Gemeinsame Liebe zu Töffli und Politik
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24. Februar 2026 – Valentin Kuster sitzt im Vorstand der SP, Felix Wirz präsidiert die EVP. Die beiden Zollikerbergler sind seit ihren Jugendjahren eng befreundet. Bestandesaufnahme einer Männerfreundschaft, die viele Überraschungen birgt.

VON BARBARA LUKESCH
Ihren ersten gemeinsamen Auftritt im politischen Zollikon hatten Felix Wirz und Valentin Kuster an einer Gemeindeversammlung im Jahr 2011. Dort ging es um eine neue Parkplatzverordnung und um einen Vorstoss von Marc Raggenbass, mit dem er die Überbauung der Vorderen Rüterwies im Zollikerberg ermöglichen wollte.
Die beiden jungen Männer, die damals noch keiner Partei angehörten, waren sich einig, dass es zu beiden Geschäften eine klare Antwort brauchte. Kuster argumentierte gegen die Raggenbass-Initiative und half mit, sie zu Fall zu bringen. Zur Parkplatzverordnung empfahl Wirz eine Rückweisung und stellte eine bessere Lösung in Aussicht, die er dann später in Form einer Einzelinitiative einreichte. In der Folge erarbeiteten beide mit dem damaligen Polizeichef Jürg Camichel einen Kompromiss, welcher an einer späteren Gemeindeversammlung prompt angenommen wurde.
Bei dieser Gelegenheit wurden die Vertreter verschiedener Ortsparteien auf die politischen Neulinge aufmerksam und bemühten sich, sie als Mitglieder zu gewinnen. Mit Erfolg. Kuster entschied sich für die SP, Wirz für die EVP.
Kuster sagt, dass er sich seit jeher als Arbeiter verstehe und darum gut mit der SP identifizieren könne. Wirz betont, dass es der weltoffene-soziale Flügel der EVP sei, dem er sich zugehörig fühle: «Sicher nicht dem frommen.» Er habe zwar keine besonders grosse Bindung an die Kirche, nehme aber mit zunehmendem Alter zur Kenntnis, dass ihn die zehn Jahre, die seine Mutter als Diakonissin gelebt habe, «wohl mehr geprägt haben, als ich früher dachte.»
Faszinierende Töfflis
Zum Zeitpunkt ihrer Parteieintritte kannten sich die beiden Zollikerbergler schon lange. Näher gekommen seien sie sich, weil ihre Schwestern, so Kuster, «beste Freundinnen» seien. Schnell merkten die Knaben, dass es ein grosses gemeinsames Interesse gab: Töfflis.
Felix war zwar erst elf Jahre alt, besass aber bereits ein Töffli, das ihm sein Grossvater vererbt hatte. Grosszügig überliess er es dem drei Jahre älteren Valentin für kleine Spritztouren. Zusammen nahmen sie das Fahrzeug auseinander, wenn etwas kaputt war, reparierten es, und – sie grinsen – «frisierten den Motor». Stundenlang hätten sie in der Garage von Kusters an der Rüterwiesstrasse gewerkelt, erinnern sie sich, und dabei ihre technischen und handwerklichen Fertigkeiten verbessert.
So war es keine Überraschung, als Valentin eine Lehre als Velo- und Mofa-Mechaniker begann. Als er diese mit der Note 5 abschloss, war er mächtig stolz. Bis anhin waren seine Schulnoten drum eher mittelmässig gewesen. Doch als er im Herbst nach dem Militärdienst eine Stelle auf seinem Beruf suchte, musste er zu seiner Enttäuschung feststellen, dass niemand in dieser Jahreszeit einen Velo- und Töfflimechaniker anstellt.
Felix war inzwischen in der Garage Aebi in Erlenbach untergekommen und liess sich – auf Anraten von Valentin – zum Automechaniker ausbilden. Autos, so fand dann auch Valentin, seien wohl doch spannender als nur Velos und Töfflis. Prompt riet nun Felix seinem Freund, Herrn Aebi anzurufen und ihn zu fragen, ob er bei ihm eine Lehre machen könne. Und siehe da: Valentin konnte am nächsten Tag anfangen. Die jungen Männer machten also im selben Betrieb ihre Lehre, die beide erfolgreich abschlossen, und erlebten eine intensive Phase ihrer Freundschaft.
