«Geistige Einquartierung muss sein»

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9. Januar 2023 – Der Zolliker Philosoph Ludwig Hasler ist ein gefragter Publizist und hält Vorträge zu allen möglichen Themen. Sein Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat» ist ein Bestseller. Wie sieht ein Tag in seinem Leben aus? (1 Kommentar)

9. Januar 2023 – Der Zolliker Philosoph Ludwig Hasler ist ein gefragter Publizist und hält Vorträge zu allen möglichen Themen. Sein Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat» ist ein Bestseller. Wie sieht ein Tag in seinem Leben aus?

Illustration Porträt Ludwig Hasler
Ludwig Hasler (Illustration: Willi Spirig)

«Um acht Uhr stehe ich auf. Ich brauche keinen Wecker, der Tag beziehungsweise das Tageslicht wecken mich. Dann geht es ruckzuck. Ich mache mir den ersten von vielen weiteren Espressi, die ich im Laufe des Tages trinke.

Franziska, meine Frau, ist zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Stunden wach. Ich setze mich zu ihr ins Wohnzimmer und lese Zeitungen: NZZ, Tages-Anzeiger, die Süddeutsche Zeitung im Wechsel mit der Frankfurter Allgemeinen und die Aargauer Zeitung, die ich aus beruflichen Gründen lesen muss. Als Mitglied des publizistischen Aufsichtsrats der CH-Medien muss ich mir ein Bild machen über die Qualität des wichtigsten Blatts. Darüber tausche ich mich regelmässig mit dem Verleger und dem Chefredaktor aus.

Von 10 bis ca. 13 Uhr ziehe ich mich in den zweiten Stock unseres Hauses zurück, den ich bewohne, und widme mich den Aufträgen, die termingebunden sind. Das hiess heute beispielsweise, dass ich meine Kolumne für die «Zürcher Wirtschaft», die Monatszeitschrift der Unternehmer des Kantons Zürich, schreiben musste. Diesen Auftrag schätze ich, weil ich auf diesem Weg rund 6000 Menschen aus Firmen und Gewerbe – tätige Männer und Frauen – erreiche und von ihnen Reaktionen auf meine Gedanken erhalte. Das sagt mir mehr, als wenn ich nur von pensionierten Geisteswissenschaftlern ein Feedback bekäme.

Das Thema des heutigen Textes: Was könnte mich dazu bewegen, meinen Lebensstil zu ändern? Stichworte: Klimawandel, Fleischverzehr, Ressourcenverbrauch. Viele Schlaumeier meinen ja, die technologischen Entwicklungen könnten uns davor bewahren, irgendetwas an unserem Verhalten ändern zu müssen. Da bin ich anderer Meinung: Ohne Verzicht wird es nicht gehen. Aber alles auf die Karte Verzicht setzen, wird auch nicht funktionieren. Wir müssen es schaffen, den vermeintlichen Verzicht als Gewinn von Lebensqualität zu verstehen.

Um 13 Uhr hatte ich einen ersten Entwurf – und musste pausieren. Seit einer Blutvergiftung kurz vor Weihnachten, die mich sogar ins Spitalbett gezwungen hat, bin ich schnell müde und fühle mich ausgelaugt. Dann hilft es mir, wenn wir etwas essen. Alkohol am Mittag gibt es nicht, das wäre mein Untergang. Nein, was mir – beziehungsweise uns beiden – guttut, ist ein ein- bis eineinhalbstündiger Spaziergang in der Umgebung, ich nenne das meinen «Rundum». Der führt oft in den Wald bis zum Rumensee und zurück, je nach Wetter und Wegbeschaffenheit.

Gegen 15.30 Uhr sitze ich dann wieder am Pult. Dann widme ich mich meistens Arbeiten, die nicht termingebunden sind. Das kann zum Beispiel das Feilen an einem Essay über «die Bedeutung des Gesangs für die Menschenbildung» sein. Dieser Text soll in einem wunderbaren Magazin erscheinen, das im Mai anlässlich des Festivals der Europäischen Jugendchöre in Basel erscheinen wird. Das wird eine Riesenkiste: Tausende von Sängern und Sängerinnen, die drei Tage lang singen.

Dass man mich gebeten hat, diesen Essay zu schreiben, geht auf einen Vortrag zurück, den ich vor der parlamentarischen Gruppe für Musik in Bern zur «Bedeutung von Musik für die Gesellschaft» gehalten habe. Apropos Bedeutung: Interessanterweise ist das die grösste aller Parlamentariergruppen.

