«Ein Jahr Arbeit in 5 Minuten vernichtet»

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16. Oktober 2026 – Der gewaltige Hagelschlag, der am 28. August über Steinmaur niederging, traf auch Felix Wirz, den Biobauern und Präsidenten der EVP vom Zollikerberg. Seine Obstbäume wurden massiv beschädigt, er büsste fast seinen gesamten Jahresumsatz ein. Eine apokalyptische Erfahrung.

Riesige Hagelkörner auf der Obstplantage von Felix Wirz in Steinmaur (Fotos: zVg)
Riesige Hagelkörner auf der Obstplantage von Felix Wirz in Steinmaur (Fotos: zVg)

VON BARBARA LUKESCH

Die Wettervorhersage gab keinerlei Anlass zu Sorge. Vielleicht werde es etwas regnen, hiess es, im schlimmsten Fall komme es zu einem Gewitter. Nichts Besonderes also für einen Sommertag Ende August. Regen war sogar hochwillkommen, nachdem die vorangegangenen Wochen, ja, Monate extrem trocken waren.

Felix Wirz, der Zolliker Biobauer, der in Steinmaur im Zürcher Unterland seinen Obstgarten mit insgesamt 850 Apfel- und Birnbäumen bewirtschaftet, bat an jenem Tag seine Frau Naemi und seinen 84-jährigen Vater ihn zu begleiten, denn Ende August geht es jeweils richtig los mit der Ernte. An diesem Freitag wollte er das erste Mal Birnen auflesen.

Nachdem sie ihr 14-monatiges Söhnchen Daniel bei der Tagesmutter abgegeben hatten, trafen sie gegen 8 Uhr in Steinmaur ein. Im Betriebsgebäude auf ihrer Parzelle bereiteten sie alles vor und machten sich an die Arbeit.

Wirz produziert sogenanntes Verarbeitungsobst, also Äpfel und Birnen, die unter anderem vermostet werden, und nur einen kleinen Teil Tafelobst. Dieses wird auf verschiedenen Wochenmärkten in Zürich verkauft und muss natürlich höheren Ansprüchen an Aussehen und Konsistenz genügen.

Düstere Front in horrendem Tempo

Die Arbeit ging ihnen leicht von der Hand. Kurz vor 10 Uhr hielt Wirz kurz inne und liess seinen Blick schweifen. Er erschrak, als er die düstere Front sah, die sich von Westen her in horrendem Tempo näherte. «Was kommt denn da auf uns zu?», fragte er sich fassungslos und trieb seine Frau und seinen Vater zur Eile an: Sie sollten sofort ins Betriebsgebäude laufen und sich dort unterstellen. Er selber machte auf halbem Weg bei einem Nachbarn Halt und brachte sich bei ihm in Sicherheit.

Innerhalb von einer Minute sei der Regen heruntergeprasselt, schwere Sturmböen seien übers Land gefegt – im «Tages-Anzeiger» war später von Geschwindigkeiten zwischen 80 und 130 km/h die Rede –, ohrenbetäubender Lärm habe von einer Sekunde zur anderen eingesetzt. Und dann kam der Hagel, riesige Körner: «Viele so gross wie Tennisbälle.»

Hagelkörner, so gross wie Tennisbälle
Hagelkörner, so weit das Auge reicht

Das Erlebnis steckt Felix Wirz noch immer in den Knochen. Wenn er sich heute, sechs Wochen danach, an diese Momente erinnert, gerät er nach wie vor in Aufruhr: «Man kann sich einfach nicht vorstellen, was da abgegangen ist, der Himmel schwarz wie die Nacht, dazu der Donner, die Einschläge der Hagelkörner in Dächer und Fassaden, Sturmböen wie Peitschenhiebe, berstende Äste, tonnenweise Früchte, die auf den Boden prallen.» Das Szenario habe etwas Apokalyptisches gehabt, so stelle man sich den Weltuntergang vor. Nach fünf Minuten sei der Spuk vorbei gewesen, was die ganze Erfahrung noch um einiges surrealer gemacht habe.

Offene, blutende Wunde

Augenblicklich habe er sich gefragt, wie es seiner Frau und seinem Vater ergangen sei, erzählt Felix Wirz. Und der Spaziergängerin, die mit ihrem Kinderwagen durch den beginnenden Regen gehastet sei. Als er sein Betriebsgebäude erreichte, sah er, dass Naemi eine Riesenbeule und eine offene blutende Wunde an der Stirn hatte. Dazu klagte sie über starke Kopfschmerzen. Ein gewaltiges Hagelkorn habe sie getroffen.  Seinem Vater war nichts passiert, und von der jungen Spaziergängerin erfuhr er später, dass sie sich mit ihrem Kind im letzten Moment in ihr Auto habe retten können.

Felix Wirz wusste, dass er jetzt als Erstes Naemi ins Spital in Bülach bringen musste. Er befürchtete, dass sie eine Hirnerschütterung haben könnte und wollte auf Nummer Sicher gehen. Auf der Strasse nach Bülach sah er, dass es vor allem die Gemeinde Höri noch um einiges massiver erwischt hatte. Viele Autos standen mit zersplitterten Windschutzscheiben am Strassenrand; umgestürzte Bäume versperrten Strassen, Wege und blockierten Autos. Hausfassaden sahen aus, als wären sie unter Beschuss genommen worden; Storen hingen zerfetzt herab.

Im Notfall drängten sich mehr als 120 Leute, allesamt Opfer des Hagelsturms. Das Personal habe die Anwesenden je nach Schweregrad triagiert «wie im Krieg». Naemi hätte mehr als sechs Stunden warten müssen, weil ihre Verletzung nicht ganz so schlimm war wie ursprünglich befürchtet. Da rief Wirz kurz entschlossen die Notfallabteilung des Spitals im Zollikerberg an und erfuhr zu seinem Erstaunen, dass dort Normalbetrieb herrsche; es habe nicht einmal geregnet.

Am nächsten Tag las Wirz im «Tages-Anzeiger», dass eine «schwere Superzelle» über den Kanton Zürich gezogen sei, die vor allem die Region Bülach und Steinmaur getroffen habe.

Totale Verwüstung

Als Naemi verarztet war, kehrte der Biobauer in seinen Obstgarten zurück. Der Anblick seiner Bäume habe ihn schwer getroffen. Mehr als achtzig Prozent der Früchte hatte der Hagel  heruntergeschlagen. Letztlich musste er 51 Tonnen Obst in der Biogasanlage entsorgen; 38 Tonnen konnte er retten. Doch selbst von den Früchten, die noch an den Bäumen hingen, faulte ein Drittel, weil Hagelkörner sie getroffen und beschädigt hatten. Ganz schlimm hatte es die Bananenäpfel erwischt, jene Sorte, die er erst Mitte November hätte ernten können: «Bei ihnen gab es einen Totalausfall.» 25 Tonnen lagen zermanscht am Boden, eine «faule Pampe», die er nur noch mit dem Mulchgerät fein schnetzeln konnte, so dass sie möglichst schnell verrotten.  

Totalausfall bei den Bananenäpfeln
Totalausfall bei den Bananenäpfeln

Als er alle Schäden gesichtet hatte, wurde ihm klar, dass er einen Verlust von rund 60’000 Franken erlitten hatte. Obst für knapp 20’000 Franken liess sich retten. Lakonisch bilanziert er: «Ein Jahr Arbeit in 5 Minuten vernichtet.» Das Eternitdach seines Betriebsgebäudes war von Einschlaglöchern übersät; zur Zeit behilft er sich mit provisorischen Plastikblachen. Das Material, das er zur Reparatur bräuchte, ist auf Grund der grossen Nachfrage momentan nicht erhältlich.

Einschlaglöcher im Eternitdach
Einschlaglöcher im Eternitdach

Eine Hagelversicherung komme für ihn trotzdem eher nicht in Frage, sagt Wirz: «Eine solche Katastrophe gibt es nur einmal in einem Arbeitsleben.» Da würden sich die Ausgaben für die Versicherung kaum rentieren. Produzenten von Tafelobst würden Hagelnetze spannen, die ihre Kulturen mindestens vor «normalen» Hagelstürmen schützen. Doch bei diesem «Jahrhundertereignis» habe es auch sie voll erwischt.

Schlimm dran gewesen seien auch die «Gmüesler». Ein Kollege habe ihm erzählt, er habe auf einzelnen Feldern nicht einmal mehr sagen können, was er dort angepflanzt habe. Felix Wirz seufzt. Immerhin ernteten die Gemüsebauern ihre Salatköpfe, Bohnen und Gurken mehrmals jährlich. Er hingegen habe nur eine Ernte pro Saison: «Und die ist dieses Jahr mehrheitlich kaputt.»

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