Namen von schlichter Eleganz
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30. April 2026 – Es gab Zeiten, da waren Doppelnamen wie Hans-Jörg und Anne-Marie der Renner. Dann wurde es immer exklusiver; Reinhard und Dorothea wurden abgelöst von Kevin und Aisha. Seit einigen Jahren sind einfache Namen wie Lina, Mia, Leon und Louis en vogue.

VON BARBARA LUKESCH
Freunde von uns haben ein Kind bekommen, einen Knaben, dem sie den Namen Max gegeben haben: «Kurz, schlicht und ohne Extras», wie der Vater betont. Das halten nicht alle Eltern so. Pipilotti Rist taufte ihren Sohn Himalaya. Das Ehepaar David und Victoria Beckham nannte ihren Erstgeborenen Brooklyn. Seltsam, oder würden Sie Ihren Filius Matterhorn nennen? Oder vielleicht lieber Altstetten? Gut, Beckhams und Rists sind Fussballer beziehungsweise Künstlerinnen von Weltrang, da kann die Suche nach einem Kindernamen schon zu einer ganz besonderen Herausforderung werden. Man hat schliesslich einen Ruf zu verlieren.
Ich gebe zu, auch mein Mann und ich machten uns einige Gedanken, als wir 1990 ein Kind erwarteten. Ein bisschen speziell sollte es auch bei uns sein. Mit Michael und Monika gaben wir uns nicht zufrieden. So passierte folgendes: Als wir im Tenniscenter sassen, stach mir ein Poster mit dem attraktiven französischen Spieler Yannick Noah ins Auge. Da wusste ich: wenn es ein Knabe wird, soll es ein Yannick sein. Mein Mann war im Nu begeistert. Es wurde ein Knabe.
Als meine Eltern ziemlich spät abends per Telefon von der Ankunft ihres ersten Enkelkindes erfuhren, freuten sie sich riesig. Doch eine halbe Stunde später rief mein Vater nochmals an und fragte etwas verwirrt: Ist Yannick eigentlich ein Knabe oder ein Mädchen? Oops! War unsere Wahl doch zu exotisch ausgefallen? Eine Kollegin, die selber viel Tennis spielt und den Namen Yannick offenbar automatisch mit Noah in Verbindung bringt, fragte mich jahrelang, wie es denn Noah gehe. Dass niemand den Namen unseres Sohnes richtig schreiben konnte – von Jannik über Yanik bis zu Yannic gab es alle Varianten – war zu verschmerzen. Auch Yannick selber trug es mit Fassung.
Inzwischen ist Yannick als Name in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und auch seine Grosseltern freundeten sich schnell damit an.
Wir hätten ihn ja auch Dumeni, Jorne oder Woeser taufen können, alles Vornamen, die gemäss Google in der Schweiz auftreten, wenn auch nur selten. Gestaunt hätten seine Grosseltern mit Sicherheit auch, wenn ein herziger kleiner Tsunami, ein Batman, Aromat, Fünf, Lurch oder gar ein Wiesengrund im Körbchen gelegen wäre – Namen, die den Schweizer Zivilstandsämtern zwar vorgelegt werden, die sie in der Regel aber ablehnen. Tierbezeichnungen, Zahlen, Firmen- und Markennamen dürfen nämlich aus Rücksicht auf die Kinder nicht verwendet werden. Man stelle sich den Spott vor, dem die kleine Nutella eines Tages auf dem Pausenplatz ausgesetzt wäre.
Wenn man sich die Liste der im Jahr 2024 in der Schweiz am häufigsten verwendeten Buben- und Mädchennamen anschaut, zeichnet sich ein klarer Trend zur stilvollen Schlichtheit ab. Bei den Mädchen finden sich unter den ersten zehn ausschliesslich Namen, die auf a enden: Mia, Emma, Sofia, Lina, Emilia. Keinerlei Umlaute oder Sonderzeichen wie Apostroph, Gedankenstrich oder Accent grave. Null Schnickschnack!
Bei den Knaben hat sich die schlichte Eleganz gleichermassen durchgesetzt. Speziell ist dort, dass sechs der zehn Spitzenreiter mit einem L beginnen: Liam, Luca, Leo, Louis, Leon, Leano. Keine Ahnung, warum das L derart begehrt ist. Dass das runde weiche a in Anna, Paula, Lisa, Elisa, Sabrina toll klingt, leuchtet sofort ein. Welche Maria würde denn tauschen wollen mit der sperrigen Meret?
Wobei es auch da Ausnahmen gibt. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten eine kleine Ursula auf die Welt gestellt. Können Sie sich einen Säugling dieses Namens in einem rosa Frottée-Einteiler heute noch vorstellen? Und dass Sie zu Ihrem Mann sagen: «Bernhard, gibst Du bitte Ursula den Schoppen?»
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