Adrian Michael trifft Vera Heim-Tinnes

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24. November 2023 – Von der unsicheren Schülerin zur Börsenhändlerin, Software-Trainerin und erfolgreichen Unternehmerin: Ein erstaunlicher Werdegang, den Vera Heim-Tinnes vom Zollikerberg hinter sich hat. (1 Kommentar)

24. November 2023 – Von der unsicheren Schülerin zur Börsenhändlerin, Software-Trainerin und erfolgreichen Unternehmerin: Ein erstaunlicher Werdegang, den Vera Heim-Tinnes vom Zollikerberg hinter sich hat.

Vera in der Schule
Konzentriert an einer geometrischen Konstruktion (Fotos: am/zvg)

Im Newsletter ihres Unternehmens schrieb Vera kürzlich: «Ich habe als Kind gelernt, mich gut anzupassen. Ich fürchtete mich davor, meine Meinung zu äussern, weil ich Angst hatte, dass ein Streit entbrennen könnte. Und so schwieg ich oft.»

Vera Tinnes kam im April 1977 zu mir in die 4. Klasse, meine erste Klasse überhaupt. Und genau so, wie sie sich selber Jahrzehnte später beschreibt, habe ich sie in Erinnerung: zurückhaltend, vorsichtig, darauf bedacht, alles richtig zu machen. Gleichzeitig war sie sozial, liebenswürdig und humorvoll – eine angenehme, gute Schülerin.

Es brauchte jedoch nicht viel, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, und dann konnten auch mal Tränen fliessen. Einmal fiel im Schulzimmer, ohne Veras Zutun oder gar Verschulden, ein ausgestopftes Tier zu Boden, ein Hase oder Eichhörnchen, und dabei knickte dem Tier ein Ohr um. Nicht weiter tragisch, andere Kinder nahmen es kaum zur Kenntnis. Aber bei Vera löste der Vorfall Kummer aus, und sie begann zu weinen. Das sei doch schlimm.

Ein andermal kam sie zu mir, nachdem ich Prüfungen zurückgegeben hatte, und sagte fast unter Tränen, sie habe doch eine so gute Note – vielleicht eine 5 oder 5,5 – gar nicht verdient. Ich hatte Mühe, ihr zu erklären, dass sie die Note sehr wohl verdient habe.

Nach der sechsten Klasse ging Vera in die Sekundarschule in Zürich, dann habe ich sie für lange Zeit aus den Augen verloren. Ich hätte mir vorstellen können, dass sie studieren würde, Psychologie oder Germanistik vielleicht, auch als Lehrerin sah ich sie.

Jahre später erzählte mir jemand, dass Vera als Börsenhändlerin für die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS) arbeite. Das hatte ich definitiv nicht auf dem Radar. Auch Veras folgende Stationen verblüfften mich: Software-Trainerin und Helpdesk-Leiterin bei der UBS und hauptverantwortliche Personalentwicklerin des Internetproviders Bluewin mit rund 300 Mitarbeitern.

Ich selber traf Vera erstmals vor gut einem Jahr wieder, und zwar an der Einweihung des neuen Firmensitzes ihrer 2004 gegründeten «The Coaching Company». Es beeindruckte mich, was sie mit ihrem Team aufgebaut hatte. Als ich sie fragte, ob sie einem Porträt für die «ZollikerNews» zustimmen würde, sagte sie sofort zu.

«Da will ich hin!»

Wir treffen uns in ihrem «Seminarhuus» an der Goldbacherstrasse in Küsnacht. Im kleinen Garten können wir uns ungestört unterhalten – ich bin gespannt. Vera beginnt zu erzählen. Nach der Sekundarschule besuchte sie die Diplommittelschule mit dem Ziel, Kindergärtnerin zu werden. Eine etwas zweischneidige Wahl, wie sich zeigen sollte. Sie erinnert sich: «Alle in meinem Umfeld meinten, Kindergärtnerin wäre der ideale Beruf für mich. Aber ich wollte nicht in die Schublade gehen, in die mich alle stecken wollten.» Was nun?

Das Schlüsselerlebnis sollte ein Besuch in der Börse gegen Schluss der Diplommittelschule werden. Die aufbrausenden Emotionen der Händler im Ring und die hektische Atmosphäre faszinierten Vera. Sie fragte sich: «Was muss ich tun, um dort arbeiten zu können? Da will ich hin!». Unterstützt wurde sie von ihrem späteren Ehemann Lorenz Heim, der damals bei einer Bank eine KV-Lehre absolvierte.

Nach dem Besuch einer Handelsschule mit KV-Abschluss arbeitete Vera zunächst bei einer französischen Bank im Backoffice der Wertschriftenabteilung. Ihr erster Arbeitstag 1987 fiel ausgerechnet auf den «Black Monday», jenen Tag, an dem es zum ersten Börsencrash seit dem Zweiten Weltkrieg kam. Da kochten auch im Backoffice die Emotionen hoch. Vera war fasziniert und entschlossen, künftig mitten im Geschehen zu stehen.

500’000 statt 50’000 Franken

Von jetzt an suchte sie gezielt eine Stelle, wo sie direkt mit der Börse zu tun haben würde. Sie bewarb sich bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) für das zweijährige FINA-Praktikum für den Finanz-Nachwuchs, erhielt die Stelle und arbeitete zunächst im Telefonhandel. Später war sie Assistentin am Ring, als eine von nur wenigen Frauen in einem von Männern dominierten Bereich.

