«Es geht mir um bessere Transparenz»

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14. Januar 2026 – Zuerst unterstellte Marc Raggenbass der RGPK in einem ganzseitigen Inserat Arbeitsverweigerung, dann nominierte ihn die FDP als Kandidaten und Präsidenten für die Behörde. Er sei ausschliesslich sachorientiert und möchte die Bevölkerung besser informieren, sagt der Anwalt. (2 Kommentare)

14. Januar 2026 – Zuerst unterstellte Marc Raggenbass der RGPK in einem ganzseitigen Inserat Arbeitsverweigerung, dann nominierte ihn die FDP als Kandidaten und Präsidenten für die Behörde. Er sei ausschliesslich sachorientiert und möchte die Bevölkerung besser informieren, sagt der Anwalt.

Marc Raggenbass in seinem Homeoffice (Foto: ZN)
Marc Raggenbass in seinem Homeoffice (Foto: ZN)

VON RENE STAUBLI

Marc Raggenbass steht relativ kurz vor der Pensionierung und könnte schon bald den Ruhestand geniessen. Stattdessen will er Mitglied und noch lieber Präsident der Zolliker Rechnungs- und Geschäftsprüfungs-Kommission RGPK werden, sich also eine Menge Arbeit aufhalsen. Keine Lust auf Reisen, dolce far niente, einen gemütlichen Lebensabend?

Raggenbass schüttelt den Kopf. Er habe nie die Absicht gehabt, am Tag nach dem 24. April 2027 die Hände in den Schoss zu legen. Von grossen Reisen verspreche er sich keine Erfüllung, Städtetrips seien ihm ein Gräuel, er liebe Wanderungen in der Natur. «Solange ich gesund bin, möchte ich weiterarbeiten, denn eine gute Arbeit zu haben, befriedigt mich.» Natürlich würde er sein Pensum als Anwalt im Falle einer Wahl «auf höchstens 80 Prozent reduzieren, um der Aufgabe gerecht zu werden».

Voller Einsatz also für eine Behörde, die der Kanton kürzlich in einem Leitfaden als «Hilfsorgan der Gemeindeversammlung» und «Laiengremium mit beschränkten Ressourcen» bezeichnet hat? Er empfinde diese Klassifizierung als despektierlich, sagt Raggenbass. Die Prüfung der Rechnung und der Geschäfte einer Gemeinde stellten hohe Anforderungen. Dazu sei die RGPK so unabhängig wie keine andere Behörde: «Die Schule ist über das Präsidium mit dem Gemeinderat direkt verbunden, die Bau- und die Sozialbehörde werden sogar von Gemeinderäten präsidiert». Die RGPK begegne dem Gemeinderat auf Augenhöhe: «Sie prüft seine Arbeit und die aller andern Gremien.»

Verkettung unglücklicher Umstände

Vor seiner Nominierung hatte Raggenbass mit einem ganzseitigen, aus der eigenen Tasche bezahlten Inserat im Amtsblatt Aufsehen erregt. Er schrieb, es grenze an Arbeitsverweigerung, wenn eine Fachbehörde wie die RGPK auch nach vier Jahren ihre Kompetenzen und Aufgaben nicht kenne und nicht einmal in Erwägung gezogen habe, sich intensiv mit ihren Rechten und Pflichten auseinanderzusetzen.

Der Flurschaden, den er damit anrichtete, war beträchtlich. RGPK-Präsident Viktor Sauter kehrte der Partei den Rücken, zwei weitere Mitglieder der Behörde, ebenfalls aus den Reihen der FDP, zogen ihre Kandidaturen unter Protest zurück. Man wunderte sich über die selbstzerstörerische Wahlkampfstrategie der FDP. Dabei war es hinter den Kulissen zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen.

Er habe schon Monate zuvor kritische Fragen zur 50 Millionen Franken teuren Sanierung des Schwimmbads Fohrbach gestellt, erklärt Raggenbass. Dem Gemeinderat habe er in Anwendung des Artikels 17 des Gemeindegesetzes eine Anfrage zum Thema eingereicht, aber leider nicht innert Frist, sodass der Gemeinderat die Beantwortung vom Juni in den Dezember verschoben habe. Beim Verfassen des Inseratetextes habe er noch nicht an eine Kandidatur gedacht und auch nicht gewusst, dass RGPK-Präsident Viktor Sauter nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidiere. Ihm sei es einfach darum gegangen, «einmal zu sagen, was Sache ist».

