ich gerne den Toast gut angeröstet. Ein zweites Bütterchen soll es, bitteschön, auch noch geben und nicht vergessen: die Pfeffermühle! Den süffigen roten Käptn’s-Wein hätte ich gerne kühl. Da mir letzthin jemand empfohlen hat, etwas mehr Wasser zu trinken, bestelle ich einen halben Liter. Kurz darauf steht alles vor mir. Es schmeckt mir.
Derweil gleitet die Goldküste vorbei. Praktisch alle Grünflächen zwischen den Dörfern sind überbaut; im Siedlungsbrei dominieren die flachen Terrassenhäuser aus hellem Beton und Glas.
Erlenbach. Schade, gibt es das ehemalige Restaurant «Schönau» mit seinem markanten halbrunden Anbau über dem Wasser nicht mehr. Vor rund 15 Jahren wurden daraus Wohnungen. Statt in eine Gaststube blickt man jetzt in ein gediegenes Wohnzimmer.
Auf dem Schiffsteg hat ein Mann seinen Schirm aufgespannt. Tatsächlich. Es hat zu tröpfeln begonnen, der Regen rinnt die Scheiben herunter. Seeaufwärts zeigt tief über dem Wasser hängendes Gewölk, dass wir auf eine Regenzone zufahren.
Die Besatzung hat nicht viel zu tun, die Tische hier oben sind spärlich besetzt. Die Frauen und Männer unterhalten sich in einem babylonischen Sprachgemisch über die Vorteile einer eigenen Waschmaschine, der junge Kellner lässt sich von der Chefin instruieren, wo die Dessertgäbelchen und -messerchen hingelegt werden müssen. In einem grossen Bogen umkurvt die Panta Rhei vor Meilen zwei Fähren, bevor sie anlegt. Dann überqueren wir den See und fahren zur Halbinsel Au. Die Crew erwartet den Rückruf eines anderen Besatzungsmitglieds. Sie muss sich allerdings in Geduld üben, weil der Betreffende erst den Riesenslalom schauen will. Beeindruckend, seine klare Prioritätensetzung!
Ich widme mich in der Zeit dem Tischset, das richtig informativ ist. Unter dem Titel «Durch die Wellen der Geschichte» klärt es mich über die Entwicklung der Dampfschiffe auf dem Zürichsee auf. Ich erfahre, dass die Raddampfer im Jahr 1940 während 24 Stunden lang betriebsbereit sein mussten. Oder: Um die Temperatur über dem Gefrierpunkt zu halten, wurde der Maschinenraum mit einem kleinen Öfeli beheizt. Und: 1970 entging der Dampfer «Stadt Rapperswil» nur knapp der Verschrottung. Gut zu wissen.
Nun kommt uns das Motorschiff Limmat entgegen, das sich auf dem Heimweg von der grossen Rundfahrt des Vormittags befindet. Es regnet weiter. Stoisch pflügt die Panta Rhei ihren Weg durch das Nass.
Wir laufen Wädenswil an. Ein paar Menschen steigen aus, ein paar Menschen steigen ein, der Andrang hält sich in Grenzen. Februar halt. Rapperswil kommt in Sicht, düster thront das Schloss über der Stadt.
Dann sind die zwei Seestunden auch schon vorbei, nach einem kurzen Aufenthalt fährt das Schiff zurück nach Zürich. Ich nehme die S-Bahn.
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