Am Anfang klappte nicht immer alles reibungslos. Einmal kaufte sie versehentlich Papiere im Wert von 500’000 statt 50’000 Franken. Das ging der frischgebackenen Praktikantin ziemlich unter die Haut. Zum Glück konnte sie den «Überschuss» später mit Gewinn verkaufen und überstand so ihre Feuertaufe im Handel gut.

Vera blieb mehr als vier Jahre an der Börse. Mit der Einführung der Elektronischen Börse witterte sie die Chance, sich unter ihren männlichen Kollegen besser durchsetzen zu können. Ihre Überlegung ging auf. Als eine der ersten lizenzierten Börsenhändlerinnen in der Schweiz erarbeitete sie sich im elektronischen Bereich schnell einen Wissensvorsprung und wurde auch von altgedienten Börsianern immer wieder um Auskunft gebeten. Dies machte ihr Spass, und sie erkannte, dass ihr die Wissensvermittlung lag.

«Ich bin ein Ausbildungs-Junkie»

Ein Autounfall mit Schleudertrauma warf Vera dann für ein Jahr aus der Bahn. Plötzlich stand sie vor der Frage, wie sie sich beruflich weiter entwickeln wollte. Durch ein Buch, das ihr Lorenz eines Tages mitbrachte, wurde sie auf die Technik des NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) aufmerksam. Ein Coaching- und Kommunikations-Modell, das sich mit psychischen und emotionalen Abläufen des Menschen beschäftigt und persönliche Veränderungsprozesse unterstützt. 

Da sie auch im Börsenhandel den enormen Stellenwert von Emotionen und Kommunikation kennengelernt hatte, interessierte sie das Thema. Sie besuchte ein NLP-Einführungs-Seminar. Fasziniert folgte sie dem Unterricht, und plötzlich tauchte wieder die Frage auf, die schon einmal ihr Leben verändert hatte: «Was muss ich tun, um auch solche Seminare geben zu können?»

Damit begann eine intensive Ausbildung bis zur NLP-Lehrtrainerin und Erwachsenenbildnern mit eidgenössischem Fachausweis. Es sollte eine von zahlreichen weiteren sein, bezeichnet sich Vera doch als «Ausbildungs-Junkie».

Gewaltfreie Kommunikation

Nun ging es aufwärts mit der Karriere: Für das amerikanische Unternehmen Dow Jones Telerate, das Marktteilnehmern Finanzdaten zur Verfügung stellte, erteilte sie Bankfachleuten Unterricht in Finanz-Informationssystemen und konnte dabei ihre Börsenerfahrung mit ihren neu gewonnenen methodischen Fähigkeiten verknüpfen. Veras Kurse waren gefragt. Zurück bei der Bankgesellschaft, die nun UBS hiess, wurde sie Software-Trainerin und Helpdesk-Leiterin, im Sommer 2000 hauptverantwortliche Personalentwicklerin des grössten Schweizer Internetproviders Bluewin mit rund 300 Mitarbeitern.

In der NLP-Ausbildung lernte Vera auch das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg kennen. Das Konzept hat das Ziel, «menschliche Beziehungen in einer Weise zu entwickeln, dass die Betroffenen spontan und gerne zum gegenseitigen Wohlergehen beitragen». Vera war beeindruckt – und entschloss sich, die GFK von Grund auf zu lernen und später Teil von Rosenbergs Trainerstab zu werden.

«Firmengründung nach Karriereknick»

Zum Karriereknick kam es, als die Swisscom im Jahr 2003 darauf verzichtete, Bluewin an die Börse zu bringen. Veras Team wurde verkleinert. Zuerst reduzierte sie ihr Pensum und schrieb mit ihrer Trainerkollegin Ingrid Holler ihr erstes Buch «KonfliktKiste». Später sollten noch drei weitere Bücher zum Thema Gewaltfreie Kommunikation in der Führung und im Berufskontext folgen.

2004 gründete sie «The Coaching Company», eine Ausbildungsstätte für Einzel- und Teamcoaching, Führungs- und Unternehmens-Entwicklung und Seminare in gewaltfreier Kommunikation. 2007 stiess ihre Freundin und ehemalige Bluewin-Arbeitskollegin Susanne Ledergerber dazu. Unterstützt werden die beiden Frauen heute durch zwei Mitarbeiterinnen für Administration und Buchhaltung. Das fühle sich fast wie ein Familienbetrieb an, stellt Vera zufrieden fest.

Als grösste Herausforderung für sie als Unternehmerin bezeichnet sie ihr eigenes Ressourcen-Management. «Als Selbständige arbeite ich eben selbst und ständig. Und wenn ich an den Wochenenden ein Seminar gebe, geht es montags meist ohne Unterbruch weiter.» Ihre Kurse auch online anzubieten, sei sehr lern- und investitionsintensiv und bringe neben ihrer eigentlichen Tätigkeit als Trainerin und Coach einen grossen Zeitaufwand mit sich.

Für Vera ist es eine Herzensangelegenheit, Menschen zu befähigen, miteinander in Kontakt zu kommen beziehungsweise zu bleiben und für eigene Bedürfnisse einzugestehen. Sie selber hat ihre Bedürfnisse schon nach der Diplommittelschule wahrgenommen und ist ihnen konsequent gefolgt. Wie man heute sehen kann, erfolgreich.»

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