Am Tag, nachdem er dem Dorfblatt das «Gut zum Druck» erteilt habe, sei ein Vertreter der FDP-Findungskommission auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er für das Präsidium kandidieren würde? Er sei doch mit der Materie vertraut, und man habe Mühe, einen neuen Präsidenten zu finden. «Natürlich informierte ich die Findungskommission sofort über das Inserat, das ich nicht mehr stoppen konnte und sagte: ‹Lest es und überlegt Euch, ob Ihr mich noch wollt›».

Man sei sich einig gewesen, dass man den Titel – «Begeht die Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission Arbeitsverweigerung?» – moderater hätte formulieren können, aber inhaltlich hätten den Text alle in Ordnung gefunden. «Arbeitsverweigerung» sei als Begriff ja auch «kein Bashing», selbst die NZZ verwende ihn ab und zu. Dass die Betroffenen ärgerlich reagiert hätten, sei verständlich. «Hätte ich gewusst, dass ich kandidiere, hätte ich das Inserat nicht geschaltet.»

Besser hinschauen

Raggenbass kritisierte insbesondere die «ungenügende Berichterstattung» der RGPK zur Sanierung des Schwimmbads Fohrbach, als es zu einer deutlichen Kreditüberschreitung kam. Die Berichterstattung sei «oberflächlich und unverbindlich». Sie erfülle «den Anspruch der Stimmberechtigten auf eine unabhängige, umfassende und nachvollziehbare Zweitmeinung in keiner Weise».

Da fragt man sich natürlich, was er im Falle einer Wahl bis zur Fertigstellung der Fohrbach-Sanierung im Jahr 2027 besser machen will als sein Vorgänger. Das sei schwierig zu beantworten, räumt der Anwalt in seinem grosszügigen Wohnzimmer mit Blick auf die neuen Sportgeräte der Oescher-Anlage ein. Als einfacher Stimmbürger verfüge er derzeit nur über beschränkte Informationen, ausserdem sei das Projekt schon weit fortgeschritten. Ihn störe einfach die fehlende Transparenz. Die gelte es künftig mit aktuellen und konkreten Zahlen zu verbessern.

Tatsächlich kann man im Geschäftsbericht 2024 der RGPK nachlesen, dass sie von den beträchtlichen Mehrkosten bei der Sanierung des Fohrbachs erst Ende 2023 erfahren habe – nicht direkt, sondern über eine Medienmitteilung des Gemeinderats –, «obwohl sich die entsprechenden Kostensteigerungen bereits vorher abzeichneten». Aus seiner Sicht sei es unabdingbar, sagt Raggenbass, dass die RGPK in kurzen Zeitabständen, «alle zwei bis drei Monate», über die Entwicklungen bei grossen Projekten informiert werde: «Mir ist wichtig, dass wir unsere wesentliche Aufgabe erfüllen können, der Bevölkerung solide abgestützte Zweitmeinungen zu Urnen-Geschäften und bei Entscheiden der Gemeindeversammlung zu geben».

Nicht wie die «alte Fasnacht»

Die Zolliker RGPK hat weitreichende Befugnisse. Im Kanton gibt es insgesamt 9 RGPK, von denen nur jene in Pfäffikon über vergleichbare Kompetenzen verfügt. In der Zolliker Gemeindeordnung ist festgeschrieben, dass sie nicht nur abgeschlossene, sondern beliebig auch laufende Geschäfte überprüfen kann. Überdies soll sie «schwerwiegende Missstände aufdecken». Was wiederum die Frage aufwirft, ob es sinnvoll ist, einer Milizbehörde mit beschränkten Mitteln einen so umfassenden Prüfungsauftrag aufzubürden.

Natürlich sei die Aufgabe anspruchsvoll, räumt Raggenbass ein, auch deshalb, weil der Gemeinderat den Stimmberechtigten in den nächsten Jahren viele Geschäfte vorlege, die allesamt geprüft werden müssten. Nach einem Investitionsstau habe die Gemeinde Projekte von rund 150 Millionen Franken in der Pipeline. Nur die abgeschlossenen Geschäfte zu prüfen, sei gerade in dieser Situation «wenig sinnvoll und auch unbefriedigend, zumal dann, wenn sie sich über Jahre dahinziehen wie die Fohrbach-Sanierung»; man komme dann «wie die alte Fasnacht hinterher». Es sei sowohl im Interesse der Bevölkerung als auch des Gemeinderats, wenn die RGPK auch bei laufendenden Geschäften nahe am Ball sei.

