Ein Enthüllungsbuch, das Facebook erschüttert

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Barbara Lukesch: «Das Original trägt den Titel ‹Careless People›, die deutsche Übersetzung kommt etwas umständlicher daher: ‹Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor.› Ergänzt mit den Worten ‹Das Buch, das Mark Zuckerberg verbieten will.› (…)

VON BARBARA LUKESCH

Das Original trägt den Titel «Careless People» («leichtfertige Leute)», die deutsche Übersetzung kommt etwas umständlicher daher: «Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor.» Ergänzt mit den Worten «Das Buch, das Mark Zuckerberg verbieten will.» Damit ist die Neugier auf jeden Fall geweckt, und man kommt fast nicht daran vorbei, sich den Erlebnisbericht der langjährigen Facebook-Direktorin Sarah Wynn-Williams zu besorgen. Vor allem in einer Zeit, in der Facebook wieder einmal Schlagzeilen zum Thema Suchtgefahr macht. Der Tech-Gigant stimmte kürzlich einem Vergleich zu, der ihn knapp 17 Milliarden US-Dollar kostet und zu strengeren Jugendschutzauflagen zwingt.

Die Autorin, eine Juristin und Politwissenschaftlerin, die ursprünglich aus Neuseeland stammt, war regelrecht besessen von ihrem Wunsch, bei Facebook zu arbeiten. Sie war überzeugt davon, dass die Firma die Welt besser und die Menschen glücklicher machen würde, weil sie ihnen ermöglichte, sich zu vernetzen und rund um den Planeten Freundschaften, aber auch geschäftliche Beziehungen zu knüpfen und Wissen auszutauschen.

Buchcover Facebook

Letztlich wurde sie tatsächlich Direktorin für Global Public Policy. Sie reiste mit Firmenchef Mark Zuckerberg durch die halbe Welt, um Regierungen von den Vorteilen der Plattform zu überzeugen. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz für das Unternehmen riskierte sie nicht nur ihre Ehe und Familie, sondern auch ihre Gesundheit. Ihr Glaube an Facebooks Potenzial war so gross, dass sie der Firma mehr als zehn Jahre lang die Treue hielt.

Sie hielt auch noch eisern an ihrem Job fest, als sie realisierte, dass die Mitglieder des inneren Zirkels, allen voran Zuckerberg, keineswegs Idealisten sind, die eine schöne neue Welt erschaffen wollen. Dank ihrem umfassenden Einblick in das Firmengeschehen erkannte sie bald, worum es tatsächlich ging: um Gewinnmaximierung, Steigerung der Nutzerzahlen und einen möglichst hohen Börsenkurs. Inzwischen hat Facebook mehr als 3 Milliarden aktive Nutzer. Zuckerbergs Vermögen wird derzeit auf 222 Milliarden Dollar geschätzt.

Wynn-Williams kommt zum Schluss, dass das Unternehmen, dem sie sich ursprünglich verschrieben hatte, «zerstört worden ist». Resigniert räumt sie ein, dass sie nur noch an die «schlimmsten Seiten von Facebook denken» könne: an die Begünstigung Trumps im Wahlkampf, generell an den laschen Umgang mit Hassreden, an das Paktieren mit der Kommunistischen Partei Chinas und an die guten Dienste für die Militärjunta in Myanmar. Sie schreibt: «Für die Chinesen haben meine Bosse sogar noch eine für ihre Ziele massgeschneiderte Software erstellt. In Amerika haben sie Facebook-Mitarbeiter in das Wahlkampfteam von Trump eingebettet, um ihm bei seinem wahlentscheidenden Kriegszug aus Fehlinformationen, Trolling und Lügen unter die Arme zu greifen. Und in Myanmar haben sie in tödlicher Gedankenlosigkeit Beiträge stehen gelassen, die zu entsetzlicher Gewalt und zum Genozid geführt haben.»

Sie räumt ein, dass sie Teil dieses Unternehmens war – «eine Last, mit der ich leben muss». Zuletzt sind es die sexuellen Belästigungen ihres Vorgesetzten, die ihre Anstellung beenden. Als sie dagegen vorzugehen wagt, zeigt die männerbeherrschte Firma nochmals ihr wahres Gesicht – und entlässt nicht den Täter, sondern sie mit einer fadenscheinigen Begründung.

Interessant auch die Rolle von Sheryl Sandberg, der langjährigen Co-Geschäftsführerin von Facebook, die mit dem feministischen Bestseller «Lean in» weltweit Aufsehen erregte. Sie wird als rücksichtslose Chefin geschildert, die auch nicht davor zurückschreckt, im luxuriösen Firmenjet Mitarbeiterinnen ungeniert vor aller Augen zu sich ins Bett einzuladen. Sie gehört zum inneren Zirkel der «careless people», die achtlosen und nachlässigen Leute, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Im Wissen um die Explosivität dieser Enthüllungen setzte Zuckerberg alle Hebel in Bewegung, um das Buch zu verhindern. Das ist ihm zwar nicht gelungen. Was er hingegen erreicht hat, ist ein öffentliches Redeverbot, das die Autorin daran hindert, sich auch noch mündlich zu ihren Erfahrungen bei Facebook, heute Meta, zu äussern. Immerhin liegt das knapp 500 Seiten umfassende Buch vor und lässt nichts zu wünschen übrig an inhaltlicher Dichte und Detailliertheit. Es ist ein Stück hochbrisante Zeitgeschichte, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Zu allem hin liest es sich wie ein Krimi.

Sarah Wynn-Williams, «Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor» (Kiepenheuer&Witsch), 491 Seiten, ca. 20 bis 25 Franken.

Derzeit läuft in den Zürcher Kinos der Film «The Social Reckoning», der die rücksichtslose Geschäftspolitik bei Facebook anhand der wahren Geschichte der Whistleblowerin Francis Haugen erzählt. Auf der Basis ihrer Dokumente publizierte das «Wall Street Journal» vor fünf Jahren die «Facebook Files», die zu einer Anhörung im Senat und einer Serie von Klagen gegen den Social Media-Konzern führten (Regie:Aaron Sorkin).

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