Der schmelzende Riese

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30. September 2026 – In der Schweiz gibt es ein paar Orte, die man einmal im Leben gesehen haben muss: das Matterhorn, den Rheinfall, die Rheinschlucht sowie ein paar putzige Altstädte. Und den Aletschgletscher. Ihn hat Adrian Michael im Sommer besucht.

Blick durchs Visier: very instagrammable indeed (Fotos: Adrian Michael)
Blick durchs Visier: very instagrammable indeed (Fotos: Adrian Michael)

VON ADRIAN MICHAEL

Vom Walliser Dorf Fiesch bringt mich ein Sesselift in zehn Minuten auf die Fiescheralp, einem von drei Zugangsorten zum Skigebiet Aletsch Arena. Hübsche Restaurants mit Sonnenterrassen gibt es da, ein paar Hotels, einen kleinen Kinderspielplatz. Nett.

Mit einer Gondelbahn komme ich an den Fuss des knapp 3000 Meter hohen Eggishorns. Schon gleich nach dem Aussteigen ein erster «Wow!»-Effekt: Die Berge! Die Aussicht! Der Gletscher!

Der belebte Platz vor der Bergstation ist hingegen, so toll er auch liegt, etwas weniger beeindruckend. Zahlreiche Tafeln informieren über dieses Unesco-Welterbe und die umliegende Bergwelt; auch einen «Kraftort» mit Anleitungen für Übungen, wie man sein Wohlbefinden in der hehren Alpenwelt aufpeppen kann, gibt es. Am roten «Grand Tour Switzerland»-Rahmen hampelt eine Handvoll junger Touristen in mehr oder weniger gelungenen Verrenkungen herum – very instagrammable indeed, so mit dem Gletscher im Hintergrund. Das kleine Bergrestaurant Horli-Hitta bietet unter anderem Hüttenfondue und Käseschnitten an, mehrere Aussichtsplattformen sind mit Fernrohr und Liegesesseln ausgerüstet.

Beeindruckend hingegen der Reigen der Viertausender, die von hier zu sehen sind: Monte Rosa, Matterhorn, Weisshorn, Mont Blanc, Finsteraarhorn sowie wie das Alpentryptichon Eiger, Mönch und Jungfrau.

Da die freie Sicht auf den sich im Tal hinziehenden Gletscher durch die Flanke des Eggishorns eingeschränkt ist, mache ich mich auf den Weg zu dessen Gipfel; in 20 Minuten sei man dort, weiss ein Wegweiser. Hier sind weniger Leute anzutreffen, die meisten begnügen sich mit dem Rummelplatz bei der Bergstation. Der schmale Pfad ist gut zu gehen, auch wenn es im letzten Abschnitt gar stotzig über grosse Festblöcke aufwärts geht. Gut habe ich mich mit Wanderschuhen bewehrt; schicke Sneakers sind hier suboptimal, wie ein paar Üsserschwyzer und Grüezini unsicher balancierend darlegen. Zuoberst thront, festgemauert in der Erden, natürlich ein Gipfelkreuz.

Und dann geniesse ich ungestört den weiten, überwältigenden Blick über den eisigen Strom etwa 900 Meter tiefer. Mit seiner Länge von gut 20 Kilometern und einer Oberfläche von rund 78 Quadratkilometern ist er der grösste Gletscher der Alpen. In einem weiten Bogen zieht sich der gewaltige zerfurchte Riese mit seinen charakteristischen dunklen Mittelmoränen durch das Tal. Am Konkordiaplatz im Hintergrund vereinigen sich mehrere kleinere Gletscher zum Grossen Aletschgletscher. Das Eis reiche dort rund 800 Meter in die Tiefe, erfahre ich später.

Heute enthält der Gletscher noch rund 13,5 Milliarden Tonnen Eis – das entspricht dem Gewicht von etwa 36 Millionen voll beladener Jumbo-Jets. Würde der gesamte Gletscher schmelzen, ergäbe dies rund 13,5 Billionen Liter Wasser. Damit könnte die Weltbevölkerung von rund 8,2 Milliarden Menschen etwa viereinhalb Jahre lang täglich mit einem Liter Wasser pro Person versorgt werden.

Überwältigender Eisstrom
Überwältigender Eisstrom

Aber so eindrücklich der eisige Strom auch aussieht: Was wir heute sehen, ist eine Ruine. Der Aletschgletscher hat in den letzten 100 Jahren rund die Hälfte seines Eisvolumens verloren, etwa 12 bis 15 km³. Kubikkilometer! Betrug um 1900 das Eisvolumen noch etwa 26 bis 27 km³, sind heute nur noch ungefähr 13 bis 14 km³ vorhanden. Mit der verlorenen Menge Wasser könnte man den Zürichsee fast viermal füllen.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in jüngster Zeit: Seit dem Jahr 2000 hat der Aletschgletscher nahezu 40 Prozent seines damaligen Volumens verloren. Die Schmelze hat sich also stark beschleunigt.  Nicht zum ersten Mal betrachte ich deshalb einen Gletscher mit gemischten Gefühlen. Später lese ich in einem Prospekt:

«Mit seiner immer noch eindrucksvollen Grösse ist der Aletschgletscher zu einem Symbol geworden – für die Schönheit der Hochgebirgslandschaft ebenso wie für ihre Verletzlichkeit. Seine gewaltige Dimension, die stille Kraft des langsam fliessenden Eises und die umgebenden Viertausender verleihen ihm eine Ausstrahlung, die Ehrfurcht weckt. Der Aletschgletscher ist weit mehr als ein Gletscher – er ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Erdgeschichte und ein Mahnmal dafür, wie eng die Zukunft dieser einzigartigen Landschaft mit dem Klima unseres Planeten verbunden ist.»

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