«Gott lässt mich nicht in Ruhe»
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23. Oktober 2026 – Der Zolliker Theologe Christian Walti ist seit eineinhalb Jahren Pfarrer am Zürcher Grossmünster. Zeit, mit dem umtriebigen Gottesmann eine Bilanz seiner Anfangsmonate an der grossen Kirche im Zentrum von Zürich zu ziehen.

INTERVIEW: BARBARA LUKESCH
Christian Walti, Sie sind jetzt gut eineinhalb Jahre Pfarrer im Zürcher Grossmünster. Wie haben Sie diese Anfangszeit erlebt?
Toll für mich war, dass mir meine Mitarbeitenden von Anfang an sehr offen und aufgeschlossen begegnet sind. Begeistert hat mich auch die Erkenntnis, dass wir rund ums Grossmünster richtige Nachbarn haben. Die meisten Leute kennen das Dörfli ja nur vom Shoppen oder Flanieren, aber es ist ihnen nicht bewusst, dass hier auch Menschen wohnen, teilweise seit Jahrzehnten. Ich bin viele Samstage von Haustür zu Haustür gegangen, habe geklingelt und mich vorgestellt. Das hat oft zu spannenden Gesprächen geführt, die mir auch Hinweise darauf gegeben haben, was die Leute beschäftigt. Auch innerhalb der Kirche habe ich schnell erfahren, wo den Leuten der Schuh drückt. So war ich von Anfang an in der Rolle des Seelsorgers, der zuhört und da ist, wenn jemand Trost und Unterstützung braucht. Das ist ja auch mein Beruf.
Inwiefern hat sich Ihre seelsorgerliche Arbeit im urbanen Umfeld der Stadt Zürich verändert? Kommen andere Menschen zu Ihnen als in Bern, wo Sie in einem Aussenquartier tätig waren?
Die Bandbreite ist ganz sicher grösser. Zum einen kommen Menschen aus der Politik, der Kultur, Kunst und Wirtschaft, Direktoren, aber auch Stadträtinnen, also richtige Celebrities, die den Kontakt zum Grossmünster-Pfarrer nicht zuletzt deshalb suchen, weil diese Kirche im Herzen der Stadt mit viel Prestige verbunden ist. Daneben habe ich es mit Randständigen aller Art zu tun, Menschen, die ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen, Obdachlose oder Sans Papiers, die oft illegal in der Schweiz sind, ihre Kinder verstecken und nicht einmal eine Sozialversicherungsnummer haben. Man kann sich über sie empören oder auch nicht, es gibt sie nun mal. Gemäss Schätzungen sind es zwischen 20’000 und 30’000 Menschen, die vielfach ungeliebte Arbeiten wie Putzen, Prostitution oder Privatpflege für wenig Geld übernehmen.
Sie sind ja auch Teil des Teams, das man in der Bahnhofkirche am Hauptbahnhof antrifft.
Eine Zeitlang habe ich dort Dienst geleistet, ein niederschwelliges Angebot, das man ohne Anmeldung nutzen kann. Da kommt dann die Frau, die nach 20 Jahren Funkstille erstmals wieder ein Treffen mit ihrer Mutter hat und ein Gespräch braucht, um ihre Angst und Unsicherheit zu bewältigen. Dazu sind die meisten dieser Klienten psychisch krank oder mindestens schwer angeschlagen. Die Psychiatrie überlässt solche Menschen nach einer gewissen Zeit wieder ihrem Schicksal. Dann ist die Kirche so etwas wie der letzte Rettungsanker.
Inwieweit pflegen Sie auch Kontakte mit den VertreterInnen anderer Religionen?
Sehr intensiv. So sehe ich den Präsidenten des Verbands der muslimischen Organisationen Muris Begovic regelmässig, aber auch Kaser Alasaad, den Imam der grössten Moschee der Deutschschweiz in Volketswil. Stefanos Athanasiou, Priester der griechisch-orthodoxen Kirche, zählt zu meinen besten Freunden. Und Bischof Josef Maria Bonnemain aus Chur ist trotz vieler unterschiedlicher Ansichten mein liebster Mittagessen-Gast.
