«Die Dankbarkeit ist berührend»
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24. April 2026 – Nicole Larson (28) leitet die Abteilung Palliative Care im Spital Zollikerberg. Es stört sie, dass viele Menschen nach wie vor glauben, dies sei ein Ort, um zu sterben. Dabei gehe es darum, sich mit dem Fortschreiten einer unheilbaren Krankheit und dem Lebensende auseinanderzusetzen.

VON BARBARA LUKESCH
Ein Freund von uns ist an Krebs erkrankt. Er ist in Behandlung, fühlt sich aber körperlich verhältnismässig fit. Vor kurzem fragte man ihn im Spital, ob er sich vielleicht einmal die Palliativabteilung anschauen wolle? Er war völlig konsterniert – signalisierte man ihm, dass es dem Ende zugeht? Offenbar fehlt es an einem wirklich stimmigen Bild, was Palliative Care ist. Erleben Sie das auch so?
Absolut. Leider herrscht in der Gesellschaft nach wie vor dieses Bild vor: Palliative Care sei gleichbedeutend mit Aufgeben und Sterben. Dabei sollte sie verstanden werden wie ein Regenschirm, den man Menschen beim Auftreten einer unheilbaren Krankheit übergibt, verbunden mit einem aufklärenden Gespräch. So sollten die Betroffenen erfahren, dass sie wohl nicht in den nächsten Tagen oder Wochen sterben, aber dass es trotzdem sinnvoll wäre, wenn sie sich bereits jetzt mit dem Lebensende auseinandersetzen würden. Dazu sollte ihnen erklärt werden, dass ihnen bei einer Verschlechterung ihres Zustands der Regenschirm, sprich die Palliative Care, zur Verfügung steht.
Was genau bietet die Palliative Care im Gegensatz zur sonstigen Medizin an?
Die Medizin behandelt kurativ; ihr Ziel ist die Heilung einer Krankheit. In der Palliative Care liegt der Fokus auf der Erhaltung der Lebensqualität, aber nicht auf der Lebensverlängerung. Dafür ist die Krankheit bereits zu weit fortgeschritten. Wir bemühen uns um die Linderung der Symptome. Das heisst: Schmerzlinderung, die Behebung der sehr ausgeprägten Fatigue, einer oft bei Krebs auftretenden Erschöpfung, die Beseitigung von Atemnot oder Übelkeit, das Mildern von Ängsten. Was wir ebenfalls im Blick haben, ist das soziale Netz der Zu- und Angehörigen, das oft unter der Belastung dekompensiert.
Nochmals zur Präzisierung: Wann genau treten Patienten und Patientinnen bei Ihnen auf der Station ein?
Wenn es keine medizinischen Therapieoptionen mit Aussicht auf Heilung mehr gibt. Im Idealfall hat eine gesundheitliche Vorausplanung stattgefunden, in deren Rahmen solche Fragen angesprochen worden sind. Dann wissen Betroffene, welche Therapien mit welchen Nebenwirkungen verbunden sein könnten, und sie können fundiertere Entscheide fällen. Möglicherweise war bei Ihrem Freund genau das die Absicht: man wollte frühzeitig mit ihm eine gesundheitliche Vorausplanung durchführen und ihn auf das Angebot der Palliative Care aufmerksam machen.
Was bedeutet eigentlich der Begriff Palliative Care?
Pallium ist lateinisch für Mantel. Es geht also um eine Umhüllung, ein Auffangen, konkret um das Lindern der Symptome und um Unterstützung bei der Entscheidungsfindung.
Das Spital Zollikerberg ist ein Akutspital und damit nicht auf längerdauernde Aufenthalte angelegt. Wie positionieren Sie sich in dieser Umgebung mit Ihrer Palliative-Station?
Als Kompetenzzentrum für Palliative Care bieten wir elf Betten an und arbeiten mit einer Advanced Practice Nurse, einer Pflegeexpertin mit einem Master of Science Nursing zusammen. Dazu führt unsere leitende Ärztin gemeinsam mit der Advanced Practice Nurse einen Konsiliardienst auf den anderen Stationen und bei Bedarf auch eine palliative Sprechstunde durch. Der Aufenthalt bei uns ist auf drei Wochen begrenzt.
