«Das ADHS ist mein Supertalent»

0 KOMMENTARE

28. September 2026 – Den Auftakt zur sechsten «Talk am Puls»-Saison macht Meta Hiltebrand, die prominente 43-jährige Spitzenköchin und Gastrounternehmerin. Der Paradiesvogel mit den rüebliroten Haaren ist wild, unkompliziert und auch in persönlichen Dingen sehr offen.

Meta Hiltebrand (Illustration: Willi Spirig)
Meta Hiltebrand (Illustration: Willi Spirig)

Kein einziger Tag ist bei mir gleich wie der andere. Es wiederholt sich nichts, was mein Leben extrem aufregend macht. Selbst wenn ich zweimal nacheinander ein Catering habe, verlaufen die Tage unterschiedlich. Verschiedene Kunden, andere Location, neues Menu. Manchmal habe ich schon etwas im Tiefkühlschrank, oft muss ich das meiste frisch machen. Es ist alles sehr lebendig, vor allem, wenn man mir dann auch noch überraschende Termine reinjagt. Passiert ständig.

Ich habe ja ein hochgradiges ADHS, was für mich allerdings kein Problem ist, im Gegenteil, ich nenne es mein Supertalent, das mir erlaubt, Tag für Tag non-stop bis spät in die Nacht zu arbeiten. Aktuell habe ich 21 Tage ohne jede Pause durchgearbeitet. Gestern Nacht bin ich gegen 24 Uhr nach Hause gekommen und wollte noch etwas essen und eine Einkaufsliste für den folgenden Tag schreiben. Da bin ich eingeschlafen, etwas, was mir sonst nie passiert. Die Folge? Heute morgen um 5 Uhr bin ich schweissgebadet aufgewacht, weil mein Unterbewusstsein mir mitgeteilt hat: «Meta, die Liste fehlt!» Und das, obwohl mein freier Tag wäre. Freier Tag heisst: Bis jetzt habe ich drei einstündige Online-Calls absolviert.

An sogenannten Durchschnittstagen versuche ich spätestens um 10 Uhr aufzustehen. Ich bin ein Nachtmensch und komme nach einem Catering bei einem Kundenevent häufig erst um 3 Uhr ins Bett. Wenn ich am nächsten Tag um 8 Uhr aufstehen müsste, wäre ich einfach nur rumpelsurrig. Drum wird es 10 Uhr. Dann gibt es einen Kaffee, ziemlich italienisch, stark und kurz. Gleichzeitig kuschele ich mit meiner Katze. Diese Minuten der Ruhe müssen sein. Wichtige Termine schiebe ich, wenn immer möglich, auf den Nachmittag. Anschliessend schminke ich mich und mache mich parat, wobei ich oft gleichzeitig die ersten Telefonate beantworte. Multitasking. Merkt niemand. Nachher gehe ich meistens einkaufen oder hole Ware ab, die ich vorbestellt habe.

In der Regel bereite ich ein Catering oder ein Festessen am Tag vorher vor. Safety first! Man weiss ja nie, ob man all die Ware, die man braucht, auch wirklich bekommt. Dazu kann die Produktion eines neuen Fünf Gang-Menus plötzlich länger dauern als erwartet. Ausserdem brauchen viele Speisen eine gewisse Zeit, bis sie perfekt sind. Eine Pannacotta muss eine Nacht lang durchkühlen; Fleisch, das ich mariniere, hat erst nach 24 Stunden die tolle Qualität, die ich mir vorstelle. Ich koche selten ein Menu zweimal, geschweige denn dreimal. Das ist mir zu blöd – was auch eine Folge meines ADHS ist.

Mitunter unterbricht ein Online-Call oder sogar ein längeres Meeting so einen Kochnachmittag. Da kann es passieren, dass ich mich kurz ausklinke, weil ich etwas aus dem Backofen holen muss. Das klappt gut, routiniert wie ich bin. Viel Zeit beansprucht auch meine Social Media-Präsenz. Dann ist die Zeit, die ich fürs Kochen habe, entsprechend eingeschränkt. Manchmal aber gibt es Tage, da kann ich wirklich einmal gemütlich kochen, kochen, kochen. Grossartig.

Am nächsten Tag sieht es schon wieder anders aus. Ein Kunde, sagen wir jemand aus der Backbranche, braucht für das Archiv auf seiner Website fünf neue Rezepte. Gemeinsam mit Silvia, meiner engsten Mitarbeiterin, entwickele ich die Rezepte, wir passen sie den spezifischen Bedürfnissen des Kunden an, die Fotografin fotografiert sie und Silvia schreibt sie ins Reine, denn bei der Büroarbeit habe ich – Stichwort ADHS – natürlich ein Defizit. Am liebsten würde ich jemanden für’s Büro einstellen. Erste Versuche sind allerdings fehlgeschlagen. Fast niemand kann sich in meinen chaotischen Alltag hineinversetzen und mir dann sinnvoll zur Hand gehen. Dazu bin ich ein furchtbarer Kontrollfreak und kann schlecht loslassen. Ein schlechter Chef, man kann es nicht anders nennen.

Selber komme ich nur unregelmässig zum Essen. Das hat verschiedene Gründe: zum Einen bin ich ständig auf Achse und stehe unter Strom. Dazu gibt es in meinem Beruf immer irgendetwas zu essen, egal, ob ich an einem Fotoshooting bin oder einen Social Media-Tag habe. Ich muss gezwungenermassen probieren, hier ein Rüebli, da zwei, drei Löffel Risotto, dort ein wenig Tiramisu. So habe ich selten Hunger, obwohl ich keine einzige ganze Mahlzeit zu mir nehme. Erst spätabends, wenn ich nach Hause komme, meldet sich der Hunger. Die Arbeit ist getan, das Adrenalin ist weg, und ich sitze entspannt auf dem Sofa. Das ist natürlich total schlecht für die Gesundheit, dessen bin ich mir bewusst. Aber es geht nicht anders. Richtig schlimm wird es, wenn es – wie meistens – nichts bei mir zuhause zum Essen gibt. Dann esse ich halt mal einen Burger oder gönne mir nachts um 2 Uhr meine Lieblingsmahlzeit: ein Töpfchen Mikrowellen-Fondue mit altem Brot. Das esse ich vor dem Fernseher und gehe anschliessend ins Bett. Das darf man schon fast nicht sagen. Ich weiss.» (aufgezeichnet von Barbara Lukesch)

«Talk am Puls»: Donnerstag, 1.Oktober. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Der Eintritt ist frei. Gastgeber im Café am Puls ist Pfarrer Simon Gebs.

………………..

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen:

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

12 + eins =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht