Das Tablet der Römer war ausgesprochen elegant
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Thomas Widmer: «Eine tolle Frühlingswanderung führt uns über den Randen, den Schaffhauser Jura. Am Start in Schleitheim gibts eine Überraschung: die Reste einer römischen Kleinstadt. Hier zeigt sich: Die hatten damals technisch ganz schön was drauf.»
VON THOMAS WIDMER
Verrückt, wie abgelegen Schleitheim («Schlaate») liegt. Und wie es sich den benachbarten geografischen Gebilden verweigert: Weder gehört es zur weiten Fläche des Klettgaus, den wir auf der Anfahrt im Bus ab Schaffhausen durchqueren. Noch ist es Teil des Randen, der Schaffhauser Jura-Hochfläche, an die es ebenso grenzt wie an deutsches Territorium. Schleitheim ist Schleitheim, es genügt sich selber. Seine Randständigkeit und Eigenart fasziniert mich immer wieder.
Diesmal bin ich mit Freund Raini unterwegs, wir steigen schon am Dorfrand aus bei der Haltestelle «Iuliomagus». Der lateinische Name deutet an, dass hier einst die alten Römer siedelten. Und die alten Römerinnen. An einer wichtigen Fernverbindung bauten sie eine Kleinstadt auf mit einem grossen Bad, einem Tempelbezirk, einer zentralen Marktstrasse.
Wir folgen dem braunen Wegweiser durch die Gewerbezone, langen schnell beim ersten von zwei Ausstellungsorten an. Im Untergeschoss eines Gewerbegebäudes dokumentieren Mauerreste die antike Marktstrasse. Kleinere Dinge werden in Vitrinen gezeigt, grosse Tonkrüge stehen auch im Raum.
250 Meter entfernt schützt der Pavillon des «Thermenmuseums Iuliomagus» die Überbleibsel der römischen Therme, des Gemeinschaftsbades, das ziemlich gross war. Und beheizt. Hier säuberte man sich nicht nur, man klatschte auch, was das Zeug hielt. Spielte Spiele. War es draussen kühl, wars drinnen gemütlich warm.

Eine gute halbe Stunde, nachdem wir aus dem Bus stiegen, haben wir uns sattgesehen. Nun wird gewandert. Zuallererst durchqueren wir Schleitheim, nehmen das alte Stationsgebäude zur Kenntnis, das davon zeugt, dass früher eine Strassenbahn von Schaffhausen nach Schleitheim verkehrte.



Am anderen Ende des Dorfes drehen wir nach Südosten, erobern uns im Aufstieg freies Gelände, steigen auf ein Wiesenplateau mit einem Wasserreservoir. Und erkennen allmählich, wie apart die Gegend ist mit den Hügelkämmen, die wie vom Lineal gezogen scheinen.
Nachdem wir den Strickhof, ein riesiges Gehöft, hinter uns haben, beginnt der schweisstreibende Aufstieg zum Schleitheimer Randenturm, den wir schon von weitem gesehen haben. Raini ist fitter als ich und ist mir die nächsten dreissig Minuten immer ein paar Gehminuten voraus. Auch gut, mal zu schweigen. Im Wald, in dem dieser Abschnitt verläuft, überzieht Bärlauch wie ein grüner Teppich den Boden. Noch ist er jung und stinkt nicht.

Was uns weniger gefällt: Hier haben Forstarbeiter gewütet. Tiefe, verschlammte Reifenspuren im breiten Weg, zersplitterte Äste – das wirkt, als hätte ein Riese einen Wutanfall erlitten. Während wir uns noch nerven, endet auch diese Passage. Und bald erreichen wir auf 896 Metern über Meer beim Schleitheimer Randenturm den höchsten Punkt unserer Route.
Hier ist ganz schön etwas zu sehen. Wir besichtigen als erstes die Burgruine. Und besteigen dann den Turm. 100 Stufen führen auf die Plattform des Stahlfachwerkbaus, oben, 20 Meter über Grund, ist die Rundsicht perfekt. Auf der einen Seite sehe ich den nahen Lange-Rande-Kamm. Und auf der anderen in der Tiefe Beggingen, das noch entrückter liegt als das benachbarte Schleitheim.