Und was machen die Patienten und Patientinnen dann?
Die Einen gehen wieder nach Hause und kommen erst wieder, wenn eine Verschlechterung auftritt und sie zum Beispiel eine Neueinstellung ihrer Medikamente benötigen. Andere, denen es bereits sehr viel schlechter geht, die vielleicht auch älter sind und kein familiäres Netz haben, wechseln in ein Hospiz wie das Zürcher Lighthouse oder in ein Pflegeheim, das auf Palliative Care spezialisiert ist. Etwa ein Drittel unserer Patienten und Patientinnen stirbt bei uns.
Gibt es denn Menschen, die mit dem ausdrücklichen Wunsch kommen, auf Ihrer Abteilung zu sterben?
Die gibt es. Ich erinnere mich an eine jüngere Frau mit zwei Kindern. Sie wollte die Kleinen davor bewahren, dass sie in ihrem Daheim ständig ans Sterben ihrer Mutter erinnert würden.
Was wünschen sich Ihre PatientInnen denn im «Normalfall»?
Viele sagen: «Ich will nicht mehr leiden müssen.» Sie wünschen sich sehnlichst ein Ende ihrer Schmerzen oder anderer belastender Symptome. Andere haben so eine Art Schlüsselpunkt im Kopf: Noch einmal den Geburtstag der Enkeltochter erleben! Noch einmal an Ostern oder Weihnachten nach Hause gehen, selbst wenn sie wissen, dass es daheim nicht gut läuft. Trotzdem brauchen sie diesen Schritt, um definitiv Abschied nehmen zu können. Viele sind froh, wenn sich einmal eine Mitarbeiterin zu ihnen setzt und mit ihnen spricht. Wer noch mobil ist, schätzt es vielleicht, wenn wir mit ihm oder ihr in den Park gehen.
Auf Ihrer Website sieht man eine Patientin in einem Spitalbett, das bei wunderschönem Wetter im Garten steht. Ist das Realität oder mehr eine Idealisierung?
Das ist Realität. Der Wunsch, wieder einmal an die frische Luft zu kommen, eine Art Tapetenwechsel zu erleben, wird immer wieder geäussert. Auch wer lange Zeit im Spital gelegen ist und dann zu uns kommt, geniesst es, wenn er mal raus kann. Wenn immer möglich, erfüllen wir solche Wünsche.
Aber jeden Wunsch werden Sie wohl nicht erfüllen können…
Wir tun, was in unserer Macht steht. Angehörige können auch bei uns übernachten, also 24 Stunden anwesend sein. Wir bieten auch eine Hundetherapie an, folglich dürfen auch Haustiere bei uns auf Besuch kommen, was ja nicht in allen Spitälern üblich ist.
Wie funktioniert die Hundetherapie?
Zuerst wird abgeklärt, ob die PatientInnnen daran Interesse haben oder nicht. Einzelne haben Angst vor Hunden und lehnen ab; andere lassen ihn rein und streicheln ihn schüchtern. Dritte lieben ihn und kuscheln sofort mit ihm. Das ist ganz unterschiedlich.
Sie haben ja noch andere Spezialtherapien im Angebot.
Die Fotografin Tina Ruisinger ist einmal pro Woche im Haus und offeriert Fototherapie*. Daneben gibt es Musiktherapie, bei der die Therapeutin mit den Teilnehmenden singt oder ihnen etwas auf einem Instrument vorspielt. Mit akustischen Reizen erreicht man selbst Menschen mit Demenz noch oder Sterbende, die ansonsten nicht mehr gross auf die Aussenwelt reagieren. Das ist wirklich eindrücklich. Dazu bieten wir noch therapeutisches Handauflegen an. Das ist eine Art Meditation mit einzelnen Berührungen, das entspannend wirken kann.