Wo gehen denn Ihre Ansichten besonders stark auseinander?
Sicher bei der Sterbehilfe. Ich habe dazu eine liberale Grundhaltung und kann sehr gut nachvollziehen, dass sich Menschen bei Exit anmelden. Natürlich sehe ich auch, dass es nicht immer leicht für eine Familie ist, wenn sich ein Angehöriger für einen assistierten Suizid entscheidet. Oder: Entgegen der katholischen Grundhaltung bin ich natürlich nicht der Meinung, dass Frauen ungeeignet seien für das Priesteramt. Ganz im Gegenteil.
Dann haben Sie es ja auch noch mit den Gottesdienst-BesucherInnen zu tun.
Genau, mit diesen treuen Leuten aus dem Quartier. Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, dass ich Pfarrer auf dem Dorf bin, dem Dörfli eben. So viele Leute leben seit Generationen hier, Sozialhilfebezüger in städtischen Wohnungen, aber auch Superreiche in ihren nahezu unbezahlbaren Appartements oder Häusern, die trotz ihres grossen Vermögens gern mal einen Kaffee trinken und mir erzählen, warum es ihnen nicht gutgeht.
Sie sind ein Mensch, der von sich sagt, dass für ihn nichts schlimmer sei als Stillstand und Langeweile. Da wird Ihnen diese Zeit, die so viel Neues geboten hat, gut gepasst haben.
Schon, aber in den ersten sechs Monaten hatte ich von nichts eine Ahnung und musste mir alles mühsam zusammensuchen. Wenn diese Suche ergebnislos verlief, was immer wieder vorkam, ergriff mich schnell so etwas wie Langeweile.
Langeweile?
Ich glaube, bei mir tritt dieses Gefühl, das ich Langeweile nenne, als Ausdruck einer ganz eigenen inneren Unruhe auf. Ich bin schon als nervöses und unruhiges Kind auf die Welt gekommen. Inzwischen kann ich diese Unruhe mit Meditation und Yoga, manchmal auch im Gebet etwas drosseln. Aber sie treibt mich auch an und signalisiert mir, dass noch irgendetwas fehlt und ich eine Predigt beispielsweise nochmals überarbeiten muss. Manchmal denke ich auch, dass da Gott am Werk ist, der mich nicht in Ruhe lässt. Insofern sehe ich darin durchaus auch etwas Positives.
Was an Ihrer Arbeit im Grossmünster hat Sie am meisten überrascht?
Dass viele verschiedene Aufgaben auf mich warten und mich fordern werden, habe ich gewusst. Was mich komplett überrascht hat, ist, dass mich die Arbeit an mir selber und meinem beruflichen Selbstverständnis am meisten Kraft kostet. Eine zentrale Frage beschäftigt mich sehr: Wer bin ich hier im Grossmünster?
Was heisst das konkret?
Ich frage mich intensiv, was genau meine Aufgabe in Zürich ist. Als ich Zollikon vor 15 Jahren Richtung Bern verlassen habe, war Zürich noch die Stadt der florierenden Wirtschaft. Die Finanzmenschen verstanden sich als «Kings of the World», und alles schien gut zu sein. Heute ist Zürich die Stadt von Expats, Tourismus und einer weitverbreiteten Verunsicherung. Niemand weiss richtig, wie es weitergehen soll. Und da frage ich mich natürlich, was in einer solchen Situation meine Aufgabe sein kann. Ich könnte einfach weitermachen mit Seelsorgegesprächen und dem Konfirmandenunterricht. Damit hätte ich genug zu tun. Aber die Grossmünster-Kirche ist nun mal die Geburtsstätte der Reformation und eng verbunden mit Zwingli. Da empfinde ich es fast als Verpflichtung, auch Veränderungen zu lancieren.
