Gemütlicher Abend trotz garstigem Wetter

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12. Januar 2026 – Draussen war es unwirtlich, aber drinnen bei gedimmtem Licht überaus angenehm. Auf der Bühne sprach Barbara Lukesch mit Bruno Heller, dem Leiter des Zolliker Ortsmuseums, den Pfarrer Simon Gebs in seiner Einführung als «feinen Menschen» vorgestellt hatte.   

Barbara Lukesch im Gespräch mit Bruno Heller (Foto/Video: ZN)
Barbara Lukesch im Gespräch mit Bruno Heller (Foto/Video: ZN)

VON RENE STAUBLI

Trotz Regen und schneeglatten Wegen war der Saal des Café am Puls am Donnerstag gut gefüllt. Auffällig das Fangrüppchen aus Gemeindeverwaltung und Politik, das Bruno Heller begleitete, nebst anderen setzten sich die Gemeinderäte Sylvie Sieger und Patrick Dümmler an einen der runden Besuchertische.

Heller verriet, dass sein Job als Museumsleiter auch viel mit Glück zu tun habe. Er habe keine fertigen Projekte in der Schublade, sondern vertraue darauf, «dass mir die Ideen entgegenkommen», etwa bei zufälligen Begegnungen. So sei auch die gegenwärtige Ausstellung «Was ein Plakat erzählt» zustande gekommen. Regula Schmid, Expertin für historische Plakate und Urenkelin des Zolliker Kunstmalers und Gestalters Fritz Boscovits, habe ihn auf das Thema aufmerksam gemacht. Sie habe ihm von den Plakaten der 1907 gegründeten Kunstanstalt Paul Bender an der Seestrasse 69 erzählt, von denen viele mit Preisen ausgezeichnet wurden und weit über Zollikon hinaus Beachtung fanden.

Das Publikum erfuhr, wie Heller in der zweijährigen Vorbereitungszeit über «Local search» im Tessin auf den 88jährigen Peter Friedli stiess, der in den 1950er-Jahren bei der Kunstanstalt angestellt war. Er sei nach Tenero gefahren und habe mit dem alten Mann ein Videointerview geführt. Friedli habe ihm erzählt, dass er sich damals in eine Buchdruckerin verliebt habe, und dass die Arbeit wegen der giftigen Dämpfe sehr gefährlich gewesen sei. Etliche Kollegen seien an Krebs gestorben, was das Unternehmen über alle Jahre verschwiegen habe.

sWas ihm ein solches Treffen bedeute?, fragte Barbara Lukesch. «Sehr viel», sagte Heller, «für mich war es ein grosses Glück, dass ich mit diesem wichtigen Zeitzeugen reden konnte, der ein wenig darunter litt, dass sich seine eigenen Kinder nicht besonders für seine Geschichte interessierten».

Hilfe von Don Cigarro

Ob er ein weiteres Beispiel für seine Recherchearbeit geben könne?, fragte Barbara Lukesch. Er sei mit einem Villiger-Plakat zur Zolliker Firma Don Cigarro an der Seestrasse gegangen, um sich vom Geschäftsführer über die Aussage und Bedeutung eines Stumpen-Werbeplakats kundig machen zu lassen. Solche direkten Begegnungen lohnten sich immer, sagte Heller, und freute sich – der langen Arbeit Lohn – über das rege Interesse der Bevölkerung an der Plakat-Ausstellung.

Barbara Lukesch fragte nach: ob er denn sein erklärtes Ziel erreicht habe, das Museum im Oberdorf zu einem Ort der Auseinandersetzung zu machen? Die Antwort kam zögernd und begann mit einem «Jein»; es sei nicht ganz einfach, an die Zolliker Bevölkerung heranzukommen, räumte Heller ein. Der Videoausschnitt zeigt, wie differenziert der 37-Jährige die Situation beurteilt:

Dass er sich für seinen Job zuweilen auch über seine Kräfte hinaus einsetzt, zeigte sich etwa bei der Frage von Barbara Lukesch nach den nächsten Projekten und Aufgaben. Aktuell arbeite er gleich an zwei kommenden Aussstellungen, erzählte Heller. Zunächst wolle er das Schaffen der im Zollikerberg wohnhaften Künstlerin Kwang-Ja Yang würdigen, die ihr Atelier in der Nähe des Kinderspitals hat.

Parallel dazu widme er sich der Geschichte der jüdischen Geschwister Selma und Luise Steinberg, die zeitlebens in Zollikon wohnten, im Zweiten Weltkrieg einen Buchverlag gründeten und mit ihren Übersetzungen der grossen Autoren Huxley und Hemingway aus dem Englischen bekannt wurden. Sie verlegten nebst anderen auch den deutsch-amerikanischen Schriftsteller Klaus Mann, den ältesten Sohn des berühmten Thomas Mann.

Selma und Luise Steinberg in ihrem Zolliker Verlag (Foto: Schweizerisches Literaturarchiv)
Selma und Luise Steinberg in ihrem Zolliker Verlag (Foto: Schweizerisches Literaturarchiv)

Zur Sprache kam an diesem Abend auch das grosse Projekt eines «Zolliker Kulturhauses». Die Gemeinde will in der Villa Meier-Severini am Dufourplatz einen kulturellen Hotspot und Treffpunkt für die Bevölkerung einrichten. Das sei eine sehr spannende Aufgabe, aber schwierig zu realisieren, meinte Heller etwas gestresst. Allein die Diskussionen über die Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Barrierefreiheit hätten dafür gesorgt, dass es bei der Planung nach anfänglichen Fortschritten «einen Bruch» gegeben habe. Barbara Lukesch musste zweimal nachfragen, um dem Museumsleiter konkrete Angaben zum aktuellen Zeitplan zu entlocken. Er gehe davon aus, dass die Gemeindeversammlung Ende Jahr über einen Planungskredit abstimmen könne, bekannte dieser schliesslich Farbe.

Mit den Kindern ins Museum

A propos Farbe: Natürlich wurde auf der Bühne auch über Persönliches geredet. Heller schwärmte von Museumsbesuchen mit seinen kleinen Kindern. Die seien ziemlich kunstaffin (die Mama ist Künstlerin) und zeichneten gerne. Es spiele keine Rolle, wenn ein Kind einen Esel zeichnen wolle und das Resultat dann nicht wie einer aussehe, sagte Heller, wichtig sei einzig die Freude am Tun. Er zitierte zur Belustigung des Publikums das Bonmot eines bekannten Künstlers: «Es gibt nichts Langweiligeres, als einem Menschen zuzuschauen, der weiss, wie man ein Pferd malt und dann ein Pferd malt.»

Heller kam vor 14 Jahren aus Deutschland in die Schweiz. Er fühle sich hier sehr wohl, zumal drei seiner Jugendfreunde ebenfalls in der Gegend wohnten. Zuweilen verspüre er aber doch ein wenig Heimweh. Darüber helfe ihm die grosse, langjährige Liebe zum Fussball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt hinweg, den er schwärmerisch als «Diva vom Main» bezeichnete. Und dann gehe er – «wenn ich eine Deutschland-Dosis brauche» – ab und zu ins Frankfurter Vergnügungsquartier Sachsenhausen und setze sich an einen der grossen Tische, an denen Apfelwein ausgeschenkt werde: «Da kommt man mit allen möglichen Leuten ganz unkompliziert ins Gespräch.» Ein bisschen Wehmut war da schon herauszuhören.

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