«Wie ein altes Ehepaar»
Gefragt, ob es nie Streit zwischen ihnen gegeben habe, schmunzelt Wirz: «Wir kannten uns damals schon so gut, dass wir uns manchmal wie ein altes Ehepaar verhalten und auch mal gekiffelt haben.» Konkurrenzgefühle hätten sie keine gespürt. Es sei klar gewesen, dass Felix in der Berufsschule etwas besser gewesen sei und Valentin handwerklich.
Das zeigte sich nochmals deutlich, als sie anschliessend gemeinsam die Technische Berufsschule Zürich besuchten, um die Weiterbildung als Automobildiagnostiker zu machen. Diese beiden Jahre, stöhnt Kuster, seien für ihn ein «richtiger Krampf» gewesen. Um so glücklicher sei er gewesen, als er sie endlich erfolgreich beenden konnte.
Nachher trennten sich die Wege der beiden mindestens auf der beruflichen Ebene. Wirz blieb bei Aebi in Erlenbach; Kuster wechselte zur Garage Wiedikon in Zürich. Die nun folgenden Jahre seien mindestens im beruflichen Bereich für ihn «schwierig» gewesen, erzählt Kuster. Viele Stellenwechsel, auch mal ein Versuch als Lastwagenfahrer, dann Materialwart bei der Feuerwehr Zumikon. Nichts brachte die erhoffte dauerhafte Zufriedenheit.
Dann hatte wieder einmal Felix eine zündende Idee, die seinem Freund sieben «coole Jahre» in Uster bescherten. Er sagte zu ihm: «Geh zur Opel-Garage Maier». Er kenne den Chef von vielen Autobasteleien und sei überzeugt, dass Valentin gut mit ihm auskomme. Bingo! Kuster sagt: «Jetzt war ich wirklich zufrieden.» Wirz arbeitete seit 2009 beim Strassenverkehrsamt in Zürich und hatte sich «on the job» zum Verkehrsexperten ausbilden lassen.
Autos, Technik, Verkehr und die Feuerwehr blieben die beherrschenden Themen dieser Männerfreundschaft. Mehr als zwanzig Jahre sind sie schon bei der Feuerwehr, ein Engagement, das beide hochschätzen.
In der «moderaten Mitte»
Politisch gibt es gewisse Unterschiede. So hat Kuster bereits zweimal für den Gemeinderat kandidiert, einmal als Parteiloser und dann für die SP. Beide Male erzielte er mit über 1000 Stimmen beachtliche Ergebnisse für einen Newcomer.
Wirz hingegen ist an Ämtern dieser Art nicht besonders interessiert. Sein Hauptaugenmerk richtet er auf seine Tätigkeit als Präsident der EVP, dank der er deutlich mehr Einfluss hat in seiner Partei als das langjährige SP-Vorstandsmitglied Kuster, das sich stets mit seinen GenossInnen absprechen muss. Wirz, so Kuster, gelinge es auch besser, an Gemeindeversammlungen den Ton zu treffen und die Anwesenden mit einer gewissen Lockerheit von seinen Vorstössen zu überzeugen. Er hingegen sei der Nüchterne, dem diese «Blumigkeit und Konzilianz» eher abgehe.
Wirz betont allerdings, dass ihre politischen Überzeugungen trotz der unterschiedlichen Parteizugehörigkeit nahezu identisch seien. Ihre Smartspider, die netzförmige Grafik zum Erheben des politischen Profils einer Person, würden wohl fast deckungsgleich ausfallen. Beide seien mehr in der moderaten Mitte angesiedelt, offen und sehr sozial eingestellt.
Einen gemeinsamen Auftritt legten die beiden an der letzten Gemeindeversammlung hin, wo sie sich dagegen wehrten, dass die Gemeinde auf Initiative des Bauern Weber aus einer Erholungszone auf dem Zollikerberg eine Landwirtschaftszone machen wollte. Kuster stellte den Antrag auf Umzonung in eine Freihaltezone, um den Handlungsspielraum der Gemeinde zu bewahren. Wirz vertrat das Anliegen vor den Stimmberechtigten: erfolgreich.
