Auch in Zollikon gibt es häusliche Gewalt
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17. April 2026 – Für die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr ist häusliche Gewalt «ein riesiges gesellschaftliches Problem». Auch Zollikon ist davon betroffen. Die Gemeindepolizistin Manuela Sereinig schildert, wie Einsätze in solchen Fällen ablaufen und warum banale Ereignisse eskalieren können.

INTERVIEW: RENE STAUBLI
Häusliche Gewalt liegt gemäss dem Gewaltschutzgesetz des Kantons Zürich (GSG) vor, «wenn eine Person in einer bestehenden oder einer aufgelösten familiären oder partnerschaftlichen Beziehung in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität verletzt oder gefährdet wird durch Ausübung oder Androhung von Gewalt oder durch mehrmaliges Belästigen, Auflauern oder Nachstellen.»
Im Kanton Zürich war dieser Straftatbestand im Jahr 2025 insgesamt 3546 Mal erfüllt. In der ganzen Schweiz wurden 34 Menschen von einer Person aus ihrem nächsten Umfeld getötet, die meisten Opfer waren weiblich.
Frau Sereinig, wenn der Kanton jeweils die neusten Zahlen zu häuslicher Gewalt publiziert, denkt man reflexhaft: «Ja, ja, das passiert irgendwo, aber nicht bei uns.» Die Zahlen sagen etwas anderes: Letztes Jahr wurden in Zollikon 18 Straftaten unter dem Titel «häusliche Gewalt» registriert, im vorletzten Jahr waren es 25. Kann man diese Taten einem bestimmten Milieu zuordnen?
Ich würde sage, es passiert überall, sei es im Dorf oder auf dem Zollikerberg. Man kann die häusliche Gewalt auch nicht an irgendwelchen Einkommensstufen oder sozialen Schichten festmachen. Es gibt sicher Leute mit einem kulturellen Hintergrund, die ein anderes Verständnis von Problemlösung haben. Aber grundsätzlich kann häusliche Gewalt überall vorkommen.
Wer begeht die Taten, und wer sind die Opfer?
Meiner beruflichen Erfahrung nach sind meistens Männer die Täter und vor allem Frauen und Kinder die Opfer.
Sie sind seit 10 Jahren Gemeindepolizistin in Zollikon und oft bei Einsätzen dabei, wenn es um häusliche Gewalt geht. Von wem wird die Polizei gerufen?
Von Nachbarn, die sich Sorgen machen, aber auch von Familienmitgliedern, die zum Teil nicht einmal direkt betroffen sind, aber Angst haben. Wir haben auch einmal einen Fall gehabt, als jemand anrief und sagte, eine Person zerre gerade eine andere aus einem Auto heraus.
Bei häuslicher Gewalt rücken Sie mit einem Kollegen aus und läuten an der Wohnungstür. Was passiert dann?

Manchmal werden wir ohne weiteres eingelassen, zuweilen gibt es aber auch Widerstände, vor allem wenn uns Drittpersonen gerufen haben. Wir müssen zuerst abklären, was vorgefallen ist und ob es eine rechtliche Grundlage für das Betreten der Wohnung gibt. Vielleicht müssen wir auch noch einmal mit der aussenstehenden Person reden, welche die Meldung erstattet hat, und fragen, was sie genau gehört hat. Wenn wir in der Wohnung sind, verschaffen wir uns zunächst einen Überblick. Wir fragen, wer alles da ist und ob wir schnell in alle Zimmer schauen dürfen. Dabei geht es auch um unsere eigene Sicherheit. Wir wollen ausschliessen, dass uns plötzlich jemand überrascht, allenfalls sogar bewaffnet mit einem Gegenstand.
Wie geht es weiter?
Wir befragen die Konfliktparteien getrennt und wenn möglich gleichgeschlechtlich: ich rede mit der Frau, mein Kollege mit dem Mann, denn es geht ja auch oft um Dinge, die eine Frau lieber einer Frau anvertraut und ein Mann eher einem Mann. Wenn mehrere Personen involviert sind, kann es auch vorkommen, dass wir zur Unterstützung eine zweite Polizeipatrouille rufen.
Ist es nicht schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen?
Es gibt Situationen, in denen die Beteiligten nichts von der Polizei wissen wollen, wir aber merken, dass etwas vorgefallen sein muss. Wir können dann nicht einfach gehen und die Leute sich selber überlassen. Es kann auch sein, dass Tränen fliessen, dass Betroffene zusammenbrechen oder dass beim Täter oder der Täterin noch sehr viel Wut und Aggression zu spüren ist. Der Beginn eines Einsatzes ist immer die heikelste Phase – bis geklärt ist, wer da ist, was passiert ist und sich die Gemüter wieder ein wenig beruhigen.
Wem glauben Sie?
Das ist eine berechtigte Frage. Als ich mich als ganz junge Polizistin nach einer Befragung mit meinem Patrouillenpartner austauschte, dachte ich: «Das kann doch nicht sein! Die beiden Betroffenen haben ja gar nicht das Gleiche erlebt!» – die Aussagen sind dermassen diametral auseinandergegangen. Das ist nicht immer so, aber häufig. Es ist dann unsere Aufgabe, möglichst genau herauszufinden, was konkret passiert ist. Wir reden mit allen Betroffenen, auch mit den Kindern und aussenstehenden Auskunftspersonen, wenn es solche gibt. Die rechtliche Beurteilung des Falles ist dann aber nicht mehr unsere Sache. Wir erstellen einen möglichst aussagekräftigen Rapport zuhanden des Stadthalters oder der Staatsanwaltschaft, die dann die Schuldfrage entscheiden.
In Fällen von häuslicher Gewalt einfach wieder zu gehen, ist doch auch für Sie als Polizistin nicht einfach, oder? Das Problem ist mit der Bestandesaufnahme ja nicht gelöst.
Vom Gesetz her ist es so, dass wir von der Gemeindepolizei bei erstmaligen, eher geringfügigen Tätlichkeiten zuständig sind. Sobald es um Körperverletzungen oder wiederholte Tätlichkeiten innerhalb von drei Monaten geht, schalten wir die Kantonspolizei ein. Wenn nötig werden dann Gewaltschutzmassnahmen angeordnet, von denen es verschiedene gibt wie Wegweisung des Täters aus der Wohnung, Kontaktverbote oder ein Rayon-Verbot. Bei den Fällen, die wir von der Gemeindepolizei betreuen, spielt die Erfahrung und ein bisschen Bauchgefühl mit. Wir fragen beispielsweise oft: «Wenn wir jetzt wieder gehen, funktioniert das dann oder müssen wir schon bald wieder vorbeikommen?» Wenn eine Betroffene dann sagt: «Nein, ich glaube nicht, dass das funktioniert», dann schlagen wir Lösungen gemäss dem Grundsatz «Wer schlägt, geht!» vor. Wir versuchen zu erreichen, dass der Täter oder die Täterin von sich aus sagt: «Ja, ich gehe mal für eine Nacht zu Bekannten oder Verwandten», damit sich die Situation beruhigen kann.
Lassen Sie Opfer im Zweifel zuweilen auch im Stich?
Ich gehe nicht aus einer Wohnung weg, wenn eine weitere Eskalation absehbar ist. Wenn wir das Gefühl haben, dass eine Frau regelmässig geschlagen wird, rufen wir die Kantonspolizei und warten in der Wohnung, bis die Kollegen vor Ort sind, um die weiteren Schritte zu besprechen.
Wenn man sich die Grafik mit den Straftaten zu häuslicher Gewalt in Zollikon anschaut, überrascht die Zahl im Corona-Jahr 2020 nicht, wohl aber die Entwicklung seit 2022. Wie erklären Sie sich die Zunahme?

