Ein 50 Jahre alter Film mit neuer Aktualität

0 KOMMENTARE

7. Mai 2026 – Im Sommer 1957 drehte Franz Schnyder vor dem «Rössli» Szenen für den Film «Der 10. Mai». Der Regisseur setzte sich kritisch mit der Reaktion der Bevölkerung auf die Generalmobilmachung im Jahr 1940 auseinander.

Filmszene vor dem «Rössli» in Zollikon (Foto: SRF)
Filmszene vor dem «Rössli» in Zollikon (Foto: SRF)

VON RENE STAUBLI

Am frühen Morgen des 10. Mai 1940 überfällt die deutsche Wehrmacht Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich. Der vermeintlich ferne Krieg in Polen kommt der Schweiz über Nacht bedrohlich nahe. Schockwellen gehen durch das ganze Land. Der Bundesrat verfügt noch am selben Tag die Generalmobilmachung.

Heute scheint uns der Krieg in der Ukraine weit entfernt, dabei liegt dieses Land nicht weiter weg als Polen. Wir verdrängen den Gedanken, dass Putins Angriffskrieg näherkommen könnte. Unser Engagement für die Ukraine, die Europas Grenze unter unvollstellbaren Opfern verteidigt, ist dürftig.

Was sich in der Schweiz und auch in Zollikon nach der Generalmobilmachung abspielte, hat unser Freund und Mitarbeiter Balz Spörri 1989 in einer Sonderausgabe der «Schweizer Woche» («Das gelbe Heft») eindrücklich beschrieben:

«In der Bevölkerung griff panische Angst um sich. Männer schickten ihre Frauen und Kinder zu Verwandten im Landesinneren. Hastig wurden Koffer und Kisten gepackt. Tausende flohen. Während der Nacht drängten sich vollgestopfte Autos in langen Kolonnen aus der Nordwestschweiz und den Grossstädten in Richtung Berner Oberland und Innerschweiz. Einzelne Strassen waren verstopft, die Züge überfüllt von verängstigten Menschen, die in vermeintlich sichere Gegenden fliehen wollten. In den folgenden Tagen stieg die Spannung noch einmal. Aus dem Schwarzwald und entlang des Rheins wurden grosse Truppenbewegungen gemeldet. In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai erwartete man stündlich den deutschen Angriff.»

Panik im Rösslirain

In den Zolliker Filmszenen hat Regisseur Schnyder diese Panik eindrücklich eingefangen: Im Rösslirain stauen sich schwer bepackte Autos mit Flüchtenden. Ein reicher Unternehmer versucht einen Leutnant zu bestechen, damit er Vorfahrt bekommt, vergeblich. Automobilisten verlieren die Nerven und beschimpfen sich. Derweil biegen mobilisierte Truppen mit Lastwagen und angehängten Kanonen von der Alten Landstrasse in die Buechholzstrasse ein, vorbei an der Apotheke, beobachtet von Frauen und Männern, die beim grossen Brunnen stehen oder das Geschehen aus dem ersten Stock des Gasthauses «Rössli» verfolgen.

Blockierte Wagenkolonne im Rösslirain
Blockierte Wagenkolonne im Rösslirain

Zermürbendes Warten im Ungewissen

Zu keinem anderen Zeitpunkt sei die Angst, direkt in den Krieg verwickelt zu werden, so ausgeprägt gewesen wie im Mai/Juni 1940, schreibt Balz Spörri. Die raschen Niederlagen Hollands, Belgiens und Frankreichs sowie die Einkreisung der Schweiz durch die Achsenmächte wirken niederschmetternd. Zahlreiche Luftraumverletzungen und Bombenabwürfe auf verschiedene Schweizer Ortschaften, die angeordnete Verdunkelung der Wohnungen und Entrümpelung der Keller, um sie als Schutzräume zu nutzen, führen allen deutlich vor Augen, was Krieg bedeuten könnte.

Später weicht die panikartige Angst immer mehr einer ständigen, nervösen Spannung, einem zermürbenden Warten im Ungewissen, die manchen auch psychisch die Luft zuschnürt. Verstärkt wird dieses Gefühl durch das siegesgewisse Auftreten von Hitlers Anhängern in der Schweiz. Am 4. Oktober 1942 feiern beispielsweise 12’000 (!) Angehörige der «Deutschen Kolonien» im Zürcher Hallenstadion ein Erntedankfest mit nationalsozialistischen Kampfliedern, Flaggen und Reden. Oft stösst man an Wochenenden auf «Deutsche Sportgruppen», die in einem Waldstück ihre Übungen abhalten.

