Tanzen, um zu überleben

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19. März 2026 – Die Zolliker Psychiaterin Ursula Schreiter ist eine begeisterte Tänzerin. Sie mag Walzer, aber lieber noch Rock und Soul. Es gab Phasen in ihrer Kindheit und Jugend, in denen Tanz, Musik und Bewegung sie davor bewahrt haben, in ihrem gefängnisähnlichen Internat vor Wut zu platzen.

Ursula Schreiter (Foto: ZN)
Ursula Schreiter (Foto: ZN)

VON BARBARA LUKESCH

Als Ursula Schreiter sechs Jahre alt war, ging sie ins Ballett. Das sei so üblich gewesen, erinnert sie sich, und sie habe das auch gern gemacht. Als ihr allerdings die Ballettlehrerin eine Ohrfeige verpasste, weil sie sich schlecht benommen habe, war das kleine Mädchen so empört, dass sie alles hinwarf und sich nie wieder zeigte.

Es dauerte einige Zeit, bis der Tanz in ihr Leben zurückkehrte. Als sie mit knapp 10 Jahren ins Internat musste, das den sinnigen Namen «Kloster zum heiligen Grab» trug, fühlte sie sich eingeengt und sehr unglücklich. Man durfte nur alle vier Wochen Besuch bekommen und lernte in der Anstandsstunde so seltsame Sachen wie einen Hofknicks oder das formvollendete Benehmen bei einem Tanzanlass.  Immerhin, erinnert sie sich, hätten sie Tanzstunden gehabt, was ihr Freude bereitet habe. Weil sie deutlich grösser war als ihre Kolleginnen, habe sie den Männerpart übernehmen müssen und gelernt zu führen. Gleichzeitig habe sie damals mit ihrem schlaksigen langen Körper Frieden geschlossen, mit dem sie stets alle anderen überragte und überall auffiel.

Abgesehen vom Tanzen hätten sie im Internat auch Theater gespielt und viel gesungen. Mal sei sie eine Opernsängerin gewesen, dann der deutsche Schnulzenkönig Freddy Quinn, dessen «Junge, komm bald wieder!» sie mit Inbrunst geschmettert habe. «Tanzen, Theaterspielen und Singen stellten für mich eine Art Überlebensstrategie dar», sagt sie. Sie habe sich fantasiemässig in eine andere Welt beamen können und sei so der schrecklichen Klosterenge entflohen.

Als sie die letzten Jahre vor der Matura in ein anderes Internat wechselte, ging es ihr deutlich besser. Sie hatte mehr Freiheiten, durfte einmal pro Woche in den Ausgang, was sie regelmässig nutzte, um einen Klub aufzusuchen – und dort zu tanzen. Bei der Gelegenheit kam sie erstmals mit Männern näher in Kontakt und erfuhr die elektrisierende Wirkung des Paartanzes. Sie habe gespürt, dass Tanz eine einzigartige Mischung aus Musik, Bewegung und Rhythmus, Atmung und letztlich auch Erotik darstelle: «Das hat mich sehr angesprochen.»

Sex, Drugs and Rockn’Roll

Nach der Matura zog sie nach Heidelberg, um an der Universität Medizin zu studieren. Sie sei eine «lebenshungrige junge Frau» gewesen, ein «Hippiegirl», das sich für den damals herrschenden Zeitgeist von «Sex, Drugs and Rockn’Roll» begeisterte. Sie sei bei jeder Gelegenheit tanzen gegangen und habe, animiert von toller Musik, jederzeit auch allein getanzt: «Guter Rock hat mich einfach auf die Tanzfläche getrieben.» Das sei wie eine magische Anziehung gewesen, der sie sich nicht habe entziehen können. Oft hätten sie und ihre Freunde die Nächte durchgemacht und seien dann am Morgen «müde, aber glücklich an eine Vorlesung an der Uni gegangen».

Standardtänze wie Chachacha, Rumba, Jive, Swing oder Walzer habe sie erst mit ihrem Ehemann in Zürich gelernt, als sie gemeinsam eine Tanzschule besucht hätten. Ihr Mann sei zwar etwas ungelenk, aber immer bereit gewesen ihre Tanzbegeisterung mit ihr zu teilen. Nach seinem Tod habe sie rund zwei Jahre lang nichts mit Musik und Tanz anfangen können. Die Trauer habe sie derart besetzt, dass es keinen Platz für Amüsement und die Leichtigkeit des Seins gegeben habe.

Neu erwachte Lebensgeister

Sie schmunzelt. Kürzlich sei sie 75 geworden und habe Freunde und Freundinnen zum Nachtessen eingeladen. Anders als früher, wo sie viele Feste mit Tanz und Musik organisiert habe, hätte sie diesmal noch darauf verzichtet. Aber sie merke, dass sich etwas tue: «Meine Lebensgeister sind wieder erwacht.» Sie spüre, wie sie wieder Lust bekomme auf Fats Domino, Element of Crime oder Marvin Gaye und sein «Let’s get it on!»

Sie besuche wieder Tanzveranstaltungen, aber auch einen Workshop, der «Tanzen auf Wörter» hiess und in dem die Teilnehmenden zum Beispiel eine tänzerische Ausdrucksform für Rilkes Gedicht «Der Panther» finden mussten. Das sei vor allem eine mentale Herausforderung gewesen und weniger sinnlich als ein konventioneller Tanzanlass: «Vitalisierend aber ist beides.»

Teil 1: Deutsche Kinokomödien

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