Neustart im richtigen Moment
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8. April 2026 – «Kennen Sie die Sigmoid-Kurve? Sie beginnt schleppend, steigt dann steil an zu Höhepunkt und Erfolg, um danach allmählich abzuflachen und zu verfallen – so sieht der klassische Lebenszyklus von Imperien, Firmen, Produkten, Karrieren und persönlichen Phasen aus.»

VON BIANKA LICHTENBERGER
Kennen Sie die Sigmoid-Kurve? Sie beginnt schleppend, steigt dann steil an zu Höhepunkt und Erfolg, um danach allmählich abzuflachen und zu verfallen – so sieht der klassische Lebenszyklus von Imperien, Firmen, Produkten, Karrieren und persönlichen Phasen aus.
In meiner Lehre und im Coaching zu organisationalen Transformationen greife ich oft darauf zurück: Organisationen stolpern anfangs, blühen auf, platzen dann aber aus den Nähten oder werden überholt. Doch plötzlich sehe ich sie auch im eigenen Leben: Die Karriere, die nach Höhenflug stagniert, Beziehungen, die einseitig werden, oder Hobbys, die verblassen. Früher dachte ich, das sei depressiv – ein unausweichlicher Abstieg. Aber nein: Jede Kurve kann durch eine neue ersetzt werden.
Der Trick liegt im Timing. Starten Sie die zweite Kurve am Punkt A: dort oben auf dem Plateau, wo noch Zeit, Energie und Ressourcen da sind. Sie können experimentieren, schwanken, neu entdecken – bevor die Kurve kippt.
Das erfordert allerdings einigen Mut: Man muss die Komfortzone verlassen und genau dort, wo alles sicher und erfolgreich wirkt, ins Ungewisse springen, Risiken eingehen und sich verletzlich machen. Der Haken? Beim Punkt A verspürt man (noch) keinen Druck. Die Krise kommt erst am Punkt B, wenn alles wackelt. Doch dann fehlen oft Kraft und Mittel für einen Neustart. Im Persönlichen heisst das: nicht warten, bis die Routine einen erdrückt, sondern jetzt ein Sabbatical planen, jetzt ein neues Hobby vertiefen oder den Job umkrempeln – auch wenn es unbequem ist.
Ich selbst stehe am Punkt A: Als Professorin, Beraterin und Coach habe ich Erfolg, aber ich spüre den Druck, etwas Neues zu machen – vielleicht ein Buch, eine Reise, ein generationenübergreifendes Projekt? Warum also nicht jetzt schon handeln? Weil Erfolg blendet und die Komfortzone kuschelt.»

Bianka Lichtenberger hat Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert. Als ausgebildete Wirtschaftsjournalistin hat sie für das «Handelsblatt», die «Wirtschaftswoche», das «Manager Magazin» und den «Spiegel» geschrieben. Sie bekleidete anschliessend Führungspositionen im Bereich globale Organisationsentwicklung bei Alusuisse-Lonza, Schindler, ABB und ist Professorin der Fachhochschule Graubünden. Sie sagt: «Wir leben in einer Welt, die uns je länger je mehr herausfordert.» In ihrer Kolumne wird sie sich solchen Brennpunkt-Themen widmen.