Aufruf des Gemeindepräsidenten

Der Zolliker Gemeindepräsident Ernst Utzinger sieht sich unmittelbar nach dem 10. Mai 1940 genötigt, im Amtsblatt einen Appell an die «verehrten Mitbürger und Mitbürgerinnen» zu publizieren. Er schreibt, «bei der heutigen Art und Technik der Kriegsführung» sei kein Quadratmeter in der Schweiz sicher. Utzinger fordert die Einwohner auf, in Zollikon auszuharren. Wie viele gleichwohl die Flucht ergriffen haben, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass von den sieben für die Amtszeit 1938 bis 1942 gewählten Gemeinderäten am Ende der Legislatur vier zurücktreten, was ihnen – mitten im Zweiten Weltkrieg – von vielen als «Fahnenflucht» ausgelegt wird.

In seinem Essay schreibt Spörri weiter: «Vielen Schweizerinnen und Schweizern sind jene Tage bis heute im Gedächtnis haftengeblieben. Der Gotthelf-Verfilmer Franz Schnyder schuf 1957 den Film ‹Der 10. Mai› aus seiner Enttäuschung über das egoistische Verhalten jener heraus, die geflohen waren. Das Bild der trotz aller Gegensätze in ihrem Widerstandswillen geeinten Schweiz hatte tiefe Risse bekommen. Eine 1902 geborene Frau erinnert sich: ‹Das ist schlimm gewesen, wie viele Schweizer sich damals eingestellt haben, einfach ‘nach uns die Sintflut’. Diejenigen, die Geld hatten, Beziehungen, Ferienhäuschen und Verwandte, sind einfach losgezogen, das hat mich so deprimiert an den lieben Eidgenossen.›»

«Schmutzige Wäsche»

Schnyders eigene Erlebnisse hatten ihn zu diesem dramatischen Filmstoff animiert: «Mir ist dieser 10. Mai in Erinnerung als ein Grauen. Ich war Hochgebirgssoldat und habe miterlebt, wie die Leute da in die Täler strömten und sich miserabel benahmen.»

Der Film wurde am 18. Oktober 1957 in Zürich uraufgeführt. Schnyder erhoffte sich nicht zuletzt wegen der prominenten Schauspieler einen Erfolg: unter anderem hatte er Emil Hegetschweiler, Heinrich Gretler, Alfred Rasser und Therese Giehse verpflichtet.

Von der Kritik erhielt «Der 10. Mai» Bestnoten, doch der Zuspruch des Publikums war enttäuschend; man wollte sich so kurz nach dem Krieg nicht mit unliebsamen Wahrheiten auseinandersetzen, zumal der Ungarnaufstand von 1956 die Gemüter nach wie vor bewegte. 1958 wurde Schnyders Werk bei der Berlinale als Eröffnungsfilm gezeigt, obwohl ihn die offizielle Schweiz nicht für den Wettbewerb angemeldet hatte. Der Bundesrat äusserte sich abwertend: «Mit schmutziger Wäsche geht man nicht ins Ausland.»

Dank an Zolliker und Zollikerinnen

In seinem Booklet zur DVD beschreibt der Verfasser Andreas Schumacher den Film als «Lehrstück über die Demokratie». Er bedankt sich unter anderem auch bei einigen Zollikerinnen und Zollikern für wertvolle Informationen: beim Historiker Hans Ulrich Baumgartner, der sich im Jahrheft 2015 unter dem Titel «Zollikon probt das Überleben im totalen Krieg» in einem 30seitigen Essay mit den lokalen Ereignissen im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt hatte; bei Ruth Bodmer, Hedwig und Walter Gränicher, ehemals Sigrist der reformierten Kirche, die Zeugen der Dreharbeiten beim «Rössli» waren, sowie bei der Kunsthistorikerin Lisa Brun, ehemals Kuratorin des Zolliker Ortsmuseums.

Quellen: Booklet zur DVD «Der 10. Mai – Die Angst vor der Gewalt» von Andreas Schumacher, 2020; «Bange Jahre in der Enge» von Balz Spörri im Spezialheft «Das Leben in den Jahren 1939 – 1945» der «Schweizer Woche – Das Gelbe Heft» Nr. 31 vom 1. August 1989;  Zolliker Jahrheft 2015; Filmografie SRF: «Der 10. Mai – Angst vor der Gewalt»; DVD: «Der 10. Mai» von Franz Schnyder (der Film in drei Fassungen von 1957, 1958 und 1976).

………………..

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen:

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

14 − 13 =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht