Eine grosse Erfolgsgeschichte

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2. Februar 2022 – Vor mehr als vier Jahren zogen die ersten Studierenden aus aller Welt in das ehemalige Altersheim Beugi ein. Die auf drei Jahre befristete Zwischennutzung erwies sich als Volltreffer; die Gemeinde hat den Vertrag inzwischen bis Juni 2023 verlängert.

Porträt Lars aus Delft
Lars aus Delft (Fotos: bl)

Gegen 12 Uhr trudeln die ersten Studierenden in der grossen Gemeinschaftsküche ein. Die Einen rüsten ihren Salat, andere setzen Spaghettiwasser auf, ein Dritter schiebt seine Mahlzeit in die Mikrowelle. Eine Kanne mit frischgekochtem Kaffee steht auch schon bereit.

Die Stimmung ist locker, es wird viel gelacht und munter drauflosgeplaudert. Englisch beherrscht die Szene. Das überrascht nicht, schliesslich wohnen rund 60 junge Männer und Frauen aus China, Japan, Korea, Indien, Pakistan, Australien, Burundi, den USA, Grossbritannien, Spanien, Belgien, Albanien, Polen und anderen Ländern in der Beugi, dem ehemaligen Altersheim an der Alten Landstrasse 98.

Im August 2017 konnte die ETH Zürich mit der Gemeinde Zollikon einen auf drei Jahre befristeten Mietvertrag abschliessen, der inzwischen bis Juni 2023 verlängert worden ist. Die Zwischennutzung der Beugi als Studentenwohnheim geriet schnell zur Erfolgsgeschichte. In «normalen» Zeiten war das Haus stets zu hundert Prozent besetzt; als Folge der Corona-Pandemie hat es ein paar Leerstände gegeben. Die jungen Leute, die hier im Schnitt sechs oder zwölf Monate lang wohnen, verbringen ein bis zwei Auslandsemester an der ETH, seltener auch an der Universität Zürich.

Lars studiert Management Technologie

Einer von ihnen ist der 26-jährige Lars aus Delft in den Niederlanden. Er studiert Management Technologie an der ETH und nutzte die Chance, sich noch vor seinem Masterabschluss ein halbes Jahr an einer ausländischen Hochschule frischen Wind um die Nase blasen zu lassen und Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen aus aller Welt zu knüpfen.

Für Zürich entschied er sich, weil er sich «ein Umfeld und eine Studienkultur» wünschte, die jener in seiner Heimat ähnlich war. Dazu liebt er die Berge und den See. Mit seinem Rennvelo, erzählt er, sei er voll auf seine Kosten gekommen. Bald habe er auch gemerkt, dass er sich die tägliche Bus- und Tramfahrt von Zollikon an die ETH im Zentrum von Zürich sparen konnte, wenn er sich für zwanzig Minuten auf sein Rad schwang: «Das war grossartig», schwärmt er.

Die Distanz zu den Hochschulen gilt als grösster Nachteil des Zolliker Studentenwohnheims, und zwar in erster Linie wegen der damit verbundenen ÖV-Kosten. Internationale Austauschstudierende, heisst es bei der Studentischen Wohngenossenschaft Woko, hätten in der Regel ein sehr beschränktes Budget. Lars grinst: «Ich bin nicht gut in Administration, aber es stimmt schon: Zürich ist ein teures Pflaster.» Man müsse sich jedes Essen in einem Restaurant zweimal überlegen. Er sei froh, dass er nur 640 Franken für sein Zimmer bezahlen müsse, Nebenkosten für Heizung und Internet inbegriffen.

Seine Bilanz nach dem halben Jahr im Wohnheim Beugi fällt positiv aus. Er habe schnell viele Leute kennengelernt, weil im September 2021, seinem Eintrittstermin, gleichzeitig Dutzende anderer Studierender auch einzogen: «Niemand kannte niemand», erinnert er sich, «und alle waren darauf angewiesen, neue Kontakte zu knüpfen.» Das habe zu grosser Offenheit geführt und man sei schnell zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.

Porträt Pauline
Pauline aus Gent

Pauline, seine 22-jährige Mitbewohnerin aus Gent in Belgien, nickt: « Die Stimmung im Haus ist wirklich toll.» Sie habe echte Freunde gefunden, mit denen sie trotz aller Prüfungen und Arbeiten für das Studium viel unternehme: Biken, im See oder der Limmat schwimmen gehen, Ausflüge unternehmen.