Inwieweit haben Ihre PatientInnen das Bedürfnis, über das Sterben zu reden?
Das Sterben ist immer noch ein grosses Tabuthema in unserer Gesellschaft und wird in vielen Familien verdrängt. Dabei ist es so wichtig, es anzusprechen und allfällige Ängste aufzugreifen. Das machen wir sehr offen. Wir rufen den Tod nicht herbei, wenn wir ihn erwähnen. Aber es hilft vielen, wenn wir ihre Ängste und Nöte aufnehmen. Es gibt Menschen, die das erste Mal in ihrem Leben darüber reden.
Es dürfte ja auch Angehörige geben, die sich schwertun mit dem Thema.
Viele wollen es nicht wahrhaben, dass ein ihnen nahestehender Mensch stirbt. Sie möchten nichts unversucht lassen, damit er noch länger da bleibt. Wenn sie dann spüren, dass alle Versuche erfolglos sind, kann sie ein Gefühl von Ohnmacht ergreifen, das sie kaum aushalten.
Passiert es auch, dass Menschen nochmals mit einem Sohn oder einer Schwester sprechen möchten, um allfällige Konflikte auszuräumen und sich zu versöhnen?
Das passiert immer wieder. Da versuchen wir von der Station auch mitzuhelfen, indem wir beispielsweise Angehörige anrufen und so den Kontakt herzustellen versuchen. Manchmal kommen solche Menschen extra aus den Ferien zurück, um die PatientInnen noch rechtzeitig zu sehen.
Vermutlich gibt es aber auch das Gegenteil: einsame Menschen, die niemanden mehr haben auf der Welt.
Das finde ich persönlich sehr hart, mitansehen zu müssen, dass ein Patient oder eine Patientin stirbt und kein Mensch vorbeikommt, um sich zu verabschieden. Das ist wirklich traurig.
Welches Verhältnis besteht zwischen Palliative Care und Sterbehilfe?
(seufzt) Das Vorurteil, wir würden mit dem Einsatz starker Schmerzmittel wie Morphin auch das Sterben einzelner Menschen herbeiführen, ist immer noch vorhanden. Wir geben diese Medikamente ausschliesslich zur Symptomlinderung und nur gemäss Verordnung der behandelnden Ärztinnen und Ärzte.
Gibt es auch Menschen, bei denen Sie das Gefühl haben, dass Sie nicht an sie herankommen?
Schwierig wird es mitunter, wenn Betroffene ihre Lage stark verdrängen oder das Gefühl haben, sie müssten alles mit sich allein ausmachen, und sich verschliessen. Das finde ich sehr schade. Um so schöner ist es, Menschen zu begegnen, die sich uns gegenüber öffnen. Es ist berührend zu erleben, was wir mit kleinsten Gesten bewirken können und wieviel Dankbarkeit uns entgegengebracht wird.
Nicole Larson stammt aus Zürich. Das Studium zur Pflegefachperson hat sie im Universitätsspital absolviert. Bereits während ihrer Grundausbildung kam sie im Spital Zollikerberg auf die Palliativabteilung, die sie sofort faszinierte. Nachdem sie zunächst im Unispital auf der Palliativabteilung arbeitete und nach ihrem Abschluss ein Jahr innerhalb der Psychiatrie in der Privatklinik Meiringen im Berner Oberland verbrachte, kehrte sie auf den Zollikerberg zurück. Seit letzten Sommer leitet sie die Abteilung Palliative Care mit 23 Mitarbeitenden. Zur Zeit absolviert sie eine Weiterbildung in Führung.
*Nächsten Dienstag in den «ZollikerNews»: Porträt der Palliativ-Fotografin Tina Ruisinger
7. Mai, 18.30 Uhr: «Palliative Care im Fokus», Gemeindesaal Zumikon. Referentinnen: Dr. med. Katja Albrecht (Leitende Ärztin Spital Zollikerberg), Nicole Larson (Stationsleitung), Rebecca Fent (Pflegeexpertin APN Palliative Care). Anschliessend Apéro.
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