Sie haben ja bereits einige Innovationen eingeführt. Darunter die Tavolata, eine grosse Tafel im Niederdorf, an der alle mitessen und diskutieren können, die Lust dazu haben. Kürzlich hatten sie 300 Gäste. Dann haben Sie ein dreimonatiges Stipendium für eine Person aus Kultur oder Wissenschaft eingerichtet und finanzieren es auch, was das gegenseitige Verständnis vertiefen soll. Ausserdem haben Sie mit Ihrer Schwester, von Beruf Sexualtherapeutin und Dozentin für Sexualpädagogik, einen bisher sechsteiligen Podcast zu Sexualität realisiert. Darin tauschen Sie sich zu sogenannten Mythen wie «Sex ist in der Ehe Pflicht» oder «Onanie ist Sünde» aus. Was genau bezwecken Sie damit? Wollen Sie die Kirche getreu dem Motto «Sex sells» im Gespräch halten?
Man kann es so interpretieren, klar. Die Kirche muss im Gespräch bleiben, sonst ist sie letztlich sinnlos. Aber mir geht es im Hintergrund immer um etwas anderes, ich strebe Verknüpfung an. In unserer Gesellschaft gibt es einen so grossen Mangel daran: Einzelpersonen vereinsamen; viele Themen werden inzwischen so kontrovers diskutiert, dass an ein Miteinander nicht mehr zu denken ist. Bei der von Ihnen erwähnten Tavolata am Bettag hatten wir den migrationskritischen Zürcher Regierungsrat Mario Fehr als Gastredner in der Kirche und am Fest anschliessend die SP-Kantonsrätin Mandy Abou Shoak, links, migrantisch, feministisch. Das sind zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die auch sehr unterschiedliche Leute anziehen, aber die hatten wir alle zusammen am Tisch. Und es funktionierte.
Kommen wir nochmal zurück auf Ihren Sex-Podcast. Wo schaffen Sie dort Verknüpfungen?
Meine Schwester bezeichnet sich als sexpositiv, das heisst, sie versucht die unterschiedlichen Formen von Sexualität positiv zu bewerten. Mit der Kirche hat sie nicht viel am Hut. Ich bin Pfarrer, empfinde Sexualität zwar überhaupt nicht als Reiz- oder Tabuthema, weiss aber, dass man als Christ gern als verklemmter Miesmacher gilt, der mit Sicherheit Polyamorie ablehnt. Meine Schwester und ich haben versucht, mit diesem Podcast Verbindungen zwischen unseren unterschiedlichen Milieus zu schaffen.
Wie war die Resonanz?
Ein bisschen enttäuschend. Wir haben mit mehr Widerspruch und kritischen Stimmen gerechnet. Aber offenbar ist die Hemmschwelle hoch, sich kritisch zu diesem Thema zu äussern. Man müsste natürlich auch ein paar starke Argumente im Köcher haben. Vielleicht haben unsere Hörer und Hörerinnen aber auch kein Problem mehr mit Onanie und ehelichen Sexpflichten. Immerhin haben zu meiner Freude doch einige Leute in Mails oder Kommentaren von ihrer eigenen Sexualität erzählt. Diese Schiene wollen wir in einer geplanten zweiten Staffel noch etwas intensiver verfolgen.
Ein Format, das zwar nicht neu ist, das Sie aber erfolgreich weiterführen, sind Ihre Gespräche mit Prominenten wie Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Worüber haben Sie mit ihr gesprochen?
Ich habe sie gefragt, wie es für sie als katholische Person ist, intensiv mit dem protestantisch geprägten Finanzplatz Zürich Kontakt zu haben, ob sie sich da ernstgenommen fühle. Das hat sie bestätigt. Lange habe ich auch mit ihr über Donald Trump und seine sehr dominanten Machtansprüche gesprochen, ihren Umgang mit ihm, aber auch ihre Vorstellung, wie sie ihre eigene Macht einschätzt.
Mit dieser Veranstaltung haben Sie 500 BesucherInnen ins Grossmünster gelockt. Davon können Sie im Alltag nur träumen.
Der Gottesdienstbesuch ist okay, besser als vielerorts. Natürlich könnten es dreimal so viele Leute sein, der Kirchenraum ist ja gross genug. Aber ich frage mich nicht in erster Linie, warum nicht mehr Leute kommen, sondern ob die Anwesenden das erhalten, was sie sich wünschen und brauchen. Oder ob es bloss die Gewohnheit oder das schöne Giacometti-Fenster ist, das sie in den Gottesdienst bringt. Wie gesagt – ich möchte mit meiner Tätigkeit etwas bewegen, und manchmal frage ich mich, ob der Gottesdienst noch die zeitgemässe Form ist. Ich bekomme viel Zuspruch, ja, auch Applaus, was mir guttut, aber meine Zweifel lassen sich damit nicht ganz aus der Welt schaffen.
