«Ich bin ja keine 0815-Beamtin»

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29. April 2026 – Nach knapp neun Jahren als Co-Schulleiterin im Oescher wird Brigit Belser (67) pensioniert. Mit grosser Leidenschaft hat sie dem Schulhaus im Dorf ihren Stempel aufgedrückt – höchste Zeit also für eine Bilanz am Donnerstag, 7. Mai im letzten «Talk am Puls» der Saison.

Brigit Belser (Illustration: Willi Spirig)
Brigit Belser (Illustration: Willi Spirig)

Um sechs Uhr weckt mich das Handy. Leider! Es ist furchtbar, wenn man das Handy direkt neben dem Bett liegen hat. Aber als Schulleiterin habe ich den Anspruch, an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang für meine Mitarbeitenden erreichbar zu sein. Ich muss ja rechtzeitig wissen, wenn jemand krank ist und wir einen Ersatz brauchen. Die Schule findet statt! Das ist die oberste Prämisse. So ist es auch schon passiert, dass ich mich einen Vormittag lang in einen Kindergarten gestellt und wenigstens die Betreuung der Kleinen aufrechterhalten habe. In solchen Momenten steigt natürlich mein Stresspegel. Aber Gott sei Dank bin ich ein Mensch, der sich extrem schnell wieder entspannen kann.

Mein Mann, der 14 Jahre älter ist als ich, ist seit neun Jahren pensioniert. Er serviert mir jeden Morgen – das ist bei uns ein heiliges Ritual – einen Kaffee, einen frischgepressten Orangensaft und die NZZ ans Bett. Die NZZ aus Papier, wohlgemerkt. Ich mag es nicht, eine Zeitung oder auch ein Buch online zu lesen. Um 7.15 Uhr zwinge ich mich dann langsam, meine Morgenlektüre zu beenden und aufzustehen. Das erfordert in letzter Zeit einen gewissen Effort; ich würde gern noch länger im Bett bleiben und weiterlesen.

Aber spätestens um 8 Uhr, lieber noch um 7.30 Uhr, will ich in der Schule, genauer im Teamzimmer, sein. Dann haben die Lehrpersonen noch keinen Unterricht und Zeit für einen kurzen Austausch. Mein Beruf ist ein Präsenzberuf, und bei 85 Mitarbeitenden gibt es jeden Morgen einige, bei denen sich ein kurzes Gespräch aufdrängt oder einfach so ergibt: «Wie war das Elterngespräch gestern? Wieder gesund? Hattest du schöne Ferien?»   

Abgesehen von diesem Auftakt verlaufen meine Tage sehr unterschiedlich, werden aber von unzähligen Sitzungen dominiert. Im Juli, also am Schluss eines Schuljahres, wird bereits der gesamte Jahreskalender – ein dreiseitiges Dokument – für das folgende Schuljahr vom Team bewilligt. Darin sind alle wichtigen Termine notiert: Sitzungen mit Lehrpersonen, Sitzungen nur mit Fachlehrpersonen, interdisziplinäre Treffen, Schulkonferenzen, interne Weiterbildungen, der Runde Tisch, an dem Fälle besprochen werden, und und und. Daneben sind auch grosse SchülerInnenanlässe vermerkt wie der Sporttag, das zweimal jährlich stattfindende Oeschersingen, die Erzählnacht, teils mit, teils ohne Eltern. Das jährliche Highlight: unser Sommerfest.

Jeden Dienstagmorgen um 8 Uhr gibt es einen Jour fixe mit der Co-Schulleitung und Frau Gnehm, unserer unverzichtbaren Assistentin. Während eineinhalb Stunden gehen wir die aktuellen Geschäfte und Fragen durch. Alle drei bis vier Wochen treffen sich die Leitung Bildung, Leitung Schulverwaltung und alle Schul- und Betreuungshaus-Leitungen zu einer mindestens dreistündigen Sitzung. Die Traktandenliste ist jeweils so vollgepackt, dass wir meistens nicht durchkommen.

Abgesehen von all diesen mittel- und langfristigen Terminen gibt es natürlich noch ein Tagesgeschäft. Ein Beispiel: Über Mittag führe ich sehr oft Gespräche mit Lehrpersonen, die dann Zeit haben. Anlass kann die Vorbereitung eines Elterngesprächs sein oder die Ankündigung einer Schwangerschaft und des nachfolgenden Mutterschaftsurlaubs. Manchmal ist es auch einfach nötig, eine Kollegin zu unterstützen, die Probleme mit einer schwierigen Klasse hat. Auch die 10 Uhr-Pause ist für mich keine Pause. Dann tönt’s im Teamzimmer von allen Seiten: «Brigit, hast du schnell mal Zeit?»

