Eine Befreiung: das Sexbuch für Frauen
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Barbara Lukesch: «Die sogenannte sexuelle Revolution hatte so ihre Tücken. Da schienen plötzlich Träume von freier Liebe, ungebremster Lust und vollständiger Hingabe wahr zu werden. Die Pille, die in Deutschland bereits 1961 verfügbar war, befreite die Frauen vor der (…)
VON BARBARA LUKESCH
Die sogenannte sexuelle Revolution hatte so ihre Tücken. Da schienen plötzlich Träume von freier Liebe, ungebremster Lust und vollständiger Hingabe wahr zu werden. Die Pille, die in Deutschland bereits 1961 verfügbar war, befreite die Frauen vor der schlimmen Angst vor ungewollter Schwangerschaft und sie enthemmte die Männer, die beim genitalen Sex nun überhaupt keine Verantwortung mehr übernehmen mussten.
Der Sponti-Spruch aus den 70er Jahren: ‹Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment› animierte Männer ausdrücklich, sich nach Lust und Laune im grossen Warenkorb der verfügbaren Gespielinnen zu bedienen. ‹Zur Sache, Schätzchen! – Mach keine Mätzchen!›, lautete denn auch der Trailer zur gleichnamigen Erfolgskomödie mit Uschi Glas von 1968.
Mir selber widerfuhr es in jenen Jahren, dass mich mein Freund, er war 21, ich 16 Jahre, dazu überredete, die Pille zu schlucken, die er seiner älteren Schwester geklaut hatte. Naiv und verliebt, wie ich war, nahm ich das Medikament und wurde dicker und dicker. Es war schrecklich, aber von nun an stand mein Körper dem geliebten Mann zur freien Verfügung. Von sexueller Lust konnte keine Rede sein, aber ich machte immerhin keine Mätzchen.
Trotzdem trennte sich mein Freund nach wenigen Monaten von mir. Er komme sexuell nicht auf seine Kosten, erklärte er mir mit ernster Miene und machte deutlich, dass das meine Schuld sei. Ich kapierte nicht, wovon er sprach. Darüber reden, was da zwischen uns so gründlich schieflief, konnte ich nicht. Mir hätten der Mut, aber auch die Worte gefehlt. Das war 1970.
In den darauffolgenden Jahren wurde ich langsam schlauer – und selbstbewusster. Dazu trugen in einem erheblichen Masse auch Bücher bei: Alice Schwarzers ‹Kleiner Unterschied und seine grossen Folgen›, in dem sie die weibliche Unterdrückung in den Betten auf bis zu jenem Zeitpunkt unvorstellbare Art an den Pranger stellte.
Der ‹Hite-Report – Das sexuelle Erleben der Frau›, in dem die US-amerikanische Soziologin und Sexualforscherin Shere Hite mit dem Mythos von der unfassbar komplizierten weiblichen Sexualität aufräumte, indem sie klarstellte, dass die Penetration für die meisten Frauen nicht der Königinnenweg sei.

Noch viel mehr aber prägte mich Nancy Fridays Buch mit dem schönen Titel ‹My secret garden›, das sie 1973 herausgab. Darin präsentierte die amerikanische Autorin, die ihr Leben lang über Sex, Liebe, Verführung und Schönheit geschrieben hat, die sexuellen Phantasien der Frauen – so auch der Titel der deutschen Übersetzung.
In einer grossangelegten Umfrage hatte Friday Hunderte von Frauen gefragt, welche Phantasien sie bei der Selbstbefriedigung, aber auch während dem Liebesakt stimulierten. Nur schon die Frage stellte damals einen Tabubruch dar. Bisher war zwar allen klar gewesen, dass Männer über einen riesigen Fundus an sexuellen Phantasien verfügten, Stimuli, die ihnen Spass bereiten und ihr Leben bunt machen. Frauen hingegen, so nahm man an, ging dieses Bedürfnis ab. Ihnen genügte es, einen zufriedenen Mann an ihrer Seite zu haben und zwei, drei goldige Kinder.
Nun fand aber Friday etwas heraus, was die Welt in Aufregung versetzte. Ganz viele Frauen haben sexuelle Phantasien, und zwar ‹brutale, amüsante, zärtliche, grausame und lüsterne Phantasien›, wie es im Klappentext heisst. Der US-Amerikanerin war es ein Anliegen, diesen Frauen zu vermitteln, dass sie weder abartig noch schamlos oder treulos seien. Im Gegenteil: sie sollten diese erotischen Bilder und Wünsche von ganzem Herzen bejahen und vorbehaltlos geniessen. Die Resonanz der Leserinnen war überwältigend: Endlich Entlastung von Schuldgefühlen und Scham!
In meinem Exemplar steht vorne von Hand notiert ‹1981›, das Jahr, in dem ich das Buch gekauft und erstmals gelesen habe. Ich war 27 Jahre alt, hatte gerade mein Studium abgeschlossen und war unglaublich neugierig und wissbegierig. Meine Taschenbuchausgabe, inzwischen mehr als 40 Jahre alt, sieht entsprechend mitgenommen aus. Ja, die ‹Sexuellen Phantasien› haben mich tatsächlich ein Leben lang begleitet, mich inspiriert und mir viel über meine Sexualität offenbart.»
Nancy Friday, Die sexuellen Phantasien der Frauen. S.Fischer Verlag, Franfurt am Main
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