Welche anderen Formen könnten Sie sich denn vorstellen?
Meiner Meinung nach haben wir zu viele Angebote mit Konsumcharakter. Da werden die Leute eingeladen, zu uns zu kommen und nur als Zuhörerinnen und Zuhörer zu konsumieren. Es sollte mehr Veranstaltungen geben, an denen sich Menschen aktiv durch Mithilfe und Mitsprache einbringen können. Ein Beispiel ist unsere Tavolata, an der viele Menschen beim Kochen, Servieren und Dekorieren der Tische beteiligt sind. Schön finde ich auch Gesprächsrunden und offene Foren, wo nicht ich als Pfarrperson eine Predigt halte, sondern wo wir gemeinsam biblische Texte erarbeiten. Unser Bibelkreis zählt dazu, aber es sollte noch viel mehr vergleichbare Angebote geben.
Lassen Sie Ihre Predigten von ChatGPT schreiben?
Ich habe tatsächlich damit experimentiert, finde die Resultate aber schlecht und unpassend. Zwar entstehen durchaus nachvollziehbare Texte, aber sie animieren nicht zum Nachdenken und lösen weder Irritationen noch Provokationen aus. In meinen Augen ist eine gute Predigt ein Ereignis. Den ChatGPT-Erzeugnissen fehlt es an genau dieser Energie.
Stichwort Provokationen. Sie machen immer wieder sehr markige Aussagen, die sicher viele Leute vor allem im Umfeld der Kirche vor den Kopf stossen. Zum Beispiel: «Das Vertrauen in die Kirche ist verschwunden.» Zack, einfach so, ohne Relativierung. Wollen Sie Unruhe stiften?
Das ist ja eine Aussage, die hinlänglich belegt ist. Nun bleibt die Frage, wie man sie deutet. Ich sage: Wenn etwas schiefläuft, muss man den Tatsachen ins Auge sehen und sie benennen. Ich mache einen Vergleich: Ein Patient hat eine Sepsis an beiden Beinen, der Arzt sagt: «Ich muss beide Beine amputieren oder Sie sterben.» Gut möglich, dass der Kranke sagt: Ich will lieber sterben als zum Krüppel werden. Übertragen auf die Kirche heisst das: Die Kirche hat an beiden Beinen eine schwere Sepsis; überall brechen Dinge weg, Gewissheiten lösen sich auf. Wir haben einen gewaltigen Mitgliederschwund; von den reformierten Jugendlichen kommt weniger als die Hälfte in den Konfirmandenunterricht. Auch auf anderen Ebenen ist der Bedeutungsverlust gross. Das muss man einfach anerkennen. Ich als Seelsorger sehe es drum auch als eine meiner wichtigsten Aufgaben an, diese Realität anzuerkennen. Gleichzeitig aber auch darauf hinzuweisen, dass diejenigen Mitglieder, gerade auch unter den Jungen, die zu uns kommen, von sehr positiven Erlebnissen berichten.
Ganz konkret: Wofür plädieren Sie, für Amputation oder Sterbenlassen?
Ganz klar für die Amputation. Für mich ist die Kirche kein hoffnungsloser Fall, sondern höchstens eine Patientin, die wohl gewisse Dinge wie Kirchenbänke oder Konzeptpapiere «loslassen» sollte, damit sie als Ganzes mit ihren Grundhaltungen, ihrem Glauben und mit ihrer Menschenfreundlichkeit überleben kann.
Am Montag, 26. Oktober, um 18.30 Uhr findet das nächste Grossmünster-Gespräch «Persönlich» statt. Während einer Stunde spricht Christian Walti mit Medienunternehmer Roger Schawinski über «Gott, die Welt und sein Leben hinter der öffentlichen Person.» Eintritt frei, anschliessend gemeinsamer Apéro.
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