Grosse Liebe zu einer Diva
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27. März 2026 – Bruno Heller, Leiter des Zolliker Ortsmuseums, fühlt sich dem Fussballverein Eintracht Frankfurt seit Kindesbeinen tief verbunden. Auch wenn der Klub oft auf unrühmliche Art verliert, ist seine Leidenschaft unerschütterlich. Coming Out eines Fussball-Verrückten.

VON BARBARA LUKESCH
Angefangen hat alles daheim. Sein Vater, aber auch dessen Bruder spielten in ihrer Jugend bei Eintracht Frankfurt. Der Eine als Mittelfeldspieler, der Andere im Tor. Deren Fussballbegeisterung ergriff auch den kleinen Bruno, der schon als Sechsjähriger bei den Junioren mitspielte. Als ihm sein Vater ein Kindertrikot der Eintracht aus den 50er-Jahren schenkte, war seine Freude riesig.

Die familiäre Prägung war eins. Daneben war es aber auch in Wiesbaden, wo Bruno zur Schule ging, eine ausgemachte Sache, dass man entweder Eintracht-Fan war oder kein Interesse an Fussball hatte. Wiesbaden hatte damals keinen ernstzunehmenden Klub, Mainz 05 galt als zweitklassig und Borussia Dortmund, so erfolgreich die Mannschaft auch war, passte einfach nicht. Es musste Eintracht Frankfurt sein.
Dabei habe der Klub, erinnert sich Bruno Heller beim Gespräch im Ortsmuseum, regelmässig gegen den Abstieg gekämpft. Damit verbunden seien allerdings auch legendäre Spiele gewesen. Jeder Eintracht-Fan erinnere sich an das 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern im Jahr 1999, das zwingend mit vier Toren Abstand gewonnen werden musste. Sonst wäre man abgestiegen. Und was passierte? In der Nachspielzeit erzielte der Norweger Jan-Age Fjortoft das 5:1 und dann noch nach einem bilderbuchmässigen Übersteiger. Die Begeisterung lässt Heller heute noch strahlen.
Eintracht Frankfurt, fährt er fort, sei einfach immer ein spezieller Klub gewesen. Nicht umsonst spreche man von der «Diva vom Main»: «Gewinnt gegen Bayern München und verliert gegen den Tabellenletzten Energie Cottbus.» Auf der grossen Bühne lege man sich ins Zeug, und gegen einen Aufsteiger gehe man lustlos vor: «Typisch Diva halt!».
«Wie ein roter Faden im Leben»
2018 kam dann die Wende. Nun hatten auch die Eintracht-Fans Grund zum Jubeln: Ihre Mannschaft besiegte den FC Bayern München im Berliner Olympiastadion 3:1 und wurde deutscher Pokalsieger. Die Stadt lag sich in den Armen. 2022 gewann sie gegen Glasgow Rangers das Finale der Europaliga. Eine neue Ära brach an. Bruno Heller nahm es mit Freude zur Kenntnis, denn auch er leidet natürlich, wenn seine Mannschaft verliert. Dann ignoriere er die Spielberichte im Fernsehen und in der Zeitung: «Das muss ich nicht haben.»
Das Spiel allein sei es allerdings nicht, was seine Liebe zur Eintracht ausmache. Es sei definitiv mehr, viel mehr: «Der Verein ist für mich wie ein roter Faden in meinem Leben», beteuert er, «der viel mit Heimat und Freundschaften zu tun hat.» So sei auch seine Schwester, die in Frankfurt wohnt, ein eiserner Fan. Sie reise sogar zu Spielen ins Ausland: «Das verbindet uns sehr.»

