Beugi-Projekt vor entscheidender Weichenstellung

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24. Februar 2022 – Die «Initiative Widmer» wird wahrscheinlich nicht wie geplant umgesetzt. Die Hürden sind offensichtlich zu hoch. Zwischen der Gemeinde und den Genossenschaften bahnt sich ein Kompromiss an: 50 gemeinnützige Wohnungen auf einem anderen Grundstück der Gemeinde – und ein neues Konzept für das Dorfzentrum.

Visualisierung neuer Dorfplatz vor Trube
So war es geplant (Visualisierung: Gemeinde)

Die Gemeinde und die Initianten haben keinen gemeinsamen Weg gefunden, um das «Projekt Dorfzentrum / Beugi-Areal» zu realisieren. In ihrer Arbeitsgruppe sind sie übereingekommen, das Projekt zu sistieren und nach Alternativen zur Umsetzung der «Inititative Widmer» zu suchen.

Die Bevölkerung hatte der Initiative im Jahr 2018 zugestimmt und den Vorschlag der Gemeinde verworfen. Diese wollte auf dem 6300 m2 umfassenden Beugi-Areal einen weiteren Grossverteiler ansiedeln und die Ausführung des Projekts einer Zürcher Genossenschaft übergeben. Die Bevölkerung entschied in einer denkwürdigen Abstimmung, stattdessen die Zolliker Genossen­schaften mit dem Bau von 50 gemeinnützigen Wohnungen und der Gestaltung eines lebhaften Dorfzentrums ohne Grossverteiler zu beauftragen.

Karge Mitteilung

In der Arbeitsgruppe waren die Gemeinde, die Genossenschaften, ein Vertreter aus der Bevölkerung und zwei externe Experten vertreten. Nach langer Funkstille meldete sich die Gemeinde letztmals im September 2016 mit folgender Mitteilung: Mit dem Start-Workshop zur Areals­enwicklung habe man einen «wichtigen Meilenstein» gesetzt, man habe in einem «konstruktiven Miteinander» Erfolgsfaktoren und Risiken diskutiert. Dabei habe man «eine neue Vertrauensbasis gelegt».

Im Ergebnis sah das so aus: Die Projektgruppe löste sich im Spätsommer 2021 auf. Die beiden externen Experten und Co-Projektleiter Felix Fuchs und Peter Imhof wurden recht unsanft ausgeladen.

Ein zentrales Problem jedoch blieb: Die Umzonung des Beugi-Areals von der Zentrumszone für öffentliche Bauten in die Bauzone hätte den Wert der Liegenschaft um 20 bis 30 Millionen Franken erhöht. Davon hätte man dem Kanton 3 bis 6 Millionen Franken an Steuern abliefern müssen. Wer hätte das bezahlt? Die Gemeinde? Die Genossenschaften? «Uns hätte dieser Betrag die ganze Kostenkalkulation über den Haufen geworfen», sagt Widmer.

Erschwerend sei hinzugekommen, dass die Gemeinde immer neue Ansprüche für Schulräumlich­keiten gestellt habe. Statt 48 Wohnungen hätte man nur noch 32 bauen können – für die Genossenschaften hätte sich das nicht mehr gerechnet.

Liste mit alternativen Standorten

Letztlich entschied die Gemeinde, das Beugi-Areal im öffentlich-rechtlichen Besitz zu belassen und nicht in Bauland umzuzonen. Allerdings muss der Gemeinderat auch den Auftrag umsetzen, den er von der Bevölkerung an der Urne erhalten hat. Die Gespräche drehten sich nun darum, für die 50 gemeinnützigen Wohnungen einen alternativen Standort zu finden und dem Dorfzentrum trotzdem neues Leben einzuhauchen.

Sascha Ullmann habe eine Liste präsentiert, sagt Widmer. Darauf war unter anderem auch das zentral gelegene Geviert Binzstrasse – In der Deisten – Roswiesstrasse – Wilfhofstrasse im Zollikerberg aufgeführt. Das Grundstück, auf dem eine Scheune steht, gehört der Gemeinde (siehe Video ganz unten).

Was nun noch fehlt, ist die Besiegelung der im kleinen Kreis getroffenen Übereinkunft. Zumindest müssen die Vorstände der Genossenschaften konsultiert werden, möglicherweise auch die GenossenschafterInnen, denn in ihrem Namen ist die «Initiative Widmer» eingereicht worden. In den nächsten Tagen soll das geschehen. Die Gemeinde will die Bevölkerung zeitnah informieren.

Ein neues Gemeindehaus?

Was aber geschieht mit der Beugi? Das ehemalige Alters- und Pflegezentrum wird von der ETH seit Jahren als Studentenwohnheim genutzt. Die Genossenschaften brachten in der Arbeitsgruppe die Idee ein, auf dem Areal ein neues Gemeindehaus zu bauen und der Schule den dringend benötigten zusätzlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Mit der Ansiedlung von Geschäften müsse zudem sichergestellt werden, dass das Zentrum, wie von der Bevölkerung gewünscht, belebt werde, sagt Widmer. Das bestehende Gemeindehaus ist in die Jahre gekommen. Seit 20 Jahren werden Pläne gewälzt, um es behindertengerecht umzubauen und den feuerpolizeilichen Vorschriften anzupassen.

