Im Ausnahmezustand

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20. April 2026 – «Seit gut einem Monat nehme ich an einer urschweizerischen Disziplin teil: ich pendle. Mehrmals pro Woche lege ich die Strecke Baden – Zürich in einem stets prall gefüllten Interregio zurück und bin immer wieder erstaunt über das Verhalten meiner Mitreisenden.»

Pendler im Morgenstau
Pendler im Morgenstau

Seit gut einem Monat nehme ich an einer urschweizerischen Disziplin teil: ich pendle. Mehrmals pro Woche lege ich die Strecke Baden – Zürich in einem stets prall gefüllten Interregio zurück und bin immer wieder erstaunt über das Verhalten meiner Mitreisenden.

Mein Erstaunen beginnt schon beim Boarding des Zuges. Ich sehe ein, dass es angenehmer ist, auch auf einer 15-minütigen Zugfahrt einen Sitzplatz zu haben. Mir ist auch klar, dass man sich dafür am besten so vor dem Zug platziert, dass man möglichst schnell ins Innere gelangt. Wenn man dabei aber die Ellbogen ausfährt, frage ich mich schon, wo hier die Selbstachtung bleibt. Was am Pendeln ist es, dass die Menschen zu rücksichtslosen Einzelkämpferinnen und -kämpfern werden lässt? Was veranlasst sie, sich auf der Treppe breit zu machen, wenn kein Sitzplatz mehr frei ist? Haben wir im Normalfall nicht alle gerade eine Nacht hinter uns, die wir liegend verbracht haben?

Fährt der Zug im Hauptbahnhof Zürich ein, springen die Menschen aufs Perron wie Kühe, die das erste Mal nach einem langen Winter wieder auf die Weide dürfen. Nur weniger freudig und mit mehr Ellbogen. Wer mit dem Tempo nicht Schritt hält, wird abgedrängt. So erlebe ich es immer wieder. Ich frage mich, ob all diese Menschen ihre Verbindungen tatsächlich auf die Sekunde genau abgestimmt haben und es drum keine andere Möglichkeit gibt, als sich durchzuellbögeln. Lustigerweise treffe ich die Menschen, die mich beim Aussteigen gehetzt auf die Seite drücken, regelmässig im Tram wieder.

Es ist faszinierend, wie schnell sich das zivilisierte Miteinander auflöst, sobald sich eine Zugtür öffnet. Menschen, die im Büro von Teamgeist sprechen, mutieren im Nu zu Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfern. ‹Nach Ihnen› wird zu ‹nach mir›.

Vielleicht ist der Pendlerzug der ehrlichste Ort dieses Landes. Hier zeigt sich, was vom vielbeschworenen Respekt übrigbleibt, wenn es eng wird und um etwas so Banales geht wie einen Sitzplatz für die 15 Minuten zwischen Baden und Zürich.

Nicht viel, wie es scheint.»

Olivia Eberhardt (geb. 1994) arbeitete als Redaktorin beim Online-Stadtmagazin «Züri Today». Sie bezeichnet sich als «Beobachterin mit feinen Antennen und dem Wunsch, die Essenz dieser Beobachtungen mit einem humoristischen Ansatz niederzuschreiben».

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