Der Schmugglerpfad zur Sesvenna
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Edwin van der Geest: «1910 wurde ein Pfad durch die fast unüberwindbare Schlucht am Ende des Uina-Tals im Unterengadin geschlagen. Mich reizte der abwechslungsreiche Weg via Schlinigpass durch das wildromantische Sesvennatal nach S-charl.»

VON EDWIN VAN DER GEEST
Ich bin alleine im Postauto, das mich um 6.30 von Scuol nach Sent Sur-En bringt. Der Wetterradar droht mit heftigen Gewittern für diesen Juli-Nachmittag, entsprechend früh und speedy mache ich mich auf die Socken. Ein gut ausgebauter Forstweg führt durch die Talenge bis zur Alp Uina Dadaint auf 1800 m. Das ist zwar für Berggänger etwas langweilig, dafür aber schnell. Mit dem E-Bike wäre das toll, denke ich, aber dann muss man natürlich auf demselben Weg zurück. Das laute Rauschen des viel Wasser führenden Bachs entschädigt indessen für vieles.

Die Alp ist gleichzeitig eine Besenbeiz, aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Ich freue mich, dass der Forstweg nun zum Pfad wird und sich das Tal öffnet. Bald sehe ich die Wände und die Schlucht, auch der herausgehauene Felsenweg zeichnet sich schon von weitem ab. Das wird spannend!

Am Eingang der Schlucht treffe ich auf eine überdimensionierte Bank, die zu einer ersten Pause und zum Studium dieses Bauwerks lädt – eine Tafel orientiert. Warum der Deutsche Alpenverein und die Bündner Regierung 32’000 Franken investierten, um diesen fast 1000 Meter langen Felsenweg inklusive zweier Tunnels aus dem Berg zu hauen, entzieht sich meiner Kenntnis. Warum heisst es denn überall, dass dies ein Schmugglerpfad war? Etwa ein kantonal geförderter? Whatever – er macht grosse Freude und ist wahrlich spektakulär! Mein Bubenherz klopft aufgeregt, als ich ihn durchschreite.



Es dauerte eine ganze Weile, bis die Wände weichen und ich zu meinem grossen Erstaunen auf einer friedsamen, überbreiten Alp mit Millionen von Blumen eintreffe. Was für ein Kontrast zum wilden Engpass! Diese Weiden hier werden wohl von den Vinschgauern bestossen, obwohl wir bis zur nahen Scheitelhöhe des Schlinigpasses noch in der Schweiz sind.

Auf der italienischen Seite treffe ich bald auf die Sesvenna-Hütte, wo ich im breitesten Tirolerdeutsch begrüsst werde. Das muss natürlich belohnt werden, und so bestelle ich mir eine grosse Holunderschorle und nehme ein Stück Apfelstrudel, auch wenn ich eigentlich noch keinen Hunger habe.
Der Wetterradar geistert in meinem Kopf herum, den ich aber gar nicht mehr konsultieren kann, da die ganze Tour ausserhalb des Netzes stattfindet. Aber es ist erst ja halb 10 und die Wolkenfetzen, die um die herumliegenden Gipfel streichen, machen mir eigentlich keine Sorgen.

Trotzdem mache ich mich bald auf und nehme die Steigung zur Sesvenna-Furkel unter die Füsse – zügig, aber nicht ohne immer wieder innezuhalten, um die tolle Flora zu bewundern. Mal sind’s die Alpenrosen, dann wieder die gelben «wie heissen sie auch wieder?»-Blümchen, dann das Wollgras an den zahlreichen Tümpeln, an denen ich vorbeigehe.
Es wird alpiner, ab 2600 m liegen Schneereste. Kurz vor der Passhöhe muss ich anhalten. Ich bin einfach zu schnell unterwegs, es droht mich zu «verblasen». Ich beschimpfe mich selber. Janu, das ist bald vergessen, als ich nach ein paar Minuten Erholung den 2800 m hohen Pass erreiche. Die Sicht auf die vor mir liegende Sesvenna-Gruppe ist noch perfekt! Es ist erst halb Elf – also jetzt bitte keinen Stress mehr, Junge!

Gesagt, getan. Ich geniesse eine längere Rast auf dem Pass und beobachte die Wetterkapriolen relaxt. So langsam bilden sich eben doch schon Wolkentürme, die immer grauer werden. Aber sie sind noch hoch und versperren mir nicht die Sicht. So wird der lange Abstieg durch das wildromantische Sesvenna-Tal zu einem reinen Genusslaufen.

Zuerst ist es noch sehr alpin – Schnee, ein Gletscher und viel Geröll. Doch nach einer Steilstufe folgt eine breite Ebene voll intensivster Flora und einem atemberaubenden Bach. Ich beneide die Kühe, die hier den Sommer verbringen dürfen. So schön!


Weiter unten folgen die ersten Föhren, sie zeichnen wieder ein ganz anderes Landschaftsbild. Herrlich! Auf der Alp Sesvenna treffe ich schliesslich auf die Route, die mich letzten Herbst auf den Piz Lischana geführt hat – eines der Highlights jener Wandersaison.

Schliesslich grinse ich spitzbübisch, als ich S-charl sichte und es trocken erreiche. Zur Belohnung gibt es eine Portion Lasagne und ein Panaché. Als ich wenig später den Bus nach Scuol besteige, fallen die ersten Tropfen. Wenig später schüttet es wie aus Kübeln.
Anforderung: 24 km, 1808 m auf- und 1125 m abwärts, 8 ½ Stunden
Route: PDF von SchweizMobil

Der Zolliker Edwin van der Geest ist ein begeisterter Wanderer. Er beschreibt regelmässig seine Lieblingstouren, die sich insbesondere für gut trainierte Wandersleute eignen.