«Wir sind sehr enttäuscht, dass es offensichtlich nicht möglich ist, unsere Pläne im Dorfzentrum zu verwirklichen», sagt Widmer. Eines sei klar: «Wir Genossenschaften geben das Projekt Beugi nur auf, wenn wir von der Gemeinde adäquaten Ersatz für den Bau gemeinnütziger Wohnungen bekommen.»

Gemeindepräsident Sascha Ullmann gab gestern folgendes Statement ab: «Wir haben mit den Vertretern der Genossenschaften vereinbart, dass wir Mitte März gemeinsam über das weitere Vorgehen informieren, wenn die Vorstände diskutiert und entschieden haben.» (rs)

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KOMMENTAR

Die Chance nutzen

Ist das nun ein Ende mit Schrecken? Muss man bedauern, dass auf dem Beugi-Areal ziemlich sicher keine gemeinnützigen Wohnungen entstehen, dass die «Initiative Widmer» nicht so umgesetzt wird, wie 2018 an der Urne beschlossen?

Sagen wir es so: Zollikon steht am Ende eines quälend langen Prozesses, der 2007 an der «Zukunftskonferenz» begonnen hatte. Die Bevölkerung äusserte damals den Wunsch nach einem lebendigeren Dorfzentrum. Die Gemeinde entwarf ein Projekt, die Bevölkerung lehnte es ab. Dann grub sich der Karren immer tiefer in den Dreck.

Womöglich gelingt jetzt ein Befreiungsschlag. «Zurück zum Start» kann auch eine Chance sein. Am Ende steht vielleicht eine win-win-Situation: Die Zolliker Genossenschaften können die dringend benötigten Wohnungen zu vertretbaren Kosten bauen. Und auf dem zentral gelegenen Beugi-Areal entsteht etwas Neues, Schönes, Gemeinsames, Lebendiges. Es wäre der Bevölkerung zu gönnen. Wir sollten diese Chance nutzen.

René Staubli

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Genossenschaftswohnungen sind in Zollikon willkommen. Sie gehören aber nicht auf den Dorfplatz, u.a. wegen den Schwierigkeiten die sich jetzt bewahrheitet haben. Das vom Gemeinderat ursprünglich geplante Projekt wäre die Lösung gewesen für Zollikon, nämlich eine gemischte Nutzung mit Wohnungen und Einkaufsmöglichkeiten. Nun geht es zurück auf Feld eins. Der Gemeinderat muss dazu endlich ein Liegenschaftenkonzept für die ganze Gemeinde vorlegen, das seinen Namen verdient.

Lieber Herr Byland
das ursprüngliche Projekt der Gemeinde war nicht mehrheitsfähig, u.a. weil die Gemeinde hauptsächlich zu mehr Verkehr zum Coop-Einkauf gekommen wäre und die Läden am Dorfplatz das Nachsehen gehabt hätten.

Kann gut sein, dass diese neue Idee eine Chance für ein belebtes Zolliker Dorfzentrum ist. Es könnte aber auch eine Chance sein, im Zollikerberg die Rosengarten-Kreuzung fussgängerfreundlich zu gestalten und auch hier ein belebtes Zentrum zu schaffen. Dies setzt aber eine Verkehrsplanung voraus, die die starke Zunahme des Durchgangsverkehrs, die Führung der Buslinie nach Ebmatingen, die geplanten Forchbahn-Barrieren und den Schutz der Schulkinder mit einbezieht. Sonst entsteht auf der Roswies nur ein Flicken mehr im Flickwerk, das man dem Zollikerberg schon seit Jahrzehnten zumutet.

Insgesamt wirft diese Episode der leidigen Beugi-Geschichte halt schon einige Frage- oder besser Ausrufezeichen auf.

Es ist völlig unerklärlich, warum die Wertsteigerung des Grundstücks mit der Initiative Widmer ein Problem wäre und beim ursprünglichen Vorschlag des Gemeinderates nicht. Nach meinem Verständnis hätte diese Umzonung des Grundstücks beim ursprünglichen Projekt genauso vorgenommen werden müssen, ebenso wie sie wohl auch bei den alternativen Standorten vorgenommen werden müsste.

Vom Raumbedarf für die Schule, falls das stimmt, hat früher auch noch niemand gesprochen. 

Ich erwarte vom jetzigen und vom zukünftigen Gemeinderat, dass er seine Aufträge erfüllt und umsetzt. Alternative Ideen dürfen sehr gerne besprochen werden, dabei soll aber Ersteres nicht aus den Augen verloren werden. 

Die Aussage von Herrn Widmer „ dass die Gemeinde immer neue Ansprüche für Schulräumlich­keiten gestellt habe“ ist doch sehr interessant, weil ich als Schulpräsidentin und Gemeinderätin nichts davon weiss. Wir nutzen momentan einen Teil der Beugi-Räumlichkeiten für die Mittagsbetreuung, das ist richtig, aber es ist nicht das Ziel der Schule, eine permanente Dependance abseits des Schulperimeters zu etablieren. Es gibt auf dem Schulareal genug Platz, um die jahrelange Vision der Schulpflege, die Kindergärten und die Musikschule analog dem Zollikerberg auf das Areal zu holen, umzusetzen und dabei gleichzeitig die Betreuungsräumlichkeiten zu erweitern.

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