Dazu seien seine engsten Freunde, von denen zwei auch in Zürich leben, allesamt Eintracht-verrückt, was dazu führe, dass bei einem Treffen garantiert einer den Spruch mache: «Jetzt müssen wir aber noch über die wichtigen Dinge sprechen», will sagen über die Eintracht. Laufe ein Bundesligaspiel, laufe gleichzeitig auch ihr Chat heiss, und die Freunde kommentierten das Geschehen voller Hingabe.
Dieser Chat trage übrigens den Namen «Bruda – schlag den Ball lang», was eine Reminiszenz an das gewonnene Pokalendspiel von 2018 sei, wo sich folgendes zutrug: Ante Rebic, der Torschütze des match-entscheidenden 2:1 in der 82. Minute hatte seinem Mitspieler Kevin Prince Boateng kurz zuvor genau das zugerufen «Bruda – schlag den Ball lang», was dieser perfekt umsetzte und damit den Weg zum Sieg ebnete. «Grossartig!», freut sich Heller noch jetzt.
Tief verwurzelte Werte
Solche prägenden Figuren gehörten für ihn sowieso zum Fussball dazu. Das seien «Charaktere» wie in der Oper, die einen bestimmten Typus verkörperten und damit eine Geschichte erzählten: Hier der Bad Boy, dort das junge Talent oder der unerwartet Erfolgreiche, der bei seinem Vorgängerverein in Ungnade gefallen sei. Er liebe diesen Aspekt seiner Eintracht Frankfurt-Leidenschaft, der mit jedem neuen Spieler neue Nahrung bekomme. Während der Corona-Pandemie habe er auf dem Weg sogar das Interesse seiner Frau wecken können, die bis zu dem Zeitpunkt «überhaupt nichts mit Fussball am Hut hatte».
Was ihn darüber hinaus begeistere, seien die tief in der DNA des Vereins verwurzelten Werte wie Anti-Rassismus und Anti-Faschismus, die wirklich gelebt würden. So habe der ehemalige Präsident Peter Fischer öffentlich kundgetan: «Wer die AfD wählt, kann kein Mitglied von Eintracht Frankfurt sein.» Im Klubmuseum habe man auch die eigene Geschichte kritisch aufgearbeitet, zu der unter anderem die Tatsache gehöre, dass in der Zeit des Nationalsozialismus keine Juden und Jüdinnen aufgenommen wurden. Auch die Fan-Initiative «United Colors of Frankfurt», die den Multi-Kulti-Charakter des Klubs zum Ausdruck gebracht hätte, bringe diese Grundhaltung zum Ausdruck.
«Fussball ist eine Art Ventil»
Gefragt, ob es denn keine Hooligans und Fangewalt gebe, räumt er ein, dass es natürlich auch bei ihnen Problemfans und gewalttätige Ausschreitungen gebe. Er zuckt mit den Achseln: «Das gehört offenbar zum Fussball dazu.» Er wisse nicht, was man dagegen vorkehren könne. Auch für ihn sei der Fussball ja eine Art Ventil, vielleicht auch ein Mittel, um dem Alltag zu entfliehen. Aber er verstehe überhaupt nicht, wie man Spass an solchen Gewaltexzessen haben könne. Als Jugendlicher sei er einmal in eine brenzlige Situation geraten und von der Polizei eingekesselt worden. «Das war eine Erfahrung, die mir richtig Angst gemacht hat.»
Doch das sei ja nur ein Wermutstropfen. Fussball habe so viel mehr Schönes und Erfreuliches zu bieten. Um so cooler finde er es, dass sein sechsjähriger Sohn Lou Fussball liebt und als G-Junior beim FC Unterstrass mitspielt: «Es ist ein grosser Gewinn, wenn man schon als Kleiner in einem Verein dabei ist und ein Gefühl von Gemeinschaft entwickelt.»
Dessen ungeachtet trägt auch Lou Heller das Fantrikot von Eintracht Frankfurt. Das sei nun mal so, grinst sein Vater. Da könne man nichts machen.

Teil 1: Unkorrekt, aber unglaublich lustig
Teil 2: Tanzen, um zu überleben
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