Die Kunst einer erfolgreichen Schulleitung besteht darin, eine absolute Topplanung sowohl für den einzelnen Tag wie auch längerfristig zu erstellen. Das liegt mir extrem; ich bin sehr strukturiert und sehr vorausschauend. Die Leitung einer Schule mit 600 Schülern und Schülerinnen, 30 Klassen und 85 Mitarbeitenden, also im Grunde eines mittleren KMUs, kann nicht laisser faire-mässig erledigt werden. Man muss sich der riesigen Verantwortung, die man trägt, sehr bewusst sein und sie uneingeschränkt wahrnehmen.

Dazu gehört, dass man schon im Januar mit der Vorbereitung des folgenden Schuljahres – Start Ende August – beginnt. Wer will kündigen? Wer wird pensioniert? Wer wünscht sich ein grösseres oder kleineres Pensum? Wer braucht angesichts einer sehr grossen Klasse eine Schulassistenz? Abgesehen davon machen Stephan Mies, mein Co-Schulleiter, und ich je gut 40 Schulbesuche und schreiben im Anschluss mehr als 40 Mitarbeitenden-Beurteilungen. Es ist der Wahnsinn.

Ist das geschafft und wissen wir, wer kündigen wird, ein Sabbatical oder zusätzlichen unbezahlten Mutterschaftsurlaub nimmt, was übrigens bei den jungen Frauen inzwischen die Regel ist, beginnen wir mit dem Zusammensetzen der Pensenplanungen: ein gewaltiges Puzzle. Zeitgleich beginnen auch die Klassenzuteilungen und die Stundenplanung.

Rund zweimal pro Woche stehen auch abends noch Termine in meiner Agenda: Elternabende, Elternbildungsanlässe, Elterngespräche. Das sind dann 11 Stunden-Tage oder länger.

Wir können zwar Überstunden aufschreiben, aber ausbezahlt wird die Mehrarbeit nicht. Im besten Fall kann ich mal eine halbe Stunde später kommen oder eine Dreiviertelstunde früher gehen. Ich hätte mich auch früher pensionieren lassen können. Aber ich bin ja keine 0815-Beamtin! Mein Feuer für die Schule brennt nach wie vor und bringt mich dazu, bis zum Schluss alles zu geben. 

Am Wochenende dürfte man von Gesetzes wegen ja eigentlich nicht arbeiten. Meinen Laptop nehme ich trotzdem mit nach Hause, und auch wenn ich ihn nicht öffne, kann ich ja locker auch einiges auf dem Handy erledigen – was wiederum meinen Mann ärgert. Die Weihnachtsferien sind seit Jahren reserviert für das Verfassen der Mitarbeitenden-Beurteilungen. Dann sitze ich am Stubentisch, wo ich Ruhe habe und mich am besten konzentrieren kann.

Das Essen kommt an einem Arbeitstag oft zu kurz. Wenn ich Glück habe, finde ich irgendwann Zeit, um einen «Schoggigipfel» von Hausammann zu verdrücken, seit einiger Zeit der Spitzenreiter im Schulleitungsbüro Oescher. Fürs Mittagessen – mal ein Salat aus der Migros, mal Reste von daheim – müssen oft zehn Minuten reichen. Unsere Mitarbeitenden mit ihren Fragen haben immer Priorität, und sie wissen auch, dass sie von mir immer eine Antwort bekommen. Manchmal erst am Folgetag, nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe.

Den Abend versuche ich allen Anforderungen zum Trotz gemeinsam mit meinem Mann, einem Glas Wein und einem guten Gespräch ausklingen zu lassen. Hin und wieder sind wir auch unterwegs und treffen Freunde, gehen ins Kino, machen einen Spaziergang oder schauen Fernsehen. Wir sind News-Junkies. Doch um diese Zeit bin ich oft so müde, dass ich vor dem TV-Gerät einschlafe.

Um Mitternacht ist Lichterlöschen. Dann habe ich den vergangenen Tag Revue passieren lassen und mir überlegt, was der folgende bringt. Ein paar Seiten in einem Buch wirken wie ein gutes Schlafmittel. Und weg bin ich.» (aufgezeichnet von Barbara Lukesch)

«Talk am Puls»: Donnerstag, 7. Mai. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Der Eintritt ist frei. Gastgeber im Café am Puls ist Pfarrer Simon Gebs.

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