«Ich bin total geflasht»

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19. Februar 2026 – Der Zolliker Giovanni Marti ist einer der Speaker am olympischen Eishockey-Turnier in Mailand. Am Ende der Spiele wird er vierzehnmal im Einsatz gewesen sein – eine Erfahrung, die der 54-Jährige mit «unendlicher Dankbarkeit» geniesst.

Giovanni Marti vor den Olympischen Ringen in Mailand (Fotos: zVg)
Giovanni Marti vor den Olympischen Ringen in Mailand (Fotos: zVg)

INTERVIEW: BARBARA LUKESCH

Giovi, du hältst dich in Mailand an den Olympischen Spielen auf und bist als Speaker tätig. Wie viele Einsätze hast du bereits hinter dir?

Zehn. Am Schluss werden es 14 sein, so viele, wie ich niemals erwartet hätte.

Welches Spiel ragt bisher heraus?

Schweiz gegen Kanada war das Highlight, ja, was sage ich, der Hammer. Natürlich war ich kribbliger als in anderen Partien und musste mir immer wieder eintrichtern, neutral zu bleiben. Auf meinen Notizblock hatte ich mir nochmals extra die fünf olympischen Ringe aufgezeichnet, um mich an meine spezielle Aufgabe in Mailand zu erinnern. Gemäss Feedback einiger Kollegen soll es mir ziemlich gut gelungen sein, einen beherrschten Eindruck zu machen.

Und beim Tor der Schweizer?

(lacht) Soll meine Stimme nur minim höher und lauter gewesen sein. Darauf bin ich wirklich stolz.

Auf dem Eis standen auch etliche Spieler vom ZSC wie Denis Malgin oder Sven Andrighetto, die du bestens von deiner Arbeit als Speaker in der Swiss Life Arena kennst, wo du jeweils ungeniert mitfanen kannst.

Das war wirklich seltsam. Besonders schlimm war für mich, als ich realisierte, wie schwer Kevin Fiala verletzt war, der aktuell in der NHL spielt. Ihn kenne ich besonders gut. Um so schwerer ist mir die Durchsage gefallen, als das Spiel für ihn zu Ende war.

In Zürich machst du deine Durchsagen jeweils auf Deutsch. In Mailand musst du Italienisch sprechen…

…was ungewohnt für mich ist. Ich bin froh, habe ich im Eifer des Gefechts kein einziges Mal ins Deutsche gewechselt.

Nach dem Spiel gaben auch die Schweizer Fans zu reden, die von allen Seiten gelobt wurden.

Sie sind eine Wucht und haben trotz drückender Überlegenheit der Kanadier während dem ganzen Match gesungen und für eine fantastische Stimmung gesorgt. Das hat meinen Adrenalinpegel gerad’ nochmals in die Höhe getrieben.

Ganz allgemein: wie gross ist der Unterschied zwischen diesem Einsatz an den Olympischen Spielen und deinen Einsätzen in der Schweizer National League?

Die Olympischen Spiele sind nun mal eine Riesenkiste: Man befindet sich auf einem anderen Planeten. Die Atmosphäre ist unglaublich; es liegt regelrecht in der Luft, dass etwas Grosses passiert. Die Halle, in der 16’000 Zuschauer Platz haben, ist jeweils rappelvoll. Ich empfinde es als Riesenglück und bin unendlich dankbar dafür, dass ich hier dabei sein und meinen olympischen Traum leben kann. Ich bin total geflasht.

Wieviele Speaker sind für einen Match zuständig?

Wir sind jeweils zu zweit, eine italienische und eine englische Stimme. Für die englische Stimme ist der Amerikaner Alan Roach zuständig, der seit mehr als 30 Jahren als Sprecher an der Super Bowl, dem legendären Finale der American Football Profiliga, tätig ist. Als ich seine tiefe Stimme das erste Mal gehört habe, ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen. Ich wusste sofort, das ist ein Profi aus einer grösseren Welt. Daneben habe ich auch mit Georges Lüchinger gespeakert, einem Liechtensteiner, der seit 37 Jahren am Spengler-Cup im Einsatz ist. Auch er also eine grosse Nummer.

Wie hast du dich neben diesen Koryphäen gefühlt?

Grossartig. Ich habe unglaublich viel von ihnen gelernt, gleichzeitig aber auch gespürt, dass sie mich hundertprozentig respektieren. Es macht Riesenspass mit beiden.

Giovi in der Mitte, rechts Alan Roach, der Star aus den USA
Giovi in der Mitte, rechts Alan Roach, der Star aus den USA

Das Eisfeld ist vier Meter schmaler als in europäischen Ligen üblich und richtet sich an den in der NHL gültigen Massen aus. Wie stark hat das deine Aufgabe als Speaker beeinflusst?

Es herrscht tatsächlich ein Höllentempo auf dem Eis. Und es erfordert eine gewisse Umstellung der Augen, um diesem Speed folgen zu können. Während dem ersten Match habe ich gemerkt, dass meine Augen schneller ermüden als sonst. Beim zweiten Spiel fiel mir die Anpassung schon sehr viel leichter.

Gibt es jemanden, der euch Speakern nach einem Match ein Feedback gibt?

Wir haben einen Regisseur, der uns während dem ganzen Spiel via Kopfhörer superprofessionell steuert. Nur wenn es um Strafen und Tore geht, sind wir selbständig. Bei allen anderen Durchsagen beispielsweise zu Sponsoring leitet er uns an. Nach dem Spiel hören wir in aller Regel «Good job, gentlemen», was ich im Sinne von «no news are good news» deute.

Wo seid ihr untergebracht?

In einer Art Campus, ähnlich dem olympischen Dorf, allerdings nur für Funktionäre und Mitarbeiter wie uns. Es ist eine neue Anlage etwas ausserhalb der Stadt, die nach den Olympischen Spielen als Studentenkomplex genutzt wird. Wir werden jeweils per Shuttle in die Santa Giulia-Arena gefahren, was rund eine Dreiviertelstunde dauert. Es ist alles sehr komfortabel und angenehm für uns.

Zum Schluss wäre natürlich eine kleine Anekdote noch hübsch…

Ich habe eine: In einer der Pausen des Spiels Deutschland – USA entdeckte ich auf der Tribüne Boris Becker. Plötzlich realisierte ich, dass er mit dem Finger auf mich und Georges Lüchinger zeigte und anfing zu applaudieren. Ich konnte es fast nicht glauben: Offenbar fand dieser Weltstar Gefallen an unserem Auftritt. Das kam mir vor wie ein Ritterschlag.

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