Mein subjektiver Eindruck als Gemeindepolizistin ist, dass sehr viele Leute sehr gestresst sind. Man lebt eng zusammen, viele stehen beruflich unter starkem Druck. Statt sich einmal zu entspannen und ein Buch zu lesen, rennt man in der Freizeit dann auch noch einen Marathon. Dazu kommt die bedrückende Weltlage, die zu Verunsicherung bei Erwachsenen, aber auch bei Jugendlichen führt. Nicht zu vergessen KI und die Social Media. So entsteht eine permanente Spannung. Ein banaler Vorfall kann dann dazu führen, dass die Lage eskaliert. Wir erleben oft, dass sich Beteiligte im Nachhinein gar nicht mehr so richtig erklären können, wieso das jetzt aus dem Ruder gelaufen ist.
Aus der Statistik geht hervor, dass bei der Zürcher Kantonspolizei im Jahr 2025 nicht weniger als 7880 Meldungen zu «familiären Differenzen» eingingen, davon 3546 mit dem Straftatbestand «häusliche Gewalt». In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» hat die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr kürzlich gesagt, häusliche Gewalt sei «ein riesiges gesellschaftliches Problem». Sehen Sie das als Gemeindepolizistin auch so?
Ich denke schon, dass das ein sehr ernsthaftes Phänomen ist. Die Dunkelziffer ist meiner Meinung nach extrem hoch, wir sehen nur die Spitze des Eisbergs. Das hängt auch mit der Definition des Begriffs «häusliche Gewalt» zusammen. Wo hören «familiäre Differenzen» auf und wo beginnt die «häusliche Gewalt»? Ich weiss von Frauen, die von ihren Partnern mit einer App überwacht werden und sehr darunter leiden, während andere Paare dieselbe App verwenden, weil sie für beide von Nutzen ist. Wir bewegen uns da oft in Grauzonen.
Eindeutig ist die Sachlage, wenn eine Frau im Frauenhaus Zuflucht suchen muss. Wissen Sie von betroffenen Zollikerinnen und kümmert sich die Gemeindepolizei um sie?
Persönlich hatte ich noch nie mit einem solchen Fall zu tun. Wir erfassen wie gesagt nur die Tatbestände, die weitere Betreuung der Opfer obliegt anderen Organisationen. Persönlich weiss ich aber von Zolliker Kindern, die mit ihren Müttern im Frauenhaus waren, aber das habe ich nur auf Umwegen mitbekommen.
Die Gemeinde Zollikon hat in den letzten fünf Jahren rund 50’000 Franken an Organisationen gespendet, die sich um das Thema häusliche Gewalt kümmern – u.a. der Stiftung Frauenhaus und dem Mannebüro. Was kann die Bevölkerung tun?
Ich finde es extrem wichtig, dass man nicht wegschaut, wenn es um häusliche Gewalt geht, sondern interveniert und nötigenfalls die Polizei ruft. Jedes Opfer ist eines zu viel, das gilt gerade auch für Kinder, denen man solche Erfahrungen unbedingt ersparen sollte.
Beratungs- und Anlaufstellen für die Opfer von häuslicher Gewalt
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