Die «roten Linien»

Offenbar gab es auf dieser Ebene in der zu Ende gehenden Legislatur Unstimmigkeiten. Gemeindepräsident Ullmann sagte, man müsse die Aufgaben der RGPK klären und berief eine Behördenkonferenz unter Anwesenheit eines Kantonsvertreters ein. Raggenbass schrieb in seinem Inserat, dem Gemeinderat stehe «nicht das Recht zu, anders als vom Gemeindepräsidenten beansprucht, die Kompetenzen der RGPK zu hinterfragen und zu diskutieren».   

Konkretes Beispiel: Der Gemeinderat vertrat offenbar die Ansicht, die RGPK dürfe nicht einfach «ins Blaue hinein» Überprüfungen vornehmen, sondern nur nach konkreten Hinweisen auf Missstände, beispielsweise aus der Bevölkerung, von Gemeindeangestellten, Whistleblowern oder Medien. Anders die RGPK: sie stellte sich – unter dem Präsidium von Viktor Sauter – auf den Standpunkt, sie entscheide selber, was sie wann, wo und wie untersuche.

Wie würde sich Raggenbass im Falle einer Wahl positionieren? So wie sein Vorgänger: «Wenn wir einen Grund sehen, erlauben wir uns eine Prüfung, egal auf welchem Gebiet.» Das könnten durchaus auch Stichproben «ins Blaue» sein, beispielsweise eine Geschäftsprüfung beim Betreibungsamt. «Wenn wir dann nicht auszusetzen haben, ist es gut, wenn es grobe Mängel gibt, erwähnen wir das in unserem Prüfungsbericht.»

«Damit man etwas sieht, muss man es anschauen», sagt Raggenbass. Allerdings sei ihm wichtig, jederzeit «die roten Linien einzuhalten». Die roten Linien? Die RGPK würde sich unter seiner Leitung in keine Geschäfte einmischen, für die der Gemeinderat abschliessend zuständig sei. Auch dann nicht, wenn jemand in einer Verwaltungsabteilung von einem Vorgesetzten gemobbt werde, wegen der verzögerten Behandlung eines Baugesuchs protestiere oder sich ein Vater beklage, dass sein Kind im Berg statt im Dorf zur Schule müsse: «die Lösung solcher Einzelprobleme ist Sache der Verwaltung bzw. der Justizbehörden.»

Ebenso wenig stelle man politische Anträge, selbst wenn es bei einem Projekt über Jahre nicht vorwärtsgehe wie beispielsweise beim Altersheim am See. «Wir treten nur auf den Plan, wenn es systemisch wird und zu einer Häufung von Problemen kommt», wie jüngst beim Betreuungshaus Rüterwies, bei der Sanierung der Sportanlage Oescher oder dem Abbruch beim Erweiterungsprojekt Buechholz. «Solche Geschäfte können wir uns vertieft anschauen.»

Deutlich mehr Arbeit, karge Entschädigung

Wie es scheint, müssten die Mitglieder der RGPK unter der Präsidentschaft von Raggenbass deutlich mehr Aufgaben übernehmen als bisher. Ob das im Gremium gut ankommt, wenn man dafür pro Jahr nur mit 6000 Franken entschädigt wird, während eine Schulpflegerin 27’000 Franken bekommt?

Die Entschädigungsverordnung halte er nicht für angemessen, aber die Gemeindeversammlung habe nun einmal so entschieden, sagt Raggenbass. Man müsse nun einfach «in die Vorleistung gehen, und wenn die Bevölkerung dann nach vier Jahren sieht, dass wir gute Arbeit leisten, kommt es vielleicht auch zu einer höheren Entschädigung». Aber klar, die Mehrbelastung müsse in einem gewissen Rahmen bleiben.

Interessant ist, dass die FDP nebst den eigenen Kandidaten den Parteilosen Daniel Oettli zur Wahl empfiehlt – warum? Als Mitglied der RGPK einer Partei anzugehören, sei «nicht ideal», sagt Raggenbass. Beispielsweise dann, wenn ein Prüfer der FDP die Geschäfte eines FDP-Gemeinderats unter die Lupe nehmen müsse. Für ihn sei entscheidend, «dass die Zusammensetzung der RGPK die grossen Geschäfte widerspiegelt, die in unserer Gemeinde anstehen». Angesichts der vielen Bauprojekte brauche es im Gremium zwingend einen Baufachmann. Oettli bringe die nötigen Qualifikationen mit. Sollte er zum Präsidenten gewählt werden, so Raggenbass, würde er künftig «im Vorfeld von Ersatzwahlen mit den Parteien sprechen und darlegen, welches Profil gewünscht ist».

Teambildung steht an

Die Arbeit einer Behörde so hart zu kritisieren und sie anschliessend als Präsident zu führen, ist eine heikle Sache. Zu den drei bisherigen Mitgliedern, von denen Iris Heeg (F5W) aufgrund einer Nachwahl erst seit September dabei ist, kommen fünf neue dazu, Teambildung ist gefragt. Traut sich Raggenbass dieses Coaching zu?

Mit den «Altgedienten» Severin Luder (FDP) und Thomas Winkler (F5W) habe er bereits intensiven Kontakt gehabt. Alle Differenzen wegen des Inserats seien thematisiert. Als Präsident wolle er «argumentativ vorgehen und auf sachlicher Ebene überzeugen – ich bin kein autoritärer Typ». Kollegiale Zusammenarbeit sei ihm wichtig. «Ich bin der Meinung, dass es einen Mehrwert für alle gibt, wenn man die Arbeit gemeinsam und richtig macht.»

Marc Raggenbass (Jg. 62) ist in Bern aufgewachsen, hat das Gymnasium in Neuenburg absolviert, in Bern Jura studiert und am Obergericht die Anwaltsprüfung abgelegt. Seine Mutter war Zollikerin, die Ferien verbrachte er oft bei den Grosseltern an der Oescherstrasse.

Seine beruflichen Stationen: Anstellung in der Rechtsabteilung der Schweizerischen Nationalbank, Karriere als Anwalt in internationalen Firmen, stets mit Arbeitsort Zürich. Mit 60 die Idee, sich selbständig zu machen, bald darauf aber mit einer neuen Anstellung bei einer Privatbank im Seefeld-Quartier.

Wohnhaft in Zollikon seit 1992, sechs Jahre später Heirat mit einer ehemaligen US-Amerikanerin, die für eine Grossbank in Zürich arbeitete, keine Kinder, zuhause wird englisch gesprochen. Erholung beim Wandern und Skifahren im Engadin und Berner Oberland.

Mitglied der Zolliker FDP seit gut 35 Jahren. Präsident der Ortspartei (7 Jahre), Schulpfleger (6 Jahre) und Gemeinderat (2012 bis 2018).

Wahlen 2026 auf einen Klick:

19.11.25: Zollikon steht vor einem heissen Wahlkampf
08.01.26: Störgeräusche im «Vatikan des Freisinns»

Die RGPK-KandidatInnen: Iris Heeg, Felix M. Huber, Christopher Linter, Severin Luder, Daniel Oettli, Marc Raggenbass, Sandra Strickler, Thomas Winkler

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2 KOMMENTARE

Ja, ja jeder möchte gerne Häuptling sein und nicht Indianer.
Zollikon braucht nicht noch mehr Häuptlinge für teures Geld, sondern Indianer, die anderen Indianern zur Seite stehen.
Dann könnte es vorwärts gehen.
Mit zuvielen Häuptlingen bleibt der Stillstand.

Das Betreibungsverfahren ist die Fortsetzung des gerichtlichen Prozesses und Teil der dritten Gewalt; es dient der Rechtsverwirklichung und muss unabhängig von der Exekutive organisiert sein (Gewaltentrennung). Der Rechtsweg gegen Entscheide der Betreibungs-/Konkursämter bekräftigt die Zugehörigkeit zur Justiz.
Ober-/Bezirksgericht/Betreibungsinspektorat: Fachaufsicht. Die RGPK hat kein Einsichtsrecht in Rechtsgeschäfte des Betreibungsamtes.

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