Kleine Anregung für den örtlichen Tourismus. St. Antönien im Prättigau wirbt für sich mit dem Slogan «Hinter dem Mond links». Beggingen, wo der Bus wendet und die grosse Strasse endet, könnte sich selber anpreisen mit: «Wir sind das Allerletzte». Oder: «Die sexy Sackgasse». Beides natürlich mit Stolz gesagt.
Bei der nahen Hütte mit der Waldwirtschaft – sie ist noch zu – setzen wir uns aufs windgeschützte Bänkli. Und trinken etwas. Raini packt einen Proteinriegel aus, den er sich gesundheitshalber gekauft hat. Der schmecke überhaupt nicht, sagt er. Grauslig sei er. Ich geniesse derweil meinen allerliebsten Schoggiriegel seit Kindheitstagen, ein Chokito. Raini ist klar neidisch.
Die folgende Stunde oder knappe Stunde fällt uns das Wandern leicht, das bewaldete Gewälde ist sanft gewellt, mal geht es leicht aufwärts, mal leicht abwärts, mal auch geradeaus. Die Mittagssonne blendet uns, wir erleiden beide eine schwere Euphorie, fühlen uns vom Licht halb betrunken.
Dann das «Siblinger Randenhaus» beim Randenhof. Hier bin ich in den letzten 20 Jahren sicher zehn Mal eingekehrt und habe nie etwas Schlechtes gegessen. Auch nie etwas normal Gutes. Immer war das Essen ausgezeichnet. Herr und Frau Tappolet, wie das Wirtepaar heisst, könnens einfach.
Diesmal gibts Saiblingsfilets mit Bärlauchstreifen und Weissweinrisotto. Wieder hervorragend, bei Tappolets essen macht glücklich. Das Lokal auf dem Randenplateau ist das einzige, viele Leute reisen mit dem Auto aus dem Grossraum Schaffhausen an – unbedingt reservieren!

Drei Stunden hat die Wanderung gedauert, eine vierte bleibt uns noch. Vorerst verweilen wir auf dem Plateau. Blinzeln in die Sonne. Lieben die Leberblüemli, die wie der Bärlauch den Frühling bekunden. Passieren gigantisch dimensionierte Wiesenflächen und versuchen am Horizont den Alpenkranz auszumachen, doch dafür ist es zu diesig.


Dann geht es abwärts mit uns. Als wir in einem schmalen Taleinschnitt Hemmental vor Augen haben, wird der Weg kurz mal steil und schmal. Und dann sind wir auch schon unten im Dorf, das 2008 in die Stadt Schaffhausen eingemeindet wurde und doch ganz eigenständig wirkt.
Raini besteht darauf, dass wir die 25 Minuten, die uns bleiben, bis der Bus zum Bahnhof Schaffhausen fährt, nicht einfach beim Dorfbrunnen vertrödeln. Stattdessen steigen wir zur nahen reformierten Kirche hinauf. Drinnen staunen wir: Ein Doppelfresko stammt noch aus der Zeit vor der Reformation und zeigt in zwei Szenen den heiligen Nikolaus.
Die Szene rechts: Das ist Nikolaus auf dem Totenbett. Die Szene links ist pures Drama. Drei Jünglinge, die Hände gefesselt, die Augen verbunden, müssen sterben. Bereits hat der Scharfrichter das Schwert zum Streich erhoben – da greift ihm Nikolaus in die Klinge. Die Geschichte endet gut, die Jünglinge, zu Unrecht verurteilt, werden gerettet und rehabilitiert. Es ist eine von vielen Legenden, die von den Wundertaten und der Wohltätigkeit jenes Mannes erzählen, den wir als «Samichlaus» kennen.

Auf der Heimfahrt sind Raini und ich uns einig: Wir haben enorm viel gesehen und erlebt und haben gut gegessen. Was wird uns am meisten bleiben? Raini sagt, es sei die kirchliche Kunst, der heilige Nikolaus als Rettergestalt. Ich wiederum tendiere zu einem Eindruck vom Beginn der Wanderung. In Schleitheim-Iuliomagus waren in einer Vitrine vor Ort ausgegrabene stili zu sehen.
Der stilus, so die Einzahl, war ein Griffel, im französischen Wort stylo lebt das Wort bis heute fort. Am einen Ende war der Griffel zugespitzt, lief am anderen Ende in einer Art Minispatel aus, mit dem spitzen Ende schrieb man, mit dem flachen löschte man bei Bedarf das Geschriebene. Oder glättete es, den der stilus war mit einem Wachstäfelchen kombiniert; dasjenige in der Schleitheimer Vitrine ist eine Neuanfertigung aus unserer Gegenwart.
Stilus und Täfelchen wirken als Ensemble elegant und anmächelig, man hat grad Lust, mit ihnen eine Liste für den nächsten Einkauf aufzustellen. So nebenbei habe ich vor der Vitrine auch dies gedacht: Das Tablet ist keine Erfindung unserer Neuzeit. Bereits die alten Römerinnen und alten Römer kannten es.

Anforderung: 13,9 km, 534 Meter aufwärts, 428 Meter abwärts. 4 Stunden.
Links: Das Thermenmuseum; Waldwirtschaft beim Schleitheimer Randenturm; Restaurant Randenhaus
Route: PDF von SchweizMobil

Thomas Widmer wohnt im Zollikerberg, ist Reporter bei der «Schweizer Familie» und hat mehrere Wanderbücher verfasst. Er wandert zwei Mal pro Woche und sagt: «Man wandert nicht nur durch eine Landschaft. Sondern auch durch die Kultur, die Geschichte, die Politik. Wenns dazu etwas Gutes zu essen gibt: grossartig!»