Die angehende Umweltingenieurin sitzt in einem der Studierzimmer, die die jungen Leute nutzen können, wenn ihnen im eigenen Zimmer die Decke auf den Kopf fällt. Auch Lars erzählt, dass er dieses Angebot gern in Anspruch genommen habe, wenn es ihm in seinen vier Wänden an Konzentration und Effizienz gemangelt habe.

Claudio ist der «house representative»

Damit ein Haus mit rund 60 jungen Menschen aus der ganzen Welt funktioniert, braucht es Regeln. Diese stehen in der Hausordnung und umfassen Punkte wie die Nachtruhe um 22 Uhr, Sauberkeit und Ordnung in den Gemeinschaftsräumen oder ein striktes Rauchverbot.

Für die Einhaltung dieser Regeln, aber auch als Ansprechperson für die Bewohner und Bewohnerinnen ist Claudio* zuständig, der den Posten des Hausverantwortlichen (house representative) bekleidet. Claudio stammt aus Wien, ist 35 Jahre alt, studiert Filmwissenschaften an der Uni Zürich und möchte dieses Jahr seinen Master machen. Er wohnt seit mehr als vier Jahren in der Beugi, wo er seither auch als Hausverantwortlicher mit einem bezahlten Teilzeitpensum tätig ist.

Porträt Claudio
Claudio aus Wien sorgt für Ordnung

Sein Pflichtenheft ist lang. Claudio zählt auf: Er sei eine Art Hauswart, der bei einem Stromausfall am Wochenende, bei Alarm wegen einer ins Haus eingedrungenen Fledermaus oder einer Riesenspinne oder einem mitternächtlichen Polizeieinsatz (mehr könne er dazu nicht sagen) aktiv werden müsse.

Dazu sei er ein halber Kommunikationschef, der Hunderte von Mails empfange und weiterverarbeite, dazu der Schlüsselmeister, der die Kontrolle über 300 Haus- und Zimmerschlüssel habe, der Barbecue-Chef, der im Sommer für die Würste auf dem Grill im Garten besorgt sei.

Alle sechs Monate Ein- und Auszüge

Sonst noch was? Er kratzt sich am Kopf mit seinen verwuschelten Haaren. Ah, ja, natürlich, seine Hauptaufgabe: Alle sechs Monate müsse er sich um die Aus- und Einzüge kümmern – «das können locker um die 50 sein, die mir alles abverlangen.» Mit den Abreisenden müsse er eine umfangreiche Checkliste durchgehen und prüfen, ob sie alles ordnungsgemäss zurückliessen oder etwas in ihrem Zimmer kaputt gegangen sei. Dazu habe er sogar eine Assistentin.

Die Neuen müsse er begrüssen, ihnen ihre Zimmer zuweisen und mit den wichtigsten Regeln und Infos vertraut machen. Beispielsweise, wo die Einwohnerkontrolle in Zollikon sei, bei der sie sich anmelden müssten, die Post, die Recyclingstation oder der Billetautomat für den ÖV: «Wo gibt’s denn das Halbtax?». Claudio mag seinen Arbeitsplatz, der im Laufe der Jahre so etwas wie seine Heimat geworden ist.

Trotz vieler Jahre in der Schweiz hat er sein Wienerisch, diesen gemütlichen Dialekt, noch keineswegs eingebüsst. Gefragt, wie ihm Zürich gefalle, antwortet er mit entwaffnendem Charme, natürlich in breitem Wienerisch: «Wie komma’ Zürich neid mögen? (Wie kann man Zürich nicht mögen?)» Er schätze die Leute, den Sprachen- und Dialektmix, die Architektur der Stadt. Und weil die Schweiz so teuer sei, habe er etwas gelernt, was er früher nie konnte: mit Geld umgehen.

Jetzt müsse er aber weiter. Auf den Hausverantwortlichen wartet viel Arbeit, denn in wenigen Tagen rollt die grosse Auszugs- beziehungsweise Einzugswelle in der Beugi wieder an. (bl)

* Name geändert

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Sehr erfreulich, dass das Beugi einer sinnvollen neuen Nutzung zugeführt werden konnte, danke für den informativen Bericht! Mich würde aber auch interessieren, was längerfristig mit dem Areal passieren soll – in dieser Beziehung herrscht seitens der Gemeinde seit Jahren Funkstille.

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