Die Goldküste spielt Serengeti

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Thomas Widmer: «Toll, was der Höhenweg am rechten Zürichsee-Ufer bereit hält: eine Burgruine, charaktervolle Häuser, ein geheiligtes Brünneli und sogar afrikanische Wildtiere. Star der Route bleibt bei alledem der See selber.»

VON THOMAS WIDMER

Sechs Leute sind gekommen, stelle ich am Bahnhof Meilen fest, sechs Leute wollen mit mir wandern an diesem Samstag. Das sind etwas mehr, als ich es von meinem Grüppli gewohnt bin. Liegts daran, dass ein schöner, ein besonnter Tag ansteht? Oder liegt es an der doch eher leichten Route? Wir ziehen los, und gleich wirds stimmungsvoll. Das Meilemer Tobel, das sind Brücklein, Treppen mit Geländer, ein Wasserfall, das vom Wasser geschmirgelte Bachbett. Und zimten duftendes Laub.

Zum Auftakt gehts durch den unteren Teil des Meilemer Tobels
Zum Auftakt gehts durch den unteren Teil des Meilemer Tobels

Wir machen etwas Höhe, steigen dann bei der Burgruine Friedberg aus dem Tobel. Verlassen stehen die mittelalterlichen Mauerreste in der Wiese am Tobelrand. Meine Fantasie schafft es beim besten Willen nicht, sie als vollständige Burg herbeizuvisualisieren samt dem Ritter in ihr.

Bei der Ruine Friedberg könnte man bräteln. Wenns bloss nicht erst neun Uhr morgens wäre
Bei der Ruine Friedberg könnte man bräteln. Wenns bloss nicht erst neun Uhr morgens wäre

Ganz in der Nähe steht ein Haus, das zwar auch schon ein bisschen alt ist. Aber doch sichtbar lebt. Die Wirtschaft zur Burg, ein edler Fachwerkbau mit roten Holzbalken. Das Dach des Mansardenerkers wird links und rechts von Sparren in Form der Zahl 4 gestützt. Tatsächlich ist für diese Konstruktion regional der Begriff «Züri-Vieri» gebräuchlich.

Man beachte die beiden Züri-Vieri die Wirtschaft zur Burg gleich bei der Ruine Friedberg
Man beachte die beiden Züri-Vieri: die Wirtschaft zur Burg gleich bei der Ruine Friedberg

Die nächsten Stunden sind Gehfreude, die Sonne blitzt und veredelt die Fluren, der Weg führt meist ebenaus. Und das lange Mittelstück auf Hartbelag ist zu verschmerzen, umso mehr, als wir meist den Zürichsee zur Rechten haben. Das weite Blau beruhigt Auge und Gemüt. Der Zürichsee ist der Star unserer nicht sehr hohen Höhenwanderung.

Verträumtes Stück Wanderweg über dem Zürichsee
Verträumtes Stück Wanderweg über dem Zürichsee

Ein blaues Bänkli findet sich bald am Weg, das offenbar, so ein Schild, zum 500. Geburtstag der Reformation in Zürich aufgestellt wurde. Auch ein Zwingli-Spruch ist zu lesen: «Tut um Gotts Willen endlich etwas Tapferes!» Täten wir ja gerne, aber weit und breit ist keine Gelegenheit ersichtlich. Wir sind an diesem Tag nicht heroisch unterwegs, sondern harmonisch.

Ebenfalls im Gebiet Hohenegg kommt uns eine ältere Frau entgegen. Sicher an die 70. Wir kommen ins Gespräch, die Frau ist ausgesprochen heiter, ja froh. Und fit, sie dreht grad eine zwei-, dreistündige Route, sagt sie. Und erzählt dann, dass sie eine Krebserkrankung gut überstanden hat und jetzt jeden Tag noch mehr geniesst. Gern gibt sie ihr Alter preis: Sie ist 90.

So gibt uns der Weg immer wieder Neues zu sehen und zu bedenken. Zum Beispiel die prächtig etwas oberhalb aufgereihten Häuser. Die Privatklinik Hohenegg ist spezialisiert auf die Behandlung von Burn-out-Erkrankungen, Depressionen und Angstzuständen. Ganz sicher dient die Pracht der Landschaft diesem Zweck zu.

Stilvoll Kranksein die Privatklinik Hohenegg hoch über Meilen
Stilvoll krank sein: die Privatklinik Hohenegg hoch über Meilen

Wir durchqueren das kleine Tobel des Beugenbaches. Viel weiter unten am Bach gäbe es in Obermeilen eine Hängebrücke zu bestaunen, aber die liegt weder an unserem Weg noch an einem Wanderweg. 60 Meter lang, 25 Meter über Grund, wurde sie in erster Linie angelegt, um Schülerinnen und Schülern den Schulweg zu verkürzen. Sie sonst einmal kennenzulernen, kann ich nur empfehlen.

Blick über den See vom Appisberg zu den charmanten Wöklein gegenüber
Blick über den See vom Appisberg zu den charmanten Wöklein gegenüber

Wir gehen, wir geniessen, anstrengend findet die Unternehmung niemand von uns. Dafür aber unterhaltsam. Im Gebiet Appisberg, Männedorf, passieren wir einen Villengarten. Linsen durch das Laub der Bäume. Und landen in Afrika. Im Garten stehen zwei riesige, gekonnt ausgeführte Metallskulpturen. Die eine zeigt einen Elefanten, die andere ein Nashorn. Aha, die Goldküste spielt Serengeti!

Gut gemachte Kunst Tierskulpturen in einem Villengarten in Männedorf
Villengarten in Männedorf mit Elefant und…
Gut gemachte Kunst Tierskulpturen in einem Villengarten in Männedorf
…täuschend lebensechtem Nashorn

Beim Restaurant Widenbad machen wir Pause, das geht grad noch knapp draussen. Im Garten, unter Platanen, trinken wir Kafi. Neugierdehalber betrachte ich die Menükarte und denke, dass wir auch hier schon essen könnten. Ein Gildenkoch wirkt im «Widenbad», derweil ich lese, was er so zubereitet, läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Die Adresse wird für ein andermal notiert. Das Widendbad, übrigens, war im 19. Jahrhundert ein Kurhaus. Eines mit einem angegliederten Bad, wies der Name besagt.

Noch mehr Interessantes folgt. Erstens: Bald nach der Einkehr gehen wir, erklärt uns eine Tafel, auf dem Trassee der einstigen Wetzikon-Meilen-Bahn. Zweitens: Auf Gebiet der Gemeinde Stäfa kommen wir am Wannenbrünneli vorbei. Schade, fliesst grad kein Wasser. Dieses gilt nämlich als gesegnet, da die heilige Verena, die auch im Stäfner Gemeindewappen abgebildet ist, an diesem Ort gewirkt haben soll. Und drittens: Die Passage zum Aussichtspunkt Risi ist ein wenig abenteuerlich, sie führt durch eine steile Waldflanke mit Bächlein.

Das Wasser des Wannenbrünnelis galt als heilig. Als wir vorbeikamen, floss es allerdings nicht
Das Wasser des Wannenbrünnelis galt als heilig. Als wir vorbeikamen, floss es allerdings nicht
Der Zmittag ist nah. Hinten links über dem Wasser der Etzel
Der Zmittag ist nah. Hinten links über dem Wasser der Etzel

Und dann sind wir am Ziel. Im Restaurant Aberen. Es ist warm genug für den Freiluft-Zmittag. Das Essen von Kürbissuppe über Wienerschnitzel bis Hirschpfeffer mundet. Bleibt etwas Letztes aufzulösen. Der Name der «Spiisbeiz», wie sie sich nennt, geht nicht darauf zurück, dass hier einst ein Querulant von Wirt waltete, der wirklich jeden Satz mit «Aber…» begann. In «Aberen» steckt «aper». Offenbar schmilzt an diesem gut besonnten Platz der Schnee schneller als rundum. Aber soweit ist es ja noch nicht – wir haben erst Herbst.

Anforderung (inklusive die kurze Strecke Aberen-Bahnhof Stäfa nach dem Zmittag): 3,3 km. 408 Meter aufwärts, 414 Meter abwärts. 3 Stunden, 40 Minuten. 110 Meter abwärts und 25 Minuten Gehzeit spart, wer bei Aberen, Haltestelle «Stäfa Frohberg», den Bus nach Stäfa hinab nimmt.

Route: PDF von SchweizMobil

Links: Restaurant Widenbad, Spiisbeiz Aberen

Thomas Widmer, seit kurzem frühpensioniert, war als Reporter bei der «Schweizer Familie» angestellt. Er hat mehrere Wanderbücher verfasst, wohnt im Zollikerberg, wandert zwei Mal pro Woche und sagt: «Man wandert nicht nur durch eine Landschaft. Sondern auch durch die Kultur, die Geschichte, die Politik. Wenns dazu etwas Gutes zu essen gibt: grossartig!»

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