Ich selber habe einen starken Bezug zur Musik und kann sagen, dass ich wirklich etwas von Gesang verstehe. Als 20-Jähriger war ich fest davon überzeugt, dass aus mir ein Opernsänger würde. Ich habe eine gute und laute, ja, sogar extrem laute Stimme. Bis vor rund fünf Jahren war ich noch Mitglied in einem halbprofessionellen Chor; Franziska ist immer noch dabei und reist nach wie vor regelmässig nach Biel, um dort Gesangsunterricht zu nehmen.

Um 18 Uhr sehen wir uns, wenn immer möglich, zum Apéro in unserem Wohnzimmer. Meistens zu zweit, manchmal auch in Gesellschaft eines Arbeitskollegen oder einer Freundin, die wir zu einem Glas Weisswein, Käse und Brot einladen. Das ist ein Fixpunkt, an dem uns beiden sehr viel liegt. Der zieht sich dann gern über eine Stunde hin. Anschliessend kocht Franziska; ich bringe ausser Spiegeleier mit Speck nichts zustande.

Gegen 19.30 Uhr essen wir, dazu trinken wir eine Flasche Rotwein und quatschen. Oft tauschen wir alltägliche Erlebnisse aus, private oder berufliche, reden zum Beispiel über ein Interview in der NZZ, in dem ein Soziologe behauptet, dass die Menschen sich immer stärker weigerten, erwachsen zu werden.

Je länger je mehr bleiben wir aber auch bei Fragen hängen wie jener, wie wir unser Erbe gestalten wollen. Franziska beginnt bereits jetzt, einige Dinge aus ihrem Besitz zu verteilen. Sie ist 78, ich bin 79. Dann bremse ich sie manchmal und sage ihr, dass wir das Haus bei unserem Tod ja nicht unbedingt leer zurücklassen müssen.

Was ich lieber mit ihr bespreche, sind ihre Texte oder meine. Wir lesen uns gegenseitig die Entwürfe und geben einander Feedback. Franziska ist pingelig, was manchmal intensive Diskussionen auslöst, gute, anregende Diskussionen, die wirklich Freude bereiten.

Um 21 Uhr verabschieden wir uns. Ich ziehe ich mich wieder in den zweiten Stock, mein Reich, zurück, und widme mich noch einigen Stunden meiner Korrespondenz, beruflicher oder privater Natur. Oft schaue ich aber auch Fernsehen, ich schätze die Arte-Themenabende, die vielleicht mit einem Robert Redford-Spielfilm beginnen und mit einer Dokumentation zu seiner Person ergänzt werden. Auf diese Weise erhalte ich Anregungen, die mir wie zufällig über den Weg laufen. In letzter  Zeit lese ich auch wieder viel, am liebsten Romane wie den neuesten von Ian McEwan «Lektionen» oder «Krass» des deutschen Autors Martin Mosebach.

Nach einem Glas Whisky, meinem Schlummertrunk, praktiziere ich jeweils ein Ritual, das ich meine «geistige Einquartierung» nenne. Ich vergegenwärtige mich in Windeseile des Universums, manchmal auch, indem ich mir den Himmel mit dem Mond und den Sternen anschaue und mich so meiner Zugehörigkeit versichere.

Gegen 24 Uhr gehe ich ins Bett und schlafe auf der Stelle ein. Was mir hin und wieder passiert, ist, dass mich ein Gedanke zu einem Textentwurf, beispielsweise zum Einstieg, beschäftigt. Dann schlafe ich mit diesem Problem ein und erwache morgens – mit der Lösung im Kopf. Echt wahr! Es denkt offenbar nachts weiter in mir.» (bl)

«Talk am Puls» im Café am Puls im reformierten Kirchgemeindehaus Zollikerberg. 19. Januar, 19.30 Uhr

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Danke für diese Denkanstösse, Herr Hasler. Über einige davon werde ich noch intensiver nachdenken (müssen). Dazu gehört die «Ich-Kultur im Alter» und insbesondere der «Verlust des Wirkens». Der Verlust der Bedeutung wäre hier noch der Schatten davon. Alles Gute und noch viele mitmachende Vorträge an Menschen in der «gefreuten Lebensspanne».

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