Obstbäume und Porsches
Kein Wunder, kennt sich Wirz in solchen Fragen doch bestens aus, weil er 2013 eine Zusatzausbildung für Landwirtschaft im Nebenerwerb absolviert und seit mehr als sechs Jahren in Steinmaur ZH eine gepachtete Plantage mit 850 Obstbäumen betreibt. Seither hat er seine Tätigkeit beim Strassenverkehrsamt sukzessive auf 25 Prozent reduziert, während er weitere 100 Prozent seinen Bäumen widmet. Damit verdiene er zwar «zu wenig zum Leben, aber zu viel zum Sterben», aber sein Herz hänge an diesem fast schon «karitativen Einsatz zum Erhalt dieses Stücks Natur.»
Auch bei Valentin Kuster gab es Veränderungen. Er hat 2018 eine Stelle als Techniker bei Porsche im Zürcher Seefeld angetreten. Der damals 38-Jährige hatte bereits zwei kleine Kinder und brauchte in jener Zeit dringend eine Stelle. Das Porsche-Angebot sagte ihm zu, weil es mit einem guten Lohn, fünf Wochen Ferien und einem überschaubaren Arbeitsweg verbunden war.
Die «Crux an der Sache» sei natürlich schon die Marke und ihre Positionierung gewesen: «Wenn das preisgünstigste Modell 130’000 Franken kostet und die Kundschaft unter den Mehrbesseren anzutreffen ist, muss ich meinem Chef natürlich schon offenlegen, dass ich seit Jahren SP-Vorstandsmitglied bin.» Das habe er bei seiner Bewerbung denn auch klar deklariert, was seinen Chef – «einen sehr offenen und umgänglichen Menschen» – aber überhaupt nicht gestört habe. Nun sei er seit acht Jahren bei der Garage und schätze seinen Arbeitsplatz sehr.
Privat bemühe er sich darum, so oft wie möglich mit dem Velo zu fahren und seinen alten Subaru, den er zwar supercool finde, stehenzulassen. Er sei sowieso leidenschaftlicher Velofahrer und habe auch beim Militär bei den Radfahrern seinen Dienst geleistet: «Nichts Schöneres als das!» Im Gegensatz dazu sei Felix einmal in seinem Leben 100 km um den Zürichsee geradelt und habe damals beschlossen, dass dieser Sport nichts für ihn sei.
Darauf angesprochen nickt Wirz: «Ich bin mehr der Wanderer und Berggänger». Dazu erübrige sich in seinem Alltag ein zusätzliches sportliches Engagement: «Wer in Eigenregie 850 Obstbäume pflegt, muss nicht extra Sport treiben.»
«Valentin ist der bessere Vater»
Ein Lebensbereich, der die beiden Männer wohl am stärksten voneinander entfernt hat, ist allerdings ein anderer: Als Kuster vor elf beziehungsweise neun Jahren Vater wurde und sich von Anfang an intensiv an der Betreuung seiner Kinder beteiligte, musste Wirz mit dieser neuen Situation erst klarkommen. Er habe den Eindruck gehabt, erzählt er, als könne er mit Valentin kaum noch etwas gemeinsam unternehmen: «Er hatte fast keine Zeit mehr.»
Seit einem knappen Dreivierteljahr ist nun auch Wirz Vater. Er findet seinen kleinen Daniel zwar wunderbar, räumt aber sofort ein, dass sein Engagement vermutlich kleiner sei als jenes von Valentin: «Er ist der bessere Vater von uns beiden.» Er sei überhaupt häuslicher, koche gern und backe Nusstorte. Das sei nichts für ihn, seufzt Wirz.
Zum Schluss interessiert natürlich auch die Frage, was die beiden besonders am anderen schätzen. Wirz mag, dass sie auch persönliche Gespräche führen können. Er wisse nach den vielen Jahren, dass er sich voll und ganz auf Valentin verlassen könne: «Er ist eine sehr verlässliche, vertrauenswürdige Person.»
Kuster sieht das ähnlich. Sie würden sich so gut kennen, dass sie den anderen in fast jeder Lebenslage um Hilfe bitten könnten, Wirz habe ihn kürzlich beim Umbau seines Hauses gebraucht, «natürlich habe ich ihm geholfen». Er selber sei vor noch nicht allzu langer Zeit unglücklich auf dem Eis gestürzt und habe in den Notfall gemusst: «Ein Anruf, und Felix hat mich abgeholt und ins Spital gefahren».
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