«Ich war schon immer Fan von alten Bauten»

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29. Oktober 2026 – Heimatschutz-Präsident Martin Killias kennt Zollikon ziemlich gut. Zuletzt versuchte er – vergeblich – den Abriss der Liegenschaft Alte Landstrasse 93/95 im Dorf zu verhindern. Vor dem «Talk am Puls» vom 5. November beschreibt er eine typische Arbeitswoche.

Martin Killias (Illustration: Willi Spirig)
Martin Killias (Illustration: Willi Spirig)

Meine Wochen verlaufen meist ziemlich turbulent. In der Regel arbeite ich an mehreren Projekten beziehungsweise Fällen gleichzeitig. Da ist es nicht immer ganz einfach, den Überblick zu behalten, und erfordert von mir, strikt Prioritäten zu setzen: erst das, dann das, dann jenes.

Das Resultat? Pro Woche reiche ich mindestens zwei, manchmal aber auch vier Rechtsschriften ein. Da ich älter bin und viel Erfahrung habe, geniesse ich den Vorteil, dass ich schneller schreibe. Kürzer als fast alle anderen Berufskollegen habe ich schon immer geschrieben. Seinerzeit als Professor habe ich das kürzeste Strafrechts-Lehrbuch im deutschsprachigen Raum verfasst: 350 Seiten, während alle anderen Lehrbücher 1000 Seiten und mehr umfassten. Auch meine Urteile waren immer kurz, was den Gerichten sicher nicht unangenehm war. Ich bin überzeugt, dass auch die heutigen Richter und Richterinnen erleichtert sind, wenn sie nach der 48-seitigen Rechtsschrift der Gegenseite meine lesen, die höchstens 10, oft auch nur 6 Seiten lang ist.

Für das Verfassen der Rechtsschriften des Heimatschutzes bin ich verantwortlich. Aber die Vorarbeit mit den lokalen Behörden, den Gemeinderäten und den Bauherrschaften und das Zusammentragen aller wichtigen Fakten erledigen wir immer in unserem gut funktionierenden Team. Nehmen Sie unseren Bauausschuss! Dort beschliessen wir, bei welchen Objekten wir aktiv werden wollen. Der jeweilige Projektverantwortliche sorgt dafür, dass ich die nötigen Unterlagen und ein kleines Argumentarium bekomme, warum wir einen Abbruch ablehnen. Auf dieser Basis verfasse ich dann die Rechtsschrift.

Das Schreiben ist natürlich nur ein Teil meiner Arbeit; dazu kommen mehrere Auswärtstermine pro Woche. Heute bin ich bei einer Bauherrschaft in Volketswil; danach habe ich eine Sitzung am Geschäftssitz des Schweizer Heimatschutzes in Zürich, morgen bin ich vor Gericht, übermorgen vielleicht bei meinen Kollegen vom Waadtländer Heimatschutz in Vevey. Wenn die Zeit reicht, mache ich noch einen Abstecher in mein kleines Büro in Lenzburg, wo ich an einem ziemlich aufwändigen Fall weiterarbeite. Meine produktivste Phase habe ich zwischen 21 und 23 Uhr. Wenn ein Fall dringend ist, mache ich auch mal bis 3 oder 4 Uhr morgens weiter. Die vom Gericht gesetzten Fristen sind nun einmal unverrückbar.

Im Verlauf des Vormittags widme ich mich eher den 50 bis 100 Mails, die täglich bei mir landen. Darunter sind natürlich viele, die ich nicht einfach wegklicken kann: Anfragen, die ich selber beantworten oder zu denen ich mir mindestens überlegen muss, wem ich die weiterleiten könnte oder wer zu diesem oder jenem Thema am besten Bescheid weiss. Das braucht pro Anfrage schnell einmal 10 Minuten, was sich mit der Zeit summiert.

All das stresst mich nicht. Schwierig sind höchstens jene Phasen, in denen ich noch nicht klarsehe, wie ich in einem Fall argumentieren soll. Alle Fakten liegen auf dem Tisch, aber mir fehlt noch die geeignete Strategie. Meistens macht es dann irgendwann klick: auf einer Zugfahrt, auf dem Velo, auf dem Sofa nach dem Nachtessen, und der Knoten löst sich.

Wenn mich die Leute fragen, wieviel Prozent ich eigentlich arbeite, sage ich: Es ist ehrenamtlich, und ehrenamtlich heisst immer Vollzeit plus Wochenende. Natürlich könnte ich mit 78 Jahren längst kürzertreten, aber im sogenannten Ruhestand würde ich mich schrecklich langweilen. Ich bin dankbar, konnte ich mich in meiner Funktion als Präsident des Heimatschutzes nochmals regelrecht neu erfinden. Ich war zwar schon immer ein Fan alter Bauten, aber mein jetziges Leben sieht doch völlig anders aus als das frühere.

Eine Änderung, die ich etwas bedauere, ist die Aufgabe des Reitsports. Bis vor rund zweieinhalb Jahren hatte ich ein eigenes Pferd, mit dem ich fünfmal pro Woche, meist gegen Abend, ausgeritten bin. Das waren wunderbare Stunden, in denen ich auch sehr gut nachdenken konnte und auf Ideen kam. Doch mein letztes Pferd wurde mit der Zeit immer unberechenbarer, ja, gefährlich und ist an Orten durchgegangen, die es eigentlich gut kannte. Der Tierarzt meinte, vielleicht gebe es ja auch bei Tieren eine Art Demenz, die mein Pferd getroffen habe. Seither treibe ich nicht mehr besonders viel Sport. Mal am Wochenende Velofahren, sonst nichts. Aber in meinem Alter darf man sich ja auch ein bisschen zurücklehnen. Als guter Esser sollte ich höchstens etwas auf meine Figur achten.» (aufgezeichnet von Barbara Lukesch)

 «Talk am Puls»: Donnerstag, 5. November 2026. Die Bar öffnet um 19 Uhr, der Talk beginnt um 19.30 Uhr, anschliessend gemütliches Beisammensein. Der Eintritt ist frei.

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