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Adrian Michael: «Im kleinen Dorf Cademario, hoch oberhalb von Lugano, haben wir als Kinder oft die Ferien verbracht. Ab und zu kehre ich dorthin zurück. Diesmal für eine Wanderung: Ich will eine Rundtour machen, die mich ins Tal der Magliasina führt.»

Kurhaus Cademario
Kurhaus Cademario – heute ein Wellnesshotel (Fotos: Adrian Michael)

VON ADRIAN MICHAEL

Und so steige ich eines Tages um 9.45 Uhr beim Kurhaus – aus der einstigen spartanischen Naturheilanstalt ist ein luxuriöses Wellnesshotel geworden – aus dem Postauto und mache mich auf den Weg. Die Temperatur ist angenehm, der Himmel ist mit einem leichten Schleier überzogen, ideales Wanderwetter. Oberhalb des Kurhauses bahne ich mir meinen Weg über zugewachsene Treppen, durch zerfallende Gartenanlagen und Ruinen von gläsernen Gewächshäusern; die kleine Aussichtsplattform darf nicht mehr betreten werden, sie droht einzustürzen. Die einstige gepflegte Gartenanlage musste im unteren Teil sterilem Rasen Platz machen, der obere Teil zerfällt – sehr schade.

Zerfallende Gewächshäuser
Zerfallende Gewächshäuser

Aber jetzt geht’s aufwärts durch einen lichten Kastanienwald, begleitet von Vogelgezwitscher und den Rufen eines Kuckucks. Auch ein Zilpzalp ist dabei, weiss meine App. Während die Kastanienbäume erst ein scheues Hellgrün zeigen, strahlen die Buchen schon frühlingshaft. Der Wald wird ausgelichtet, zahlreiche Stämme liegen am Boden oder stapeln sich am Wegrand.  Nach etwa 20 Minuten erreiche ich die Alpe Agra. Auch hier kommen manche Erinnerungen hoch, haben wir doch als Kinder dort manche Stunden verbracht. Heute ist die Alp als Naturschutzgebiet ausgewiesen. 

Unterwegs zur…
Unterwegs zur…
…Alpe Agra
…Alpe Agra
Blick auf Arosio
Blick auf Arosio

Jetzt ertönt ein akustischer Dreiklang: Im Dorf Arosio bimmeln die Kirchenglocken, rechts ruft ein Kuckuck und in der Ferne dröhnt eine Motorsäge. Nun senkt sich der Weg wieder. Vorbei an einem an dominanter Lage stehenden Kreuz – der Flurname Firàd di Frönt zeigt, dass hier eine Grenze verläuft – gelange ich über mit Buschwindröschen, pastellgelben Primeln und vereinzelten Enzian gespickten Wiesen hinunter zum Dorf Arosio, es liegt oberhalb eines passähnlichen Überganges.

Rechts geht’s zur praktisch nur aus 20 Haarnadelkurven bestehenden Strasse steil hinunter ins Tal nach Gravesano, links führt ein Weg nach Westen zum Nachbardorf Mugena. In beiden Dörfern sind auch einige neuere Bauten entstanden, aber immerhin solche, die man betrachten kann, ohne dass man sich schaudernd abwenden muss.

In Arosio
In Arosio

Ich wende mich nach Süden, ein Höhenweg führt mich durch einen Kastanienweg nach Mugena. Hier habe ich den nördlichsten Punkt meiner Wanderung erreicht. Links unten entdecke ich das Ristorante «Il Castagno», in dem ich vor ein paar Monaten einmal vorzüglich gegessen habe. Aber leider ist es noch nicht einmal 11 Uhr, zu früh zum Essen. Ist wohl auch besser so, denn mit vollem Bauch hält sich ja die Wanderfreude manchmal etwas in Grenzen.

Blick auf Vezio
Blick auf Vezio
Mittagessen
Mittagessen

In Mugena geht’s auf einem schmalen Strässchen abwärts nach Süden, hinunter in das Tal der Magliasina. Rechts durch die Bäume schimmern die Häuser von Vezio, eines von mehreren Dörfern, die aneinandergereiht auf halber Höhe an den Talflanken liegen. Schmale Strässchen und Wege führen auf der breiten Talsohle weiter, vorbei an mampfenden Kühen und adrett herausgepützelten Rustici – und ja, auch an solchen mit Schweizerfahne, Wagenrad und Geweih an der Wand. Der grosse Kastanienwald ist mit weissblühenden Kirschbäumen durchsetzt, Bienchen summsen, die Sonne strahlt durch die Blätter, der Kuckuck ruft, das Flüsschen rauscht, weit und breit keine Strasse: einfach nur schön.

Wasser- und Wanderweg
Wasser- und Wanderweg

Nun führt der Weg durch einen lichten Buchenwald. Beim Ponte di Villa entnehme ich einer Infotafel, dass hier der «Sentiero delle meraviglie» durchführt, der «Weg der Wunder», auf dem man verschiedenen regionalen Besonderheiten wie Kapellen, Getreide- und Kastanienmühlen sowie Spuren bergbaulicher Aktivitäten begegnet.

Ruhige Wohnlage
Ruhige Wohnlage

Sachte geht es talwärts, links begleitet vom Rauschen der Magliasina. In einer Löwenzahnwiese steht ein Zoo aus zahlreichen Holztieren – hübsch.

Hölzerner Zoo
Hölzerner Zoo

Das Tal verengt sich, neben dem Fluss reicht der Raum gerade noch für einen schmalen Weg, der am Fuss des steilen Hanges entlang führt. Nachdem der Fluss von links einen Nebenbach aufgenommen hat, ist er deutlich breiter geworden. Schön zu sehen, wie er ungehindert von Mauern links und rechts seinen Lauf durch die Steine sucht.

Unterhalb einer ehemaligen Hammermühle laden Tische und Bänke zum Picknicken ein. Die Mühle sei 1860 erbaut worden; hergestellt wurden Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände wie Sensen, Schaufeln und Hacken. Drei Biker, Familien mit Kindern und Hunden nützen die Gelegenheit für eine Rast, ein paar Jugendliche schwadern im Fluss.

Picknick bei der Hammermühle
Picknick bei der Hammermühle

Auf einem schmalen Weg, der sich durch den Kastanienwald schlängelt, geht es obsi. Bis Aranno 35 Minuten, berichtet ein Wegweiser. Das Rauschen des Baches verstummt nach und nach, Vogelgezwitscher wird wieder hörbar, auch der in der Gegend offenbar weitverbreitete Kuckuck lässt sich hin und wieder hören.

Aranno
Aranno

Nachdem ich mir in Aranno – ein typisches Bergdorf im Malcantone mit einem schützenswerten Ortsbild von nationaler Bedeutung – auf einer Bank mein wohlverdientes Sandwich zu Gemüte geführt habe, geht es weiter, am Anfang wieder einmal auf einem steinigen Weg steil hinauf durch einen Kastanienwald. Aber schon bald gelange ich zum breiten Wanderweg, der mich schön geradeaus wieder Richtung Cademario führt.

Im Vergleich zur Kletterei durch steile Kastanienwäldchen empfinde ich diese fast letzte Etappe als recht erholsam, auch wenn es nun stetig leicht aufwärtsgeht. Man merkt, dass hier die Sonneneinstrahlung stärker ist als auf dem Hinweg auf der anderen Bergseite: Alle paar Meter huschen grosse und kleinere Eidechsen in ihre Verstecke.

Unterwegs zur…
Unterwegs zur…

Vor dem Ziel gelange ich noch zu einem archäologischen Highlight: In einer sattelähnlichen Senke im Höhenrücken wurde 1939 eine eisenzeitliche Nekropole ausgegraben, 19 Gräber und zahlreiche Gegenstände wurden entdeckt.  Eine Informationstafel tut das, was solche Tafel eben tun: sie informiert. Heute ist von den Ausgrabungen nichts mehr zu erkennen, ohne die Tafel würde nichts mehr auf die historische Bedeutung dieses kleinen Passübergangs deuten.

Auf einem Bänkli liegt ein Blatt: Offenbar ist jemandem ein Graupapagei zugeflogen, Coco heisse er. Er spreche Deutsch und sage zum Beispiel «Guten Morgen, gute Nacht, süsser Schatz». Naja, vielleicht hätten sie ihm gescheiter beigebracht, seine Adresse aufzusagen.

Nach einer kurzen Pause nehme ich die letzte Etappe in Angriff, sie führt mich leicht abwärts zurück durch einen Wald zum Kurhaus Cademario, wo ich nach knapp vier Stunden ankomme. Schön wars.

Dü-da-do
Dü-da-do

Anforderungen: 12,9 km, 521 Meter auf- und abwärts. 4 Stunden

Route: PDF von SchweizMobil

Adrian Michael hat 37 Jahre lang an der Zolliker Primarschule unterrichtet. Seit 2017 ist er pensioniert. Nebst der Zolliker Lokalgeschichte gehört auch das Wandern